Nachwuchs für die EurozoneDer Euro rollt nach Lettland

"Apsveicu Latvija", das ist Lettisch und heißt "Glückwunsch Lettland". Lange hat das Land auf den Euro gewartet, jetzt will Brüssel offenbar grünes Licht geben. Doch noch bevor die Menschen in Lettland mit dem Euro bezahlen, macht sich - hier wie dort - Skepsis breit. Und: Viele Letten wollen den Euro gar nicht mehr.
Lettland ist das Herz des Baltikums: Reich an Seenketten, Moränenhügeln und zahlreichen Wäldchen. Die unberührten Naturlandschaften sind die perfekte Postkartenidylle. Für diesen Traum muss die Urlaubskasse demnächst nicht mal mehr zur Bank gebracht werden - ein Umtausch in die bisherige Währung - den lettischen Lats - wird überflüssig. Lettland steuert auf den Euro zu, und das nicht ohne Grund.
Die EU-Kommission will Lettland grünes Licht für die Euro-Einführung zum 1. Januar 2014 geben: Das kleine baltische Land mit seinen rund zwei Millionen Bürgern wäre dann das 18. Land der Währungsunion. Laut Experten erfüllt Riga mittlerweile die Maastrichter Beitrittskriterien. Die EU-Staaten müssen dem Beitritt später noch zustimmen.
"Lettland ist fit für den Euro", hebt Burkhard Balz als zuständiger Berichterstatter des Europaparlaments hervor. Mit einer Schuldenquote von etwa 41 Prozent der Wirtschaftsleistung, liegen die Letten deutlich unter dem Maastricht-Grenzwert von 60 Prozent - und deutlich unter dem deutschen Schuldenberg von etwa 80 Prozent. Die EU-Kommission zeigt sich von der lettischen Haushaltsdisziplin beeindruckt und gewährt die langersehnte Euro-Empfehlung.
Lettland wollte bereits 2008 den Euro einführen, geriet allerdings durch die folgende Finanzkrise stark ins Straucheln, so dass die sogenannten Konvergenzkriterien für eine Aufnahme nicht mehr erfüllt werden konnten. Die Letten bewiesen ihre Leidensfähigkeit und unterzogen sich einem der schärfsten Sparprogramme in Europa.
In den düsteren Monaten nach der Lehman-Pleite kam es in Lettland mit minus 17 Prozent zum europaweit stärksten Einbruch der Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte, ein Crash der öffentlichen Finanzen konnte nur durch eine 7,5 Mrd. Euro teure internationale Finanzspritze verhindert werden. Seit vorherigem Herbst hält Lettland die Maastricht-Kriterien ein. Zumindest beim Wirtschaftswachstum zählt Lettland mittlerweile zu den stärksten Staaten der EU.
Ein kleines Land ganz groß
Mit dem Eurobeitritt Lettlands bekommt die Währungsgemeinschaft eine Chance, insgesamt wieder ein positives Zeichen zu setzen. Die Schuldenkrise hat der Staatengemeinschaft einen herben Imageverlust beschert und nicht nur in Deutschland viele Euro-Gegner auf den Plan gerufen. Zweifel an der neuen Währung gibt es offensichtlich auch in Lettland: Bei den jüngsten Kommunalwahlen haben Euro-skeptische Parteien mit Abstand am stärksten hinzugewonnen.
Ein Drittel der Bevölkerung lehnt die neue Währung ab, heißt es. Dennoch hält die lettische Regierung an ihren Euro-Beitrittsplänen fest. "Die Signalwirkung ist beachtlich", sagt HWWI-Direktor Thomas Straubhaar. Die wiederkehrenden Diskussionen über einen möglichen Zerfall der Eurozone würden damit erst einmal hinweggefegt. "Es zeigt, dass der Euro gerade für kleine Volkswirtschaften nach wie vor unglaublich attraktiv bleibt".
In der Tat dürfte Lettland die Absatzchancen der heimischen Wirtschaft im Fall eines erfolgreichen Euro-Beitritts auf einen Schlag vervielfachen. Flächenmäßig fällt der kleine Staat im Baltikum nur geringfügig kleiner aus als der Freistaat Bayern. Der Euro wäre augenblicklich die Eintrittskarte zum großen europäischen Währungsraum - einem der wichtigsten Wirtschaftszentren der Erde. "Das kleine Land wird automatisch groß", erklärt Straubhaar. Lettland verliere "seinen Nachteil des kleinen Binnenmarktes".
Lettland - das neue Zypern?
Kaum ist das zustimmende Signal aus Brüssel verkündet, mehren sich auch kritischen Stimmen. Lettland könnte zum neuen Geldwäsche-Paradies russischer Oligarchen werden. Die Nähe zu den zahlungskräftigen Nachbarn ist nicht zu leugnen, jeder dritte Lette hat russische Wurzeln. Die EU-Kommission versucht vorzubauen und geht in ihren Lettland-Berichten ausdrücklich auch auf neue Regulierungsvorgaben und neuen Richtlinien gegen Geldwäsche ein. Insbesondere sollen die lettischen Banken auch für höhere Eigenkapitalquoten sorgen.
In Sachen Euro befindet sich Lettland nun so gut wie auf der Zielgeraden: Die 17 EU-Mitgliedstaaten müssen dem Antrag auf Aufnahme in die Währungsunion zwar noch zustimmen, aber die Chancen dafür stehen besser als je zuvor.
Der baltische Staat könnte dann die Gemeinschaftswährung Anfang 2014 einführen - zehn Jahre nachdem Lettland im Jahr 2004 bereits die Mitgliedschaft in der Europäischen Union erhalten hat. Vielleicht ist das ein willkommender Anlass an der Ostküste der Ostsee dann gleich zwei Geburtstage zu feiern.