Wirtschaft
Verwaltungsratschef Josef Ackermann hat nach dem tragischen Vorfall seinen Posten geräumt.
Verwaltungsratschef Josef Ackermann hat nach dem tragischen Vorfall seinen Posten geräumt.(Foto: picture alliance / dpa)

Spannungen zwischen Wauthier und Ackermann: Zurich-Finanzchef litt unter dem Firmenklima

Ende August scheidet der Zurich-Finanzchef freiwillig aus dem Leben. Fieberhaft wird nach den Gründen hierfür gesucht. Angeblich litt Wauthier unter dem aggressiven Ton im Unternehmen. Der genaue Grund aber bleibt im Dunkeln. Was Insider über die letzten zwölf Tage und die Rolle von Verwaltungsratschef Ackermann berichten.

Es ist der 14. August. In Josefs Ackermanns Büro mit Blick über den Zürichsee besprechen der Verwaltungsratschef der Zurich Insurance Group und sein Finanzchef die Quartalsberichterstattung am nächsten Tag. In dem kurzen Gespräch zwischen Pierre Wauthier und Ackermann, an dem auch James Quin als Leiter des Investor Relations teilnimmt, geht es Insidern zufolge um letzte Einzelheiten, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Die Arbeit ist großteils getan, Konzernchef Martin Senn hat bereits ein Video für Investoren aufgezeichnet. Die Präsentationsunterlagen waren fertig, wie mehrere Personen aus dem Unternehmen erklärten. Doch Ackermann besteht den Insidern zufolge auf einer letzten Änderung: Der allgemeine Geschäftsausblick wird vorsichtiger formuliert als zuvor.

Zwölf Tage später wird Wauthier tot an seinem Wohnort am Zuger See aufgefunden. Der Finanzchef hat Selbstmord begangen. In einem Abschiedsbrief wirft er dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank vor, Ackermann habe ihn unter Druck gesetzt. Drei Tage danach nimmt Ackermann abrupt seinen Hut als Verwaltungsratspräsident von Zurich. Er deutet in einer schriftlichen Mitteilung an, dass Wauthiers Hinterbliebene ihn für mitschuldig am Tod des 53-Jährigen hielten und bezeichnet die Vorwürfe gleichzeitig als unbegründet. Darüber hinaus lehnt er eine Stellungnahme ab.

Insider berichten von Spannungen

Die Zurich-Zentral in Zürich.
Die Zurich-Zentral in Zürich.(Foto: REUTERS)

Das Treffen zwischen Wauthier und seinem Präsidenten verlief geschäftsmäßig. Insidern zufolge hatten sich aber in den Monaten zuvor Spannungen zwischen den beiden aufgebaut. Eine Person sagte, der Finanzchef habe argumentiert, Zurich solle beim Geschäftsausblick an der bisherigen Formulierung festhalten: Der Konzern sei auf gutem Weg, seine vor drei Jahren formulierten Ziele wie geplant dieses Jahr zu erreichen. "Progressing on our strategy to deliver our 2013 targets", hätte das in der Quartalspräsentation des Konzerns dann geheißen, dessen "Amtssprache" Eglisch ist.

Ackermann setzte sich jedoch durch - und der Konzern gab am 15. August bekannt, er verfolge seine Strategie weiter in Richtung hin auf seine Ziele 2013. "Progressing on our strategy towards our 2013 targets." Das ließ offen, ob die Ziele auch tatsächlich zeitgerecht erreicht werden können. An den hypersensiblen Finanzmärkten gilt eine solche Änderungen der Wortwahl oft als Vorbote für eine Gewinnwarnung. Prompt rutschte die Aktie in der Folge um vier Prozent ab, auch wegen des 17-prozentigen Rückgang des Nettogewinns im ersten Halbjahr.

Eine Zurich-Sprecherin erklärte, Geschäftsleitung und Verwaltungsrat hätten im Hinblick auf die Schlüsselbotschaften im Halbjahresabschluss auf der gleichen Linie gelegen. Das gelte auch für die Aussage, dass gewisse Ziele eine Herausforderung darstellten. "Es gab keine Anzeichen für einen Streit."

Wauthier soll sich als demoralisiert bezeichnet haben

Was Wauthier letztlich in den Tod getrieben hat, bleibt im Dunklen. Kollegen und Investoren, die er vor seinem Selbstmord in London traf, machten keine Warnsignale aus. Nach Aussagen von Zurich-Mitarbeitern habe der Finanzchef Mails noch bis einen Tag vor seinem Tod beantwortet. In seinem Abschiedsbrief erwähnte er das Treffen mit dem Präsidenten über den Geschäftsausblick. Der Finanzchef beschrieb sich nach Angaben mehrerer Personen, die das Schreiben gesehen haben, als einen seit Monaten vom neuen, aggressiveren Ton bei Zurich unter Ackermann demoralisierten Manager. "Er hat das zweifelsohne sehr lange gespürt", sagte eine der Personen.

Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Präsidenten und dem Finanzchef über die Form des Halbjahresberichtes habe es gegeben, sagten Insider aus Ackermanns Umfeld. In einem Konzern wie Zurich sei das aber nicht ungewöhnlich. "Wenn das als unerträglicher Druck empfunden wurde, dann muss etwas anderes nicht gestimmt haben", sagte einer der Insider.

Ackermann, der die Deutsche Bank zu einer führenden Investmentbank geformt hat, war 2012 angetreten, den als solide, aber auch übervorsichtig geltenden Weltkonzern aufzurütteln. Der 65-jährige Schweizer griff stärker ins Tagesgeschäft ein als die Präsidenten vor ihm. Ackermann, von Insidern als Zahlenmensch beschrieben, wünschte für einen nicht-geschäftsführenden Verwaltungsrat unübliche Einzeltreffen mit Wauthier und machte sich rasch mit den Einzelheiten von Versicherungsbilanzen vertraut.

Zurich aktualisiert Firmenstrategie

Und Zurich hat Rückenwind nötig. Die beiden Konkurrenten Allianz und Axa wiesen zuletzt deutlich bessere Wachstumsraten aus. In Deutschland musste der Konzern im Vorjahr eine zusätzliche Milliarde Dollar in die Reserven legen. Hohe Schadenzahlungen für Tornados im zweiten Quartal riefen den Investoren in Erinnerung, dass der Konzern in den USA stark gegenüber Naturkatastrophen exponiert ist. Zudem verließen fast ein halbes Dutzend Bereichschefs das Unternehmen. Die Aktien hinken mit einer leicht negativen Jahresperformance der europäischen Konkurrenz hinterher.

Konzernchef Martin Senn hat eine Aktualisierung der Firmenstrategie für den Investorentag am 5. Dezember in Aussicht gestellt. Derweil hat der Konzern eine Untersuchung eingeleitet, ob der Finanzchef unter ungerechtfertigtem Druck stand. Ackermann hat derweil seinen Posten aufgegeben - "um jegliche Rufschädigung zulasten von Zurich zu vermeiden".

Quelle: n-tv.de

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