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NSA-Zentrale in Fort Meade: Der US-Geheimdienst bespitzelte gezielt EU-Botschaften.
NSA-Zentrale in Fort Meade: Der US-Geheimdienst bespitzelte gezielt EU-Botschaften.(Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Wirtschaft fürchtet NSA-Spionage: Das Patent zum Abkupfern

Von Hannes Vogel

Bürger, Datenschützer und befreundete Regierungen weltweit erzürnen sich über die Totalüberwachung durch die US-Spähprogramme. Mit ihrer Datensammelwut schaffen die US-Dienste ein gigantisches Missbrauchspotenzial - auch für Wirtschaftsspionage.

Die Blamage wog schwerer als alle bisherigen Enthüllungen von Edward Snowden: Der Geheimdienst NSA hat laut "Spiegel" offenbar gezielt das EU-Ratsgebäude in Brüssel sowie die Botschaften der EU in Washington und bei den Vereinten Nationen verwanzt. Der gezielte Lauschangriff auf vermeintliche "Freunde" gibt Anlass, die Absichten der gigantischen Überwachungsprogramme zu hinterfragen, die NSA-Whistleblower Edward Snowden enthüllt hat. Denn bislang galten EU-Vertretungen nicht gerade als Hort des Terrorismus, der mit den Schnüffeldiensten ja angeblich bekämpft werden soll.

Das Problem mit Amerikas Datensammelwut ist nicht nur, dass die Freiheit des Bürgers der westlichen Welt dank "Prism" und "Tempora" offenbar nur noch von Laune und Ermessen der Bürospione im NSA-Hauptquartier in Fort Meade abhängt. Die andere große Gefahr der grenzenlosen Totalüberwachung ist das gigantische Missbrauchs- und Erpressungspotenzial, das sich aus dem riesigen Datenschatz ergibt, den sie täglich in der ganzen Welt zusammenrauben.

Was passiert, wenn die Daten aus Prism und anderen Überwachungsprogrammen in die falschen Hände geraten? Was, wenn einer der tausenden Mietspione in Diensten der NSA sein Smartphone oder Laptop in der U-Bahn verliert? Was, wenn er pikante Informationen aus dem Online-Leben unliebsamer Personen weitergibt oder brisante Daten an den Meistbietenden verkauft? Der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning ist mit einer Geheim-DVD aus einer US-Militärbasis im Irak stolziert. Snowden ließ interne NSA-Dokumente mitgehen, ohne dass es jemand merkte.

In der Wirtschaft wächst die Angst

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Seit den neusten Enthüllungen drängt sich ein weiterer Verdacht auf: Was, wenn die US-Regierung mithilfe der Spähprogramme gar gezielt ausländische Konkurrenten amerikanischer Konzerne ins Visier nimmt, um ihnen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen? Aus der schrankenlosen Lizenz zum Abhören würde dann die unbegrenzte Lizenz zum Abkupfern. Auch (oder gerade) von Unternehmen in befreundeten Staaten.

Die deutschen Maschinenbauer sind bereits alarmiert: "Die massiven Spionageaktivitäten haben unsere Vermutungen bestätigt, dass man auch vor der Bespitzelung befreundeter Staaten nicht sicher sein kann", erklärte der Verband Deutsche Maschinen- und Anlagenbau. Die Spähprogramme ließen "die Sorge aufkommen, dass auch gezielt Wirtschafts- und Industriespionage betrieben wird". Das "Ausmaß der Überwachung und Speicherung von Daten durch die NSA sind aus Sicht der deutschen Industrie beunruhigend", zeigte sich auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beunruhigt. "Wirtschaftsspionage unter engen Partner ist nicht akzeptabel", donnerte auch Wirtschaftsminister Rösler.

Das Thema Wirtschaftsspionage steht nicht erst seit der Enthüllung des Prism-Programms auf der Tagesordnung. Gerade Firmen im Hochtechnologiebereich überrascht die Schnüffelei nur wenig. "Selbstverständlich war das Thema Geheimschutz schon ein Thema, lange bevor die heute üblichen Kommunikationsmittel eingeführt wurden", teilt ein EADS-Sprecher mit. "Wir müssen davon ausgehen, dass sämtliche Länder, die in der Luft- und Raumfahrt tätig sind, auch bestrebt sind, Informationen über unser Unternehmen zu gewinnen."

