Wirtschaft
Die Öllager weltweit sind derzeit gut gefüllt - es herrscht ein Überangebot am Markt.
Die Öllager weltweit sind derzeit gut gefüllt - es herrscht ein Überangebot am Markt.(Foto: imago stock&people)

Verkehrte Rohstoff-Welt: "Der Ölpreis müsste eigentlich höher liegen"

Der anhaltende Tiefstand der Ölpreise überrascht nicht nur Experten, sondern auch die Regierungen der vom "Schwarzen Gold" abhängigen Förderländer. Warum so viele den anhaltenden Tiefstand der Ölpreise nicht vorhergesehen haben, wie lange die Schieferöl-Förderung in den USA noch durchhält und wann die Preise wieder anziehen, darüber sprach n-tv.de mit dem Rohstoffexperten Carsten Fritsch.

n-tv.de: Im Sommer vergangenen Jahres haben viele Analysten noch mit einem Ölpreis von bis zu 80 Dollar in diesem Jahr gerechnet. Aktuell ist jedoch die 30-Dollar-Marke maßgebend. Warum haben so viele falsch gelegen?

Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank.
Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank.

Carsten Fritsch: Der größte Irrtum lag in der Einschätzung der US-Ölproduktion. Man war davon ausgegangen, dass die geringen Ölpreise bereits im vergangenen Jahr zu einem Rückgang der US-Ölproduktion führen würden. Denn die dort verbreitete Förderung von Schieferöl ist vergleichsweise kostenintensiv. Das ist aber nicht passiert. Die US-Ölproduktion ist deutlich widerstandsfähiger gewesen als erwartet. Die US-Energiebehörde EIA, die recht gute Einblicke hat, hat zuletzt vier Mal in Folge die Produktionsmenge für das vierte Quartal 2015 nach oben revidiert. Im September hatte die EIA noch eine Fördermenge von etwa 8,9 Millionen Barrel pro Tag erwartet, jetzt liegt die Schätzung bei 9,3 Millionen Barrel pro Tag.

n-tv.de: Werden die Förderer – vor allem von Schieferöl - in den USA die Produktionsmenge auch weiterhin auf diesem Niveau halten können, trotz niedriger Preise?

Das glaube ich auf keinen Fall. Bei den jetzigen Preisen werden die US-Schieferölproduzenten massenhaft Schiffbruch erleiden. Einige waren im vergangenen Jahr noch durch Termingeschäfte gegen den Preisverfall abgesichert. Das hat ihnen sicherlich geholfen. Diese sogenannten Hedges laufen aber nach und nach aus. Das wird große Probleme bereiten. Wir haben zudem einen Rückgang der Öl-Bohrungen gesehen - um über 60 Prozent seit Anfang 2015. Zuletzt fiel deren Zahl auf den tiefsten Stand seit April 2010. Das wird in den kommenden Monaten auch einen Rückgang der US-Ölproduktion zur Folge haben. Die US-Energiebehörde erwartet bis September ein Minus von 900.000 Barrel pro Tag vom aktuellen Niveau.

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n-tv.de: Das heißt, das Überangebot auf dem Weltmarkt wird sich verringern und die Preise auch wieder steigen – und das, obwohl der Iran nach dem absehbaren Ende der Sanktionen zusätzliches Öl an den Weltmarkt bringen will?

Die bevorstehende Rückkehr des Iran ist seit einem halben Jahr bekannt und stellt daher keine Neuigkeit mehr dar. Bedingt durch den Rückgang der US-Ölproduktion dürfte die Produktion aus den Nicht-Opec-Ländern so stark fallen wie zuletzt 1992. Und das wird dann vor allem im zweiten Halbjahr zu einem mindestens ausgeglichenen Ölmarkt führen. Der Ölpreis wird vom jetzigen Niveau aus betrachtet merklich höher liegen.

n-tv.de: Derzeit wird oft von einem besonders niedrigem Ölpreis gesprochen, der bei knapp über 30 Dollar für die wichtigsten Sorten Brent und WTI liegt. Allerdings lag der Ölpreis während der 1990er Jahre fast durchgehend unter diesem Niveau, teilweise sogar bei fast 10 Dollar. Was hat sich verändert?

Der Unterschied ist, dass es bei den jetzigen Preisen perspektivisch gesehen unmöglich sein wird, so viel Öl an den Markt zu bringen, wie benötigt wird. Die Zeichen dafür stehen bereits an der Wand. Im letzten Jahr wurden die Investitionen in Ölprojekte wegen der niedrigen Preise bereits um mehr als 20 Prozent gekürzt. In diesem Jahr dürfte nochmals weniger investiert werden. Insbesondere die Erschließungs- und Förderkosten bei nicht-konventionellen Schieferölen sind deutlich höher als beim konventionellen Öl. In den 90er Jahren gab es jedoch noch kein Schieferöl. Aber diese unkonventionelle Produktion ist heutzutage notwendig, um den Markt auszugleichen, womit der Preis im Schnitt höher liegen muss. Dazu kommt, dass die großen Opec-Produzenten deutlich höhere Preise benötigen als damals, um ihre Staatshaushalte noch halbwegs im Lot zu halten. Das sieht man an Saudi-Arabien, die im vergangenen Jahr ein Haushaltsdefizit von fast 100 Milliarden Dollar verzeichneten. Wird der Ölpreis dauerhaft auf dem jetzigen Niveau bleiben, werden diese Staaten finanziell in große Schwierigkeiten kommen.

Mit Carsten Fritsch sprach Kai Stoppel

Quelle: n-tv.de

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