Wirtschaft
Am Nachmittag gelingt der Sprung: Der deutsche Leitindex Dax spitzt kurz über die Marke bei 10.000 Punkten.
Am Nachmittag gelingt der Sprung: Der deutsche Leitindex Dax spitzt kurz über die Marke bei 10.000 Punkten.(Foto: REUTERS)

Zinssenkung plus Geldspritze: Dax durchbricht "magische Marke"

Historischer Höchststand an der Börse: Der Dax springt im Handelsverlauf kurzzeitig über die Schwellle bei 10.000 Punkten. Zum ersten Mal in seiner Geschichte dringt der deutsche Leitindex auf fünfstelliges Terrain vor.

Die Zinsentscheidung der Währungshüter entfacht an der Börse zusätzlichen Rückenwind: Nach mehreren Anläufen hat der deutsche Leitindex Dax die Kursschwelle von 10.000 Punkten überwunden. Damit ist der seit Tagen erwartete Aufstieg über die eigentlich nur psychologisch bedeutsame Marke zumindest im Handelsverlauf geglückt. Bis zum Abend konnte sich der Dax nicht auf diesem Niveau halten: Zum Handelsschluss verabschiedete sich der Leitindex lediglich 0,2 Prozent fester bei 9948 Zählern. Das bisherige Rekordhoch auf Schlusskursbasis liegt bei 9992,33 Punkten.

Marktbeobachter sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Kursfeuerwerk und der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB): Die Währungshüter um EZB-Chef Mario Draghi hatten gegen 13.45 Uhr (MESZ) den für alle Kreditgeschäfte im Euroraum maßgeblichen Leitzins von einem ohnehin schon außergewöhnlich niedrigen Niveau von 0,25 Prozent auf das neue Rekordtief von 0,15 Prozent abgesenkt. Der Schritt war an den Märkten erwartet worden. Abgesehen von allen beabsichtigten und unbeabsichtigten Nebenwirkungen macht die Maßnahme die Geldanlage am Aktienmarkt aus Investorensicht attraktiver.

Über die Marke sprang der Dax allerdings erst am frühen Nachmittag: Im Anschluss an die Zinsentscheidung trat EZB-Chef Draghi wie üblich gegen 14.30 Uhr vor die Presse, um dort im Rahmen der traditionellen Erläuterungen zusätzliche konjunkturstimulierende Maßnahmen zu verkünden. Parallel dazu sprang der Dax im Frankfurter Aktienhandel zum ersten Mal in seiner knapp 26-jährigen Geschichte über die Kursschwelle bei 10.000 Punkten. Das Tageshoch aus dem Verlauf liegt bei 10.013,69 Punkten. Prozentual entsprach das einem Aufschlag von gut 0,7 Prozent.

Unter den prominenteren Standardwerte-Indizes gibt es Experten zufolge nur wenige Kursbarometer, die es bislang bis in solche Höhen geschafft haben. Zum Vergleich: Der Dow Jones - die Mutter aller Börsenbarometer - brauchte für den Aufstieg über die 10.000 Punkte mehr als 100 Jahre. In Europa hat der Dax punktemäßig die meisten bekannten Schwergewichte unter den nationalen Börsenindizes längst abgehängt. Der "Footsie", der die 100 größten britischen Börsenwerte zusammenfasst, hat es bislang noch nicht einmal über die 7000er Marke geschafft.

Bemerkenswert steiler Aufstieg

Fünfstellig sind unter den bekannten europäischen Indizes nur diejenigen aus Madrid und Mailand, die aktuell bei über 10.950 beziehungsweise bei 22.100 Zählern liegen. Der Eurostoxx50, der die Kursentwicklung der größten Unternehmen der Eurozone widerspiegelt, läuft dem Dax dagegen hinterher.

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Mit etwa 3280 Punkten und maximal 5522 Zählern, die er am 7. März 2000 erreicht hatte, ist er noch ein gutes Stück von der Fünfstelligkeit entfernt. Er ist aber wie der 1896 eingeführte Dow ein Kurs-Index. Wenn man den Dax als Kursindex berechnet, liegt er nur bei 5150 Zählern. Hier liegt ein gewichtiger Unterschied: Der Dax, der so vielen Anlegern als Richtschnur dient, versteht sich dagegen als Performance-Index.

Der Arbeitskreis Aktienindizes entscheidet regulär einmal im Jahr - in der Regel im September - über die Zusammensetzung des Dax. Ausschlaggebend für die Mitgliedschaft sind Börsenumsatz und Marktkapitalisierung.

Elektronisch erst seit 1991

Als der Dax am 1. Juli 1988 an den Start ging, notierte er nicht bei null. Vielmehr begann er mit 1000 Punkten. Seine erste "politische" Feuertaufe überstand der Index schon etwas mehr als ein Jahr später: am 9. November 1989 beim Fall der Berliner Mauer. Allerdings ließen die Börsianer die Sektkorken erst ein paar Wochen später knallen, als das Börsenbarometer erstmals die 1700 Punkte-Marke durchbrach. Anfang November hatte es noch bei 1470 Zählern gelegen.