Alte Gewissheiten, neue Möglichkeiten

Es ist nicht so sehr die alte Gewissheit, dass abgehört wird, die die Firmen beunruhigt. Es sind die neuen Möglichkeiten, die sich mit der Totalüberwachung ergeben. Auch Firmenmitarbeiter schreiben Emails von Privat-Adressen, haben Facebook-Profile, nutzen Twitter-Accounts, telefonieren mit Handys - so können im riesigen Schleppnetz der NSA auch sensible Firmendaten hängenbleiben. SAP wehrt sich laut einem Sprecher "mit einer Fülle von Maßnahmen gegen Angriffe aus dem Internet und gegen versuchte Übergriffe auf Kundendaten". Der Softwarekonzern nutzt beispielsweise Hochverschlüsselungssysteme, um Daten online zu übertragen und Diensthandys vor Lauschangriffen zu schützen.

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Zudem sollte man die Informationen, die über Schnüffeldienste gewonnen werden können, auch nicht überschätzen, sagen Firmenvertreter hinter vorgehaltener Hand. Die Marktführerschaft müsse sich ein globaler Konzern über Jahre erarbeiten, man könne sie ihm nur schwer mit einer einzigen E-Mail stehlen. Und selbst wenn ein Datenräuber Erfolg habe, könnten Konzerne den Einbruchschaden immer noch mit Patentklagen begrenzen.

Dennoch ist schwer zu glauben, dass die US-Regierung hilfreiche Informationen nicht nutzen würde, wenn sie ihr in die Hände fallen, gerade bei staatsnahen Industrien, die wie Raumfahrt, Verteidigung, Telekommunikation und Finanzsektor direkt die nationale Sicherheit betreffen. Und sei es nur, um ihren Firmen einen winzigen Verhandlungsvorteil zu verschaffen – daher vermutlich auch die US-Wanzen am diplomatischen Puls der EU.

Opfer und Spione zugleich

Das Unbehagen über das Potenzial der neuen Schnüffeldienste ist deutlich spürbar. Zwar bieten Verschlüsselungstechniken einen sicheren Schutz gegen das Abhören. Wenn die Daten jedoch abgezapft, kopiert und gespeichert werden, hat der NSA allerdings mehr Zeit den Code zu knacken. Darüber besorgt, dass die US-Regierung die NSA-Programme gezielt nutzt, um Informationen über deutsche Firmen zu gewinnen und an amerikanische Konzerne weiterzureichen, sind viele Firmen. Öffentlich sagen will es dennoch keiner.

Zu groß ist offenbar das politische Fettnäpfchen, in das sie treten könnten. Der Volkswagen-Konzern will zu den Spähprogrammen der US-Regierung gar keine Stellung nehmen. Man darf annehmen, dass auch europäische Geheimdienste Konzerne aus "befreundeten" Staaten nach Kräften ausspionieren, nur ist darüber weniger bekannt als über die US-Programme.

Zudem sind einige Unternehmen längst nicht nur Opfer von Spionage, sondern beteiligen sich daran. Laut "Spiegel" arbeiten Dutzende Konzerne wissentlich mit der NSA bei der Totalüberwachung des Internets zusammen, unterhält der Dienst laut dem NSA-Experten Bamford streng geheime Beziehungen mit vielen Telekommunikationsfirmen. Es gebe "Allianzen mit über 80 großen globalen Firmen", heißt es laut "Spiegel" in einem von Snowdens Dokumenten. Eine Kooperation besteht demnach bereits seit 1985. Die Geheimabkommen sind so brisant, dass sie laut "Spiegel" selbst in den NSA-internen Dokumenten, die Snowden mitgehen ließ, nur mit Codenamen bezeichnet werden.

Die Deutsche Telekom teilt mit, sie gewähre "ausländischen Diensten keinen Zugriff auf Daten sowie Telekommunikations- und Internetverkehre in Deutschland". Einer möglichen Anfrage der NSA an ihre US-Tochter T-Mobile kann sich der Konzern aber nicht widersetzen. Ebensowenig wie dem Recht auf "Strategische Fernmeldeüberwachung" von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz nach dem deutschen G10-Gesetz.

Quelle: n-tv.de

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