Wirtschaft
Ricardo Salgado, Partriach der Familien-Dynastie.
Ricardo Salgado, Partriach der Familien-Dynastie.(Foto: dpa)

"Besitzer von allem hier": Der Niedergang der Rockefellers Portugals

Von Jan Gänger

In Portugal geschieht das lange Undenkbare: Der Patriarch wird verhaftet, Teile des Imperiums sind pleite. Die Salgado-Dynastie steckt in erheblichen Schwierigkeiten.

"Was nicht dem Staat gehört, gehört Espírito Santo." Dieser portugiesische Ausspruch mag etwas übertrieben sein, doch verdeutlicht er vor allem eines: Welche große Bedeutung die Bankerdynastie in dem südeuropäischen Land hat. Und nun das: Der Patriarch der Familie Ricardo Salgado wird von Polizisten abgeführt, dem Firmengeflecht droht der Zusammenbruch. Die Probleme bereiten nicht nur Portugiesen Sorgen, sondern den Kapitalmärkten in ganz Europa.

Wie konnte das passieren? Espírito Santo ist ein verschachteltes Konglomerat aus Holdings und Firmen, das um die Bank BES (Banco Espírito Santo) aufgebaut ist. Im Zentrum der Probleme scheint jedoch die in Luxemburg ansässige Unternehmensgruppe Espírito Santo International (ESI) zu stehen. Gegen sie wird seit einiger Zeit wegen massiver Unregelmäßigkeiten ermittelt. Anfang Juli machten Spekulationen über Zahlungsschwierigkeiten die Runde, angeblich konnte die ESI Schulden in Milliardenhöhe nicht bedienen. Vor einigen Tagen meldete die Holding Insolvenz an.

Zu der Gruppe gehört auch die Espírito Santo Financial Group (ESFG), die wiederum Hauptaktionär der Banco Espírito Santo ist. Auch die ESFG ist mittlerweile pleite. Portugals Regierung und Notenbank versuchen derweil, das Geldhaus zu retten. Denn die BES ist die wichtigste private Bank des Landes. Ein Zusammenbruch würde aller Wahrscheinlichkeit nach das Finanzsystem Portugals schwer erschüttern, und das hätte wohl Auswirkungen auf die gesamte Eurozone. Die Aktie der Bank ging an Lissabons Börse auf Talfahrt, seitdem ist sie vom Handel ausgesetzt. Staatschef, Ministerpräsident und Zentralbankchef versicherten, dass die Finanzierung der Bank gesichert sei.

Doch dabei blieb es nicht. Sie sorgten dafür, dass Patriarch Salgado und zwei weitere Mitglieder der BES-Führung zurücktraten. Das bedeutet das Ende einer Ära. Zum ersten Mal in der Geschichte des Geldhauses wird es nicht von einem Mitglied der Gründerfamilie geleitet. Mehr als 20 Jahre hatte Salgado an der Spitze der Bank gestanden.

Patriarch wird verhört

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Doch damit nicht genug: Der 70-Jährige, der in Portugal auch "Dono Disto Todo" (Besitzer von allem hier) genannt wird, wurde Mitte der Woche von der Polizei abgeführt und von einem Ermittlungsrichter verhört. Grund ist der Verdacht, Salgado ist in einen Skandal um Geldwäsche und Steuerhinterziehung verwickelt. Nach einer mehrstündigen Vernehmung wurde er gegen eine Kaution in Millionenhöhe freigelassen.

Die Festnahme von Salgado stand nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der "Operação Monte Branco" (Operation Weißer Berg). Dabei handelt es sich um Ermittlungen gegen eine Organisation, die größere Geldsummen an den Steuerbehörden vorbei in die Schweiz geschleust haben soll. Eine Summe nannten sie nicht. Doch Medienberichten zufolge sollen in der Zeit von 2006 bis 2012 mehr als 30 Millionen Euro in die Schweiz geflossen sein. Salgado war wegen dieser Affäre schon einmal vernommen, aber nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge.

Größter Grundbesitzer des Landes

Der Begründer der Dynastie, José Maria de Espírito Santo e Silva, hatte 1869 in Lissabon mit 19 Jahren eine Wechselstube eröffnet, in der er auch Lose für Lotterien im benachbarten Spanien verkaufte. Der junge Mann hatte seinen Namen (Heiliger Geist) von einem Priester erhalten, seine Eltern waren laut Taufschein unbekannt. Er gründete mehrere Banken. Seine Devise lautete: "Mein Wort ist mein Kapital." Aus den Geldinstituten ging später die Espírito-Santo-Bank hervor. Die Gründerfamilie baute im Laufe der Zeit um das Geldhaus herum ein weit verzweigtes und verschachteltes Firmenimperium auf, das sich in Bereiche wie Tourismus, Ernährung, Gesundheit, Energie oder Versicherungen erstreckte. Das Konglomerat ist der größte Grundbesitzer Portugals, zu ihm gehören auch Firmen in Brasilien und Mosambik.

Die Dynastie verstand es, sich mit den jeweiligen Machthabern Portugals gut zu verstehen. Ihr Geldhaus stand im Ruf, die "Bank des jeweils herrschenden Regimes" zu sein. Nach der "Nelkenrevolution" im April 1974 wurde die Bank allerdings verstaatlicht. Die jungen Offiziere, die das rechtsgerichtete Regime gestürzt hatten, sahen in der BES einen Finanzier der Diktatur unter António de Oliveira Salazar und Marcelo Caetano (1932-1974). Führende Mitglieder des Familienclans gingen ins Exil. In den 80er Jahren kehrten sie nach Portugal zurück und bauten ihr Imperium neu auf. Doch dessen Tage scheinen nun gezählt zu sein.

Quelle: n-tv.de

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