Wirtschaft
(Foto: REUTERS)

Inside Wall Street: Der King auf Steuerflucht

Von Lars Halter, New York

Nach dem Kauf des Unternehmens Tim Horton und dem Umzug nach Kanada kann die Fast-Food-Kette Burger King künftig erheblich Steuern sparen. Überhaupt wissen US-Firmen ihre Abgaben an den Staat erfolgreich zu drücken. Präsidentenschelte verraucht.

Warren Buffet ist der beliebteste US-amerikanische Multimilliardär. Der Mann lebt bescheiden und fordert immer wieder, dass Reiche mehr Steuern zahlen sollen. Doch nun steht sein guter Ruf auf dem Spiel. Ausgerechnet Buffets Unternehmensgruppe Berkshire Hathaway will Burger King die Steuerflucht nach Kanada finanzieren.

Steuerflucht ist unter US-amerikanischen Unternehmen zum Trend geworden. Dutzende Firmen, darunter auffällig viele Pharmariesen, haben kleinere Unternehmen im steuergünstigeren Ausland gekauft und verlegen ihr Hauptquartier - zumindest auf dem Papier. Das nennt man Inversion und Unternehmen können auf diese Weise Profite steuerfrei über die Grenzen schieben. Außerhalb der USA fallen oft deutlich niedrigere Abgaben an.

In Washington sorgt die Strategie schon lange für Empörung, doch unterbinden lässt sich das Spiel nicht. Dazu müsste der Kongress das umständliche US-amerikanische Steuergesetz umschreiben - das ist im aktuellen politischen Umfeld nicht machbar. Präsident Barack Obama blieb daher nicht mehr als ein leidenschaftlicher Appell an Corporate America, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen.

Obama-Schelte bringt Ruhe - für vier Wochen

Wer sein Unternehmen über die Grenze bringe, sei nicht mehr als ein "Wirtschafts-Deserteur", sagte der Präsident, dessen Worte sogar (zeitweise) Wirkung zeigten. Nach seiner Rede blieben Nachrichten weiterer Inversion-Deals für vier lange Wochen aus - offensichtlich ist man sich in mancher Konzernzentrale nicht mehr sicher, wie weit man die politische Führung seines Landes verprellen kann und welche Folgen der Wegzug einmal haben könnte.

Anders bei Burger King: Die Fastfood-Kette übernimmt die kanadische Donut-Kette Tim Horton. Die Aktien beider Firmen schossen ins Plus - klar, denn der Deal spart beiden Unternehmen eine Menge Geld. Doch gleichzeitig hagelte es Protestaufrufe - auf Facebook und im Kapitol, dem Sitz des Kongresses. Der demokratische Senator Sherrod Brown legte hungrigen Kunden nahe, künftig in die guten Burger von Wendy´s oder in die kleinen Slider von White Castle zu beißen. Beide Unternehmen stammen aus seinem Bundesstaat Ohio und zahlen ihre Steuern in den USA.

Burger King: Wachstum statt Steuerflucht

Burger King reagierte kühl: Es gehe doch gar nicht um Steuerflucht, heißt es aus der Zentrale in Miami, sondern um gemeinsame Wachstumsstrategien. Da ist natürlich etwas dran. Burger King ist vor allem in den Frühstücksangeboten hinter McDonald's und Taco Bell zurückgefallen und kann sich mit einer Donut-Kette in dem Segment verstärken. Und Tim Horton mit seinen 4500 Filialen nutzt die Partnerschaft mit einem dreimal so großen Branchenriesen ohnehin. Das strategische Potenzial des Mergers dürfte auch der Hauptgrund sein, warum Berkshire Hathaway den Deal mit drei Milliarden Dollar unterstützt und dafür Vorzugsaktien erhält.

Nur: Wenn es nicht um Steuerflucht ginge, warum verlegt man dann den Firmensitz nach Kanada? Warum zieht der große Partner zum kleinen?

Außer Sherrod Brown hat auch der unabhängige Senator Bernie Sanders zum Boykott aufgerufen. Sanders, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, in Deutschland aber politisches Mittelfeld spielen würde, klagt über mangelnden Patriotismus von Unternehmen, "die in Amerika groß werden, und die sich amerikanisch geben, wenn es ihnen nützt, die sich dann aber um ihren fairen Kostenbeitrag drücken".

Unternehmen haben Steuerlast erfolgreich gedrückt

Seit Jahren klagen US-Unternehmen über zu hohe Kosten und die "höchsten Unternehmenssteuern der Welt". Doch ihr Schimpfen ist unangebracht. Den offiziellen Abschlag von 35 Prozent zahlt dank geschickter Abschreibungen nämlich niemand. Burger King entrichtete zuletzt 27 Prozent Steuern, wie aus der Bilanz hervorgeht.

Schlupflöcher im unübersichtlichen Steuergesetz haben mittlerweile ermöglicht, dass jeder vierte große US-Konzern überhaupt keine Steuern zahlt. Viele werden sogar vom Staat subventioniert, darunter vor allem Öl- und Rüstungsriesen, die höchst profitabel sind.

Die Auswirkungen sind spürbar: Die Steuerlast hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in den USA dramatisch verschoben. Bis in die 1980er-Jahre zahlten Unternehmen ein Drittel der Steuern, die in Washington eingenommen wurden - heute kommt nur noch ein Zehntel der Steuereinnahmen aus Corporate America.

Sinkende Steuereinnahmen ziehen wohlgemerkt Einsparungen nach sich, zuletzt vor allem bei Erziehung, Bildung und in anderen sozialen Bereichen. Auf lange Sicht schadet das auch wieder den Unternehmen, die in den USA immer weniger qualifiziertes Personal finden und immer weniger Kunden mit verfügbarem Einkommen. Doch langfristiges Denken ist nicht die Stärke der US-Manager. In erster Linie geht es um schnelle Sparmaßnahmen - soziale Verantwortung lehnt man darüber ab.

Über Protestaktionen oder Boykotte muss man sich indes keine Sorgen machen. Wenn auch auf Facebook Tausende böser Kommentare eingehen, glauben Branchenexperten nicht an einen wirksamen Boykott. Es sei unheimlich schwer, bestimmte Gewohnheiten und Vorlieben der Verbraucher zu ändern, sagen Marktforscher. Das heißt: Wer bisher lieber zu Burger King als zu McDonald's ging, der wird das wohl auch in Zukunft tun - vor allem, wenn der Merger erst einmal aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

Quelle: n-tv.de

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