Wirtschaft
Mark Johnson soll Währungskurse manipuliert haben. Nun steht er als erster Trader im Devisenskandal vor Gericht.
Mark Johnson soll Währungskurse manipuliert haben. Nun steht er als erster Trader im Devisenskandal vor Gericht.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 26. September 2017

Banken frisierten Devisenkurse: Der "Klub der Banditen" steht vor Gericht

Von Hannes Vogel

Jahrelang manipulierten Großbanken den Währungshandel und zockten ihre Kunden ab. Nun wird den ersten Tradern der Prozess gemacht. Der Millionenbetrug sei "Standard in der Bankbranche" gewesen, lautet ihre Verteidigung.

Als die Auftragsbestätigung die Händler der britischen Großbank HSBC endlich erreichte, konnten sie ihr Glück kaum fassen. "Sieht so aus als beißen sie an", frohlockte Mark Johnson am 7. Dezember 2011, kurz vor 16 Uhr, wenn in der Londoner City die Wechselkurse für Dollar, Euro und viele andere Währungen festgelegt werden. "Der volle Betrag", bestätigte  sein Kollege Stuart Scott am anderen Ende der Leitung. "Nein, du verarschst mich? Ohhh verdammt Weihnachten" jubelte Johnson. Die beiden Männer waren im Begriff, in wenigen Sekunden acht Millionen Dollar für ihre Bank zu verdienen - auf Kosten ihres Kunden.

Dutzende Männer wie Johnson und Scott organisierten sich damals in den Chatrooms internationaler Großbanken. Sie nannten sich "Das Kartell", "Die Mafia" oder "Der Klub der Banditen". Die Protokolle und Telefon-Aufnahmen ihrer Unterhaltungen enthüllten, dass die Top-Trader den Währungsmarkt systematisch manipuliert hatten. Sie sollen die Kurse künstlich in die Höhe getrieben und Devisen an ihre Kunden teurer verkauft haben, als sie gekauft hatten. Und sie sollen sich auch noch todsichere Wetten auf die manipulierten Kurse gestrickt haben, indem sie das Insiderwissen darüber, wann ihre Kunden kauften, ausnutzten: Sie setzten vorher einfach selbst auf steigende Kurse. "Front Running" heißt das im Finanzjargon.

Die beiden Briten Johnson und Scott sind nun die ersten Händler, denen wegen des Millionenbetrugs der Prozess gemacht wird. Johnson wurde im vergangenen Jahr am New Yorker Kennedy-Airport festgenommen. Scott kämpft noch gegen seine Auslieferung in die USA. Sie hätten "ihren Kunden den Wölfen zum Fraß vorgeworfen, um immer mehr Geld zu machen" donnerten die Staatsanwälte laut "Financial Times" beim Prozessauftakt vor einem New Yorker Gericht.

Betrug war "Standard in der Bankbranche"

Ein schottischer Energiekonzern wollte damals den Erlös aus einem Firmenverkauf in Pfund umtauschen, um das Geld an seine Aktionäre auszuschütten - ein Deal im Wert von 3,5 Milliarden Dollar. Sofort nach der Auftragsbestätigung - und mit der Gewissheit auf einen steigenden Pfund-Kurs - hätten Johnson und Stuart für die HSBC selbst Pfund gekauft, behaupten die Ermittler laut Anklage, die n-tv.de vorliegt. Zweifel daran gibt es kaum: Die Telefonate der Trader wurden routinemäßig aufgezeichnet.

Die HSBC-Händler hätten ihre Kunden "belogen" und "betrogen", klagen die Ermittler. Nur Minuten vor dem 60-sekündigen Zeitfenster, in dem am Nachmittag täglich in London der Referenzkurs für Dollar und Pfund ermittelt wird, hätten Johnson und Scott noch debattiert, wie hoch sie den Kurs pushen könnten, bevor ihr Kunde "kreischt", heißt es in der Anklage. Die schottische Firma habe vor dem sogenannten Fixing beinahe minütlich bei jedem kleinsten Kursanstieg bei der HSBC angerufen. Doch die Trader hätten sie mit dem Märchen besänftigt, eine russische Bank habe plötzlich Pfund gekauft und den Preis in die Höhe getrieben.

Das Vorgehen sei "Standard in der Bankbranche" gewesen, verteidigte Johnsons Anwalt das Verhalten seines Mandanten. Der schottische Energiekonzern sei belehrt worden, dass HSBC auch mit dem Wissen über Kundenaufträge auf eigene Rechnung handele. "Ja, sie haben die Information genutzt, um damit Geld zu verdienen - genau so, wie Mark Johnson es vorher gesagt hat." Er habe sowohl die Interessen der Bank als auch ihrer Kunden verfolgt.

Das "Kartell" plädiert auf nicht schuldig

Händler und Banken auf der ganzen Welt beobachten den ersten Prozess im Devisenskandal sehr genau. Er gibt Aufschlüsse, was sie womöglich noch erwartet. Neben Johnson und Scott hat das US-Justizministerium im Januar auch drei Ex-Trader von Barclays, Citigroup und JPMorgan angeklagt. "Das Kartell" nannten sich Chris Ashton, Rohan Ramchandani und Richard Usher während ihrer aktiven Zeit im Handelsraum. Alle haben auf nicht schuldig plädiert. Ihr Prozess soll kommenden Juni beginnen. Jason Katz, ein weiterer Barclays-Trader, hat sich dagegen schuldig bekannt und kooperiert mit den Ermittlern. Das Urteil gegen ihn soll im Januar verkündet werden.

Jahre nach der Enthüllung des Devisenskandals sind die Prozesse gegen die Trader auch für ihre ehemaligen Arbeitsgeber ein peinliches PR-Fiasko. Sieben Banken haben für den globalen Währungsbetrug bereits rund 10 Milliarden Dollar Strafe gezahlt. Doch auf einige kommen drastische Bußgelder womöglich erst noch zu, darunter die Deutsche Bank, den einstmals größten Devisenhändler der Welt.

Trotzdem sind die Geldhäuser vergleichsweise glimpflich mit der Milliarden-Manipulation davongekommen. Nur die US-Justiz ermittelt strafrechtlich gegen sie und zudem gegen einzelne Händler. Die britischen Behörden haben den Banken zwar heftige Bußgelder aufgebrummt. Doch ihre strafrechtlichen Untersuchungen hat die Betrugsbehörde SFO im vergangenen Jahr eingestellt. Es gebe zwar "begründete Anhaltspunkte für schweren und komplexen Betrug". Die Beweise reichten aber nicht für eine Anklage aus, hieß es.

Quelle: n-tv.de

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