Wirtschaft
"Die Tablets haben die Landschaft enorm verändert": Im "Nerd Dreams Calendar 2013" stehen PC-Legenden wie dieser Mac symbolisch für eine nostalgisch verklärte Vergangenheit.
"Die Tablets haben die Landschaft enorm verändert": Im "Nerd Dreams Calendar 2013" stehen PC-Legenden wie dieser Mac symbolisch für eine nostalgisch verklärte Vergangenheit.(Foto: REUTERS)

Im Würgegriff des Tablet-Trends: Der langsame Tod der PC-Giganten

Von Martin Morcinek

Der rasante Aufstieg der Tablet-Rechner trifft die PC-Hersteller mit voller Wucht: Schwerfällige Desktop-Riesen wie HP oder Dell drohen den Anschluss zu verlieren. Dabei sind es simple Alltagslaunen der Verbraucher, die milliardenschwere Großkonzerne in die Knie zwingen.

Der altmodische Weg ins Internet? Weltweit entwickelt sich der PC-Absatz rückläufig. Die Mobil-Geräte fressen Marktanteile.
Der altmodische Weg ins Internet? Weltweit entwickelt sich der PC-Absatz rückläufig. Die Mobil-Geräte fressen Marktanteile.(Foto: REUTERS)

Im Hardware-Markt zeichnet sich ein fundamentaler Gezeitenwechsel ab: Das einst so lukrative Geschäft mit klobigen Schreibtischrechnern für Firmen und Privatkunden hat offenbar seine besten Zeiten gesehen. Weltweit gehen die Verkaufszahlen zurück. Der Trend zwingt die gesamte Branche zum Umdenken.

Schuld daran sind nicht allein Apple und der nachfolgende Tablet-Boom. Letztendlich sind es die Vorlieben und Launen der Nutzer: Denn mit dem handlichen iPad hat der Kult-Konzern aus Kalifornien nicht nur das Nutzungsverhalten seiner Kunden für immer verändert, sondern zugleich auch ein neues, schnell wachsendes Marktsegment geschaffen. Neben Apple werben dort nun auch Größen wie Samsung oder Google mit einer breiten Auswahl leistungsstarker Modelle um Kundschaft. Dazu kommt der Siegeszug der Smartphones: Im Windschatten des iPhone schreitet die technische Entwicklung so schnell voran, dass der Schritt zum Schreibtischrechner Anwendern beinahe liebenswert altmodisch erscheint. Denn Smartphones sind sehr viel kompakter, überall dabei und jederzeit einsatzbereit. Wozu umständlich einen PC "hochfahren", wenn der flinke Internetzugang aus der Hosentasche funkt?

Der Trend scheint unaufhaltsam: Allein in Deutschland greift angeblich bereits jeder achte Deutsche regelmäßig zum Tablet. Rund 40 Prozent aller Bundesbürger ab 14 Jahren sind laut Branchenverband Bitkom Eigentümer eines multimediafähigen Mobiltelefons. Zusammen nehmen die neuen Geräte den herkömmlichen Schreibