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Trockene Bohrköpfe: Die Lagerstätten sind schwer zugänglich, die Erschließung kostet Milliarden.
Trockene Bohrköpfe: Die Lagerstätten sind schwer zugänglich, die Erschließung kostet Milliarden.(Foto: picture alliance / dpa)

Brasilien stößt auf Widerstand: Der geplatzte Traum vom Tiefseeöl

Von Martin Morcinek

Das größte Land Südamerikas steuert auf wirtschaftliche Schwierigkeiten zu: Die erhofften Erfolge im Rohölgeschäft bleiben aus. Steckt Brasilien in einer Sackgasse?

Die Rohstoffbegeisterung der Brasilianer erleidet herbe Rückschläge: Die Ausbeutung der Tiefseevorkommen vor der Küste erweist sich nun doch als sehr viel schwieriger als erhofft. Nach und nach muss das aufstrebende Schwellenland den Anspruch aufgeben, mit dem Erdöl aus den Tiefen des Atlantik in die Gruppe der großen Förderstaaten wie Venezuela oder Mexiko aufzusteigen.

Vor wenigen Jahren noch sah das ganz anders aus: Als Geologen die Lagerstätten tief unter dem Meeresboden entdeckten und ihren möglichen Gehalt auf mehrere Milliarden Barrel schätzten, war die Euphorie groß. Im Umfeld der brasilianischen Regierung schwärmten Experten schon von einer neuen Rolle als Rohölgroßmacht. Der damalige Präsident Luiz Inacio Lula da Silva sprach von einem "Geschenk Gottes", das dem Land den Weg in den Wohlstand ebne.

Mittlerweile fällt der Ausblick im Erdölsektor Brasiliens eher ernüchternd aus: Die Kennzahlen aus der Förderung stagnieren. Neue Investitionen sind nicht in Sicht. Die wichtigsten Branchenschwergewichte des Landes sind in Schwierigkeiten. Der halbstaatliche Rohstoffriese Petrobras kämpft gegen sinkende Erträge und politische Vorgaben. Der hoch verschuldete Ölkonzern OGX des schillernden Ex-Miliardärs Eike Batista wiederum hat seine Produktionsziele massiv verfehlt und steht unter Gläubigerschutz.

BP schreibt Milliarden ab

Ausländischen Investoren ergeht es nicht viel besser: Ende vergangenen Jahres musste der britische Ölkonzern BP nach erfolglosen Bohrungen im Südatlantik mehr als eine Milliarde US-Dollar abschreiben. Bei der Explorationsbohrung Pitanga vor der brasilianischen Küste seien keine kommerziell förderbaren Mengen an Öl oder Gas gefunden worden, teilte BP seinen Aktionären mit. Deshalb müsse der Konzern Kosten von 1,08 Milliarden Dollar abschreiben.

Vermutete Lagerstätten unter dem Meeresboden: In der Computergrafik sieht die Förderung einfach aus.
Vermutete Lagerstätten unter dem Meeresboden: In der Computergrafik sieht die Förderung einfach aus.(Foto: picture alliance / dpa)

Davon entfallen 850 Millionen Dollar auf den Wert des küstennahen Fördergebiets "BM-CAOL-13" im Camamu-Almada-Becken südlich von Salvador, der Rest  deckt die entstandenden Bohrungskosten. Die belaufen sich demnach auf 230 Millionen Dollar (rund 169 Millionen Euro). Ölkonzerne sind Fehlinvestitionen in dieser Größenordnung gewohnt - Anleger, und im Fall von Petrobras letztlich auch der brasilianische Steuerzahler dagegen nicht.

Mit den enttäuschenden Tiefseebohrungen verdüstern sich auch die Perspektiven der brasilianischen Wirtschaft. "Vor ein paar Jahren noch liebte jeder Brasilien", fasst Roger Tissot, ein Spezialist für den südamerikanischen Energiemarkt, die allgemeine Stimmungslage zusammen. "Jetzt scheint diese Liebe zu verblassen."

Unternehmensberater, Konzernlenker und Regierungsexperten sind sich einig: Angesichts des ausbleibenden Ölbooms muss sich Brasilien schleunigst mit der harten Realität abfinden und die hohen Erwartungen an künftig sprudelnde Tiefsee-Milliarden zurückstecken. Andere Fördergebiete machen dem schwierig zu hebenden Ölvorkommen vor der Küste Konkurrenz. Erfolgreich gebohrt wird zum Beispiel vor der Küste Afrikas. In Kanada läuft der Ölsandabbau auf vollen Touren. Und die Amerikaner beuten die unkonventionellen Lagerstätten im eigenen Hinterland dank Fracking-Technologie im ganz großen Stil aus.

Brasilien-Öl nicht mehr in Mode?

Der steigende Wettbewerb der Lagerstätten hat Folgen. Brasilien stößt mehr und mehr auf Schwierigkeiten, internationale Großkonzerne in die Erschließung der schwer zugänglichen Tiefseeölfelder einzubinden. Dabei geht es um hohe Summen: Fachleute beziffern die unmittelbar anstehenden Investitionen im brasilianischen Erdölsektor auf knapp 240 Milliarden US-Dollar. Geld, das die brasilianische Unternehmenslandschaft nicht aufbringen kann. Der Aufstieg zur Rohölmacht rückt in weite Ferne.

Die großen Namen der Branche verfügen Beobachtern zufolge über die ingenieurstechnischen Kapazitäten und über ausreichend finanzielle Muskelkraft, um sich überall in der Welt auf die wirklich lohnenswerten Projekte zu konzentrieren. "Sie sind in der Lage auszuwählen", sagt Ölexperte Ramon Espinasa von der Amerikanischen Entwicklungsbank in Washington. "Und genau das erklärt, warum sie nicht in Brasilien aktiv sind."

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Quelle: n-tv.de

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