Wirtschaft
Ben Bernanke.
Ben Bernanke.(Foto: REUTERS)

Bernanke verlässt die US-Notenbank: Der Revolutionär wider Willen

Von Jan Gänger

Ben Bernanke ist nicht nur Chef der mächtigsten Notenbank der Welt, sondern auch ein veritabler Feuerwehrmann. In seiner Amtszeit verhindert er die Kernschmelze des Finanzsystems und sorgt dafür, dass die USA nicht in einer Depression versinkt. Dennoch wird er von manchen verspottet - und von anderen verachtet.

Das Wetter war mies in Washington, als Ben Bernanke 2005 an einem trüben Novembertag zum Kapitol aufbrach, um dem Bankenausschuss des Senats Rede und Antwort zu stehen. Es regnete, doch die Aussichten für die US-Wirtschaft erschienen überaus freundlich. Die Konjunktur brummte, die Immobilienpreise stiegen kräftig, die Arbeitslosigkeit war niedrig.

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Und so lief alles glatt. Republikaner und Demokraten waren gleichermaßen zufrieden. Der von Präsident George W. Bush nominierte Ökonom trat die Nachfolge von Alan Greenspan an und wurde Chef der US-amerikanischen Notenbank Fed. Keine anderthalb Jahre später steckten die USA in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren, das weltweite Finanzsystem stand vor dem Kollaps, das Land rutschte in die Rezession, die Arbeitslosigkeit stieg kräftig. "Eines Tages müsst ihr Jungs mir erklären, wie wir in einem System wie diesem enden konnten", sagte ein ratloser Präsident zu Bernanke und dem damaligen Finanzminister Hank Paulson im Oval Office. Lehman Brothers brach zusammen.

Als Bernanke 2002 von der Eliteuniversität Princeton ins Führungsgremium der Federal Reserve wechselte und später dessen Präsident wurde, hatte er nicht vor, ein Revolutionär zu werden. Er wurde es allerdings. Doch zunächst erkannte wie viele andere auch er nicht, welche immense Gefahr vom Gemisch aus unzureichend kapitalisierten Finanzinstituten, Suprime-Hypotheken und exotischen Finanzinstrumenten ausging. Die Fed - und nicht nur sie - versagte auf ganzer Linie. Bernanke gehört deshalb in die lange Reihe von Notenbankern und Politikern, die die Krise zwar nicht verursachten, sie aber auch nicht verhinderten.

"Person des Jahres"

Was er inmitten des dann ausbrechenden Orkans tat, war allerdings außerordentlich. Er löschte ein Feuer nach dem anderen und verhinderte einen alles verschlingenden Flächenbrand. Dafür setzte er das ganze Arsenal der Fed ein und griff in seiner Not selbst auf Instrumente zurück, die vorher noch nie ausprobiert worden waren.

Bernanke gilt als eine Koryphäe in Sachen Große Depression der 30er Jahre. Genau deshalb wollte er die Fehler vermeiden, die damals gemacht wurden – und die Rezession nicht nur vertieften, sondern auch verlängerten. Dazu gehörte, alles zu tun, um eine Deflation zu vermeiden. Dabei lautete sein Kerngedanke, dass eine Notenbank die Wirtschaft auch dann stimulieren kann, wenn der Leizins nahe null tendiert und damit nicht mehr gesenkt werden kann.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Und so überwand Bernanke massive Widerstände, setzte immense Rettungsprogramme durch und griff auf geldpolitische Maßnahmen zurück, die ohne Parallelen sind. Die Zinsen wurden auf nahezu null gesenkt, Billionen Dollar durch "Quantitative Easing" in das System gepumpt, Wall-Street-Institutionen durch Milliardenspritzen gerettet oder gleich zwangsfusioniert. Im Jahre 2009 kürte "Time" Bernanke zur "Person des Jahres" und nannte ihn die "wichtigste Figur, die die wichtigste Volkswirtschaft der Welt führt."