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Die technischen Voraussetzungen für den Siegeszug des Dax schaffte die Frankfurter Börse mit der Einführung des elektronischen Handels. Das Ibis-System - ein Vorläufer des heutigen Xetra-Handels - wurde am 5. April 1991 gestartet und bescherte den Börsianern längere Handelszeiten. Anfangs stand das System auch noch in Konkurrenz zur Parkettbörse. Dem alten Handelssaal ging es erst mit der Einführung des Xetra-Handels im November 1997 an den Kragen.

Bei den Anlegern punktete der Dax mit der Einführung der sogenannten Baby-Aktien am 1. Juni 1995. Damit ist die Senkung des Nennwertes auf fünf von 50 DM gemeint, wodurch eine Aktie statt 700 nur noch 70 DM kostete. Plötzlich waren Aktien auch für Privatanleger erschwinglich.

Robert T-Online macht den Dax populär

Doch alle diese Neuerungen konnten nicht bewirken, was die Deutsche Telekom mit ihrem Börsengang am 18. November 1996 für die Aktienkultur in Deutschland mit einem Schlag schaffte. Plötzlich war der Dax in aller Munde. Ob "Tagesschau" oder "Heute" - die Börsenentwicklung spielte auf einen Schlag eine Rolle. Selbst die "Bild"-Zeitung interessierte sich für das Treiben an den Märkten. Menschen, die noch niemals eine Aktie besessen hatten, kannten nun plötzlich die Börsenkurse auswendig.

Den Dax trieb die Euphorie in nie gekannte Gipfelhöhen: Er stieg von rund 2768 Punkte am Tag des Telekom-Börsendebüts auf 8136 Zähler am 7. März 2000. In drei Jahren und drei Monaten hatte sich der Dax fast verdreifacht.

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Der Start des Neuen Marktes am 10. März 1997 im Zuge der weltweiten Internet-Euphorie tat das Seine. Ein wahrer Boom an Börsengängen folgte, 1999 trauten sich 132 Firmen aufs Börsenparkett. Zu den spektakulärsten Neuemissionen zählte die Telekom-Tochter T-Online sowie die Halbleitersparte von Siemens, Infineon.

Die Euphorie für Aktien verpuffte jedoch zusehends. Verfehlte Prognosen, ausufernde Verluste bei den oft nur wenige Jahre alten Firmen - nach der Jahrtausendwende kam der Niedergang. Nach einer Reihe von Skandalen um Insiderhandel und Betrug schloss die Deutsche Börse im März 2003 das Segment für junge, wachstumsorientierte Unternehmen.

Die Angst vor dem Crash

Der sicher schwärzeste Tag für viele Börsianer war der 11. September 2001. Dass der Dax am Tag der Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon bei Washington rund 9 Prozent einbüßte, war gewiss nicht das schlimmste. In den beiden New Yorker Hochhaustürme arbeiteten Kollegen, die Wall Street liegt quasi um die Ecke.

Mit dem Index ging es danach noch tiefer in den Keller. Im Vorfeld des Einmarsches von US-Truppen in den Irak im März 2003 fiel der Dax unter 2200 Punkte und damit auf das Kursniveau vom November 1995. Binnen drei Jahren waren die Gewinne im Zuge der Telekom-Privatisierung also wieder aufgezehrt. Der Dax büßte in diesem Zeitraum knapp 73 Prozent ein.

Das Comeback ließ auf sich warten. Zu viele - ob Profis oder Kleinanleger - hatten sich am Neuen Markt die Finger verbrannt. Es dauerte bis zum 13. Juli 2007 - einem Freitag - bis der Dax den Rekord aus dem Jahr 2000 einstellte und mit 8151 Punkten eine vorläufig neue Marke setzte. Wie schon 2000 war das aber nicht von Dauer. Die Pleite der US-Bank Lehman war nur der Höhepunkt einer monatelangen Bankenkrise.

Gerettet wurden die Geldinstitute von den Zentralbanken, die einen Sturm der Verbraucher auf einzelne Banken um jeden Preis vermeiden wollten. Die US-Notenbank Fed warf die Notenpresse an. Dank dem vielen billigen Geld, das nun in die Märkte kam, ging es mit den Kursen an den Börsen weltweit bald wieder nach oben. Die Euro-Schuldenkrise bremste zwar. Doch die niedrigen Zinsen weltweit ließen vielen Investoren kaum eine Wahl. Davon profitierte der Dax besonders. Denn bei einem globalen Wirtschaftsaufschwung liegt die deutsche Exportindustrie besonders gut im Rennen.

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Quelle: n-tv.de

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