Wirtschaft
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Samstag, 17. Dezember 2016

Trump rettet 1000 Jobs: "Das war ein törichter Publicity-Stunt"

Von Hansjürgen Mai, Charlotte (North Carolina)

Donald Trump hat es geschafft, knapp 1000 Arbeitsplätze vor dem Weggang ins Ausland zu bewahren. Was nach einem großen Erfolg klingt, ist politisch umstritten und könnte wirtschaftlich unklug gewesen sein.

Schon im Wahlkampf hat Donald Trump amerikanischen Firmen, die ihre Produktion in Billiglohnländer verlegen wollen, den Kampf angesagt. Eine dieser Firmen ist der Klimaanlagen- und Heizungshersteller Carrier.

Die Marke, die zu United Technologies gehört, hatte im Februar angekündigt, ihr Werk in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana zu schließen und die Produktion ins preisgünstigere Mexiko zu verlegen. Durch finanzielle Zugeständnisse gelang es Trump und seinen zukünftigen Vizepräsidenten Mike Pence, der zugleich Gouverneur von Indiana ist, knapp die Hälfte der 2000 Stellen zu erhalten.

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"So wird es in Zukunft gemacht", sagte Trump der "New York Times" anschließend. "Amerikas Unternehmen müssen verstehen, dass wir uns auch um unsere Arbeiter kümmern müssen. Ich will nicht, dass Firmen ohne Konsequenzen das Land verlassen können."

Wenn die Kritiker Recht haben, dann gefährdet Trump mit seiner Strategie allerdings eher Arbeitsplätze, als sie zu retten. "Das macht wirtschaftlich keinen Sinn", sagt Sumit Ganguly, Professor für Politikwissenschaften an der Indiana University, im Gespräch mit n-tv.de. "Das sind meine Steuern, sieben Millionen Dollar, die Indiana für Bildung, das Gesundheitssystem oder viele andere Dinge hätte ausgeben können. Das ist nicht der Weg, um Arbeitsplätze im Land zu halten. Es ist eine schreckliche Entscheidung. Die Regierung sollte sich nicht daran beteiligen, Gewinner und Verlierer zu bestimmen."

Um das Werk in Indianapolis nicht vollständig zu schließen, erhielt United Technologies einen Steuernachlass über sieben Millionen Dollar vom Bundesstaat Indiana. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen einen Gewinn in Höhe von 7,6 Milliarden Dollar ausgewiesen.

"Wer kommt für die Kosten auf?"

In einem Kommentar für die "Washington Post" schrieb Bernie Sanders, der im Vorwahlkampf der Demokraten Hillary Clinton unterlegen war, dass die Familien der 1000 Carrier-Mitarbeiter Grund zur Freude hätten. "Aber die anderen Arbeiter unserer Nation hat Grund, nervös zu sein."

Trump habe "jedem Unternehmen in den USA signalisiert, dass diese mit der Drohung, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlegen, firmenfreundliche Steuervorteile und Anreize aushandeln können", so Sanders. "Sogar Unternehmen, die noch gar nicht darüber nachgedacht haben, Stellen ins Ausland zu verlegen, werden heute Morgen wahrscheinlich ihre Position überdenken. Und wer würde für die hohen Kosten aufkommen, die diese Steuererleichterungen zugunsten reicher Geschäftsleute verursachen? Amerikas Arbeiterschicht."

Wie Sanders befürchtet auch der Politologe Sumit Ganguly, dass andere Unternehmen Trumps Entscheidung für sich nützen könnten und versuchen, den Staat zu erpressen. "Es führt zu verkehrten Anreizen für Firmen. Diese sagen sich, auch wir könnten die Hilfe der Regierung gut gebrauchen", so Ganguly.

Republikaner sagen nichts

Darüber hinaus sei "eine gewisse Art der Heuchelei" zu erkennen. "Trump und andere Republikaner haben Präsident Barack Obama kritisiert, als dieser die amerikanische Autoindustrie inmitten einer wirtschaftlichen Krise mit einem Rettungspaket vor dem Aus bewahrte. Obama rettete die Wirtschaft vor einem Desaster. Jetzt ist niemand öffentlich aufgetreten, um diesen außergewöhnlich törichten Publicity-Stunt von Trump zu kritisieren."