Verspottet und gehasst

Bernanke erntet allerdings nicht nur Lob. Im Gegenteil. Seine Gegner verspotten ihn wegen seiner ultra-lockeren Geldpolitik gerne als "Helikopter-Ben". Er selbst hatte die Vorlage geliefert, als er 2002 während einer Konferenz in Anlehnung an Milton Friedman gesagt hatte, der Abwurf von Geld aus einem Hubschrauber sei eine Möglichkeit, Deflation zu verhindern. Die Kritik zielt vor allem in eine Richtung: Das Rotieren der Notenpresse werde zwangsläufig zu hoher Inflation führen. Davon ist allerdings nichts zu sehen - im Schnitt lag die Rate während seiner Amtszeit bei 1,8 Prozent. Zudem sank die Arbeitslosigkeit von 10 Prozent im Oktober 2009 auf nunmehr 6,7 Prozent. Der Häusermarkt erholte sich, die US-Konzerne vermelden wieder Rekordgewinne. Das Bankensystem hat sich stabilisiert. Wenn man bedenkt, dass das Finanzsystem vor der Kernschmelze stand und die Konjunktur vor einem Zusammenbruch, ist diese Leistung beeindruckend. Und die meisten Ökonomen sind sich einig, dass die Fed unter Bernanke massiv dazu beigetragen hat.

Doch gerade bei Konservativen in den USA ist Bernanke überaus unbeliebt. So drohte der texanische Gouverneur Rick Perry dem Notenbankpräsidenten indirekt Prügel an, sollte dieser jemals in seinen Bundesstaat kommen. Auch von links erntet der Ökonom Kritik. So wirft ihm Nobelpreisträger Paul Krugman vor, viel zu zurückhaltend gehandelt zu haben.

Dabei ist fraglich, ob ein anderer als Bernanke die gigantischen Aufgaben besser gemeistert hätte. Von der Politik wurde er regelmäßig alleine gelassen. Obwohl die Konjunktur am Boden lag, stritten Republikaner und Demokraten um Haushalt und Schuldenobergrenze und riskierten dabei, dass die größte Volkswirtschaft der Welt pleite geht.

Für Diskussion sorgt auch die Entscheidung, im September 2008 den Zusammenbruch von Lehman Brothers zuzulassen. Die größte Pleite der US-Geschichte löste eine weltweite Kettenreaktion aus, verstärkte die Kreditklemme und brachte die globale Wirtschaft an den Rand des Kollapses. Bernanke verteidigt den Schritt. Lehman sei zutiefst marode gewesen. Zudem habe er die Bank retten wollen, jedoch nicht dürfen. Da Finanzministerium habe kein Geld zur Verfügung gestellt. Mehr noch: Wenn die Fed die Regeln gebrochen und Lehman herausgekauft hätte, dann hätte das Beispiel Schule gemacht - und der Kongress hätte niemals für das milliardenschwere TARP-Programm gestimmt, mit dem später wankende Banken gerettet wurden.

Yellen übernimmt

Am 1. Februar endet die zweite Amtszeit von Bernanke, und Janet Yellen tritt seine Nachfolge an. Viel Lob wird zu hören sein. Doch ob das in Zukunft auch so sein wird? Wie erfolgreich ein Notenbanker ist, zeigt sich nicht nur während seiner Amtszeit - die Folgen seiner Entscheidungen zeigen sich noch Jahre später. Alan Greenspan wurde zu seiner Zeit als einer der besten Notenbanker überhaupt gefeiert. Doch mittlerweile wird er überaus kritisch gesehen. Der Tenor: Er habe die Zinsen viel zu lange viel zu niedrig gehalten und weder die Hypothekenblase noch die Gefährlichkeit der komplexen Finanzprodukte erkannt.

Wie Bernanke in künftigen Lehrbüchern beschrieben wird, hängt also wesentlich von den kommenden Jahren ab. Denn welche langfristigen Konsequenzen seine Entscheidungen haben, muss sich noch zeigen. Die Bilanz der Notenbank hat sich von einer auf vier Billionen aufgebläht. Diese gigantische Summe zu reduzieren, wird Aufgabe von Yellen sein.

Auf alle Fälle hat Bernanke seinem Vorgänger aber schon eines voraus: Die Verkehrsbehörde im Bundesstaat South Carolina taufte die Ausfahrt des Highways 95, die in der Nähe des Ortes seiner Schulzeit liegt, auf den Namen "Ben Bernanke Interchange".

Quelle: n-tv.de

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