Wirtschaft
Dass die Technikbranche tatsächlich mehr Arbeitsplätze schafft, ist umstritten.
Dass die Technikbranche tatsächlich mehr Arbeitsplätze schafft, ist umstritten.(Foto: picture alliance / dpa)

IT-Branche streicht im Boom Stellen: Das US-amerikanische Job-Paradox

Von Roland Peters

Wer über den Atlantik guckt, reibt sich die Augen: In den USA sind seit 15 Jahren nicht mehr so viele Arbeitsplätze entstanden wie 2014. Die größten Jobvernichter sind indes Microsoft, Hewlett-Packard und Cisco. Dafür gibt es eine Erklärung.

"Werden wir eine Wirtschaft akzeptieren, in der es wenigen von uns besonders gut geht? Oder werden wir uns für Wirtschaft einsetzen, die steigende Einkommen und Chancen für alle ermöglicht?" Dieser Satz stammt aus der Rede zur Lage der Nation, gehalten von US-Präsident Barack Obama. Vielen Beschäftigten in der US-Technikbranche werden diese Worte in den Ohren geklungen haben, oder, um es richtig zu sagen: Ex-Beschäftigten.

In den USA gibt es derzeit eine paradoxe Entwicklung: Große Firmen im Technologiesektor, der Motor von Innovation und vermeintlicher Wegbereiter in eine rosige wirtschaftliche Zukunft, kürzen Arbeitsplätze. Mehr als 100.000 Jobs gingen im vergangenen Jahr in den USA nur in diesem Wirtschaftsbereich verloren, das erste Mal seit dem großen Krisenjahr 2009. Das sind mehr als ein Fünftel aller abgebauten Arbeitsplätze. Die Liste der Jobvernichter wird einer Analyse zufolge von drei Branchenriesen angeführt: Microsoft, Hewlett-Packard und Cisco. Es sind zugleich die massivsten Jobabbauprogramme der gesamten US-Wirtschaft. Mit diesen Firmen hört es jedoch nicht auf - Intel kürzte bei seiner Personaldecke, Ebay hat Kürzungen im Personalbereich angekündigt, und Yahoo strich bereits in den Jahren zuvor Tausende Stellen.

Doch warum passiert der große Abbau ausgerechnet in die Zeit, in denen Obama die Wirtschaftskrise für beendet erklärt und die US-Arbeitslosigkeit unter den Stand von 2009 gefallen ist? Seit 15 Jahren ist die US-Wirtschaft nicht mehr so schnell wie 2014 gewachsen. Der im Februar 2009 von Obama unterzeichnete "American Recovery and Reinvestment Act", ein staatliches Investitionsprogramm im Wert von rund 787 Milliarden US-Dollar, trägt offensichtlich nicht überall Früchte. Microsoft allein schickt 18.000 Mitarbeiter weg, so viele wie noch nie in seiner Firmengeschichte. Bei HP waren es 16.000.

Träge Tanker

Steuert den Konzern um: Microsoft-Chef Satya Nadella.
Steuert den Konzern um: Microsoft-Chef Satya Nadella.(Foto: AP)

Eine grundsätzliche Erklärung für dieses Problem wäre: Konzerne wie Microsoft und HP hatten es vorher nicht nötig umzusteuern und merken in den Zeiten des Booms, dass sie von der Konkurrenz derzeit abgehängt werden. Da diese vor allem im asiatischen Ausland sitzt, gibt es keinen Jobtransfer innerhalb der Vereinigten Staaten, sondern über die Grenze. Beim Blick auf Microsoft sind der auf interne Umstrukturierungen und Führungswechsel folgende Multiplattform-Ansatz von Windows 10, die Hologramm-Brille und der Versuch, die Spielkonsole Xbox One eng mit dem eigenen Betriebssystem zu verknüpfen, ein deutlicher Fingerzeig in diese Richtung.

Als hätte er es geahnt, analysiert Andrew Keen dieses Phänomen in seinem Buch "Das digitale Debakel". Einst waren sie große geschäftliche Pioniere, nun sind die Schwergewichte der Branche träge geworden. "Internetmonopolisten wie Google und Amazon erinnern zunehmend an die aufgeblähten internationalen Konzerne des Industriezeitalters", schreibt Keen, der selbst an mehreren Startup-Gründungen im Silicon Valley beteiligt war und seit Jahren zu den bekanntesten Kritikern der digitalen Netzwerkgesellschaft gehört.

Um die Marktmacht solcher Monopolisten zu durchbrechen, mehr Innovation und damit Jobs zu schaffen, sei die Aufspaltung von Google eine Möglichkeit, sagt er im Gespräch mit n-tv.de: "Dabei denke ich vor allem an die Abspaltung der Suchmaschine, die in Europa noch mehr ein Monopol ist als in den USA." Auch deutsche Politiker haben sich bereits ähnlich geäußert, die Diskussion findet vor allem auf EU-Ebene statt.

Keen zielt aber nicht nur auf Google, sondern erklärt die Technikbranche, wie sie derzeit funktioniert, für gescheitert. Das Internet und die Demokratisierung der Inhalte schaffe nicht mehr Jobs, im Gegenteil. Eine Elite bereichere sich auf Kosten der Nutzer, für die es aber als Folge immer weniger gute Mittelklasse-Jobs gebe, sagt Keen. Diese klassischen Arbeitsplätze gingen so verloren und führten zu mehr Ungleichheit.

"Software frisst unsere Jobs"

Eines seiner Beispiele ist Instagram. Als Facebook die Foto-App kaufte, war sie 1 Milliarde Dollar wert. Die Firma beschäftigte weniger als 20 Personen. Beim Fotokonzern Kodak hingegen arbeiteten zu dessen besten Zeiten 145.000 Menschen. Im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung verlor die Firma ihr Kerngeschäft. Im Jahr 2013 waren es dann noch 8800 Mitarbeiter. Und als Facebook später den Messenger Whatsapp für 20 Milliarden Dollar kaufte, arbeiteten dort 55 Personen.

"Software frisst unsere Jobs", schlussfolgert Keen. Ein Hauptbestandteil des Problems sind demnach die Monopolisten auf dem Markt. Google etwa sei wesentlich größer als die gigantischen Industriekonzerne General Motors oder General Electric. Der Unterschied: "Bei Google arbeiten etwa 40.000 Personen, bei General Motors waren es 160.000." Wenn sogar ein Technologieriese wie Google nicht ausreichend Arbeitsplätze schaffe, müsse es ein grundsätzliches Problem geben. Der Effekt: Die Technikriesen schöpfen riesige Gewinne ab, Startups werden zu einem absurd hohen Preis gehandelt - und nur eine kleine elitäre Gruppe der Gesellschaft profitiert.

Die Zahlen zum Arbeitsplatzabbau in der Branche lesen sich wie eine Bestätigung dieser These. Nach der Computerbranche hat der Einzelhandel in den USA die meisten Jobs gestrichen. Der leidet unter Online-Händlern wie Amazon, die Bücher ohne Preisbindung zu Tiefstpreisen verhökern. "Das Gleiche wird in Deutschland passieren", unkt Keen. Die Verantwortlichen für diese Entwicklung sieht er in den USA. "Silicon Valley läuft Gefahr, die neue Wall Street zu werden, der Ort, den jeder hasst."

 

Quelle: n-tv.de

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