Um zu verstehen, warum es so gut wie keine Kritik aus der eigenen Partei – die traditionell als Partei der freien Marktwirtschaft auftritt – gab, reicht ein Blick auf Trumps Umfragewerte nach der Bekanntgabe. Laut einer Umfrage von des Instituts Morning Consult für die Nachrichtenseite Politico hat Carriers Entscheidung, nicht alle Stellen zu streichen, die Haltung der Wähler durchaus beeinflusst. Sechzig Prozent der Befragten gaben an, dass der Arbeitsplatzerhalt ihre Meinung zu Trump verbessert habe.

"Die Carrier-Bekanntgabe war wichtig für Trump", sagte Kyle Dropp von Morning Consult. "Selten sehen wir so hohe Zahlen, wenn wir uns anschauen, wie spezifische Mitteilungen und Veranstaltungen die öffentliche Meinung beeinflussen."

Deutsche Unternehmen in den USA nervös

Trump ist nicht nur wegen solcher Umfragewerte kritikresistent. Mit Carrier hat er gezeigt, dass er einen drohenden Verlust von Arbeitsplätzen in den USA verhindern kann. Wie und mit welchen Methoden, spielt dabei für ihn und wohl auch für einen großen Teil der Bevölkerung nur eine untergeordnete Rolle. Trump hat mit der Rettung bewiesen, dass sein Wahlkampf-Motto "America First" auch nach der Wahl sein Kredo bleibt.

Um andere Firmen erst gar nicht auf die Idee zu bringen, das Land zu verlassen, kündigte Trump zudem an, Zoll- und Einfuhrgebühren bis auf 35 Prozent zu erhöhen. Zwar war dies in erste Linie auf Amerikas Handelsdefizite mit Mexiko und China bezogen, doch könnten auch deutsche Firmen davon betroffen sein. Mehr als 350 deutsche Firmen sind den Deutsch-Amerikanischen Handelskammern zufolge allein in North und South Carolina ansässig und verfolgen die Pläne des neuen US-Präsidenten mit gespannter Nervosität.

"Die produzierende Industrie ist natürlich empört und in Panik verfallen", sagte Rechtsanwalt Daniel Christmann n-tv.de. Christmann, der seit sieben Jahren in Charlotte lebt und ursprünglich aus Garmisch-Partenkirchen stammt, hört als Spezialist in Sachen Einwanderungsrecht fast täglich die Sorgen aus der Industrie. "Es ist sehr schwer abzuschätzen, was sich letztendlich in die Realität umsetzen wird. Es wäre natürlich ein Totschlag für den deutschen Export, würde aber auch der amerikanischen Industrie und Wirtschaft schaden. Von daher kann ich mir schwer vorstellen, dass sich das in dem Maße umsetzen wird."

Deutschland ist der fünftgrößte Handelspartner der USA, wenn es um den Import von Waren geht. Deutsche Firmen zahlen eine durchschnittliche Einfuhrgebühr von 1,5 Prozent auf ihre Güter. Im letzten Jahr ergaben sich dadurch Einnahmen von 1,8 Milliarden Dollar für den amerikanischen Fiskus. China, der größte Importeur von Waren in die USA, zahlte 14,4 Milliarden Dollar an die amerikanische Haushaltskasse im vergangenen Jahr.

Deutsche Firmen sehen zwiegespalten in die Zukunft. “Wir haben von Unsicherheit unter deutschen Unternehmen im Bezug auf deren Direktinvestitionen in den USA gehört", sagte Kristina Stauf, die das Büro der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Charlotte leitet. Es gebe allerdings auch Unternehmen, die mit einem "positiven Ausgang für ihre US-Operationen" rechneten. Dennoch sagt sie: "Die USA sollten ihre Beziehung mit Europa nicht als selbstverständlich hinnehmen. Es ist eine Beziehung die erhalten und gepflegt werden muss."

Quelle: n-tv.de

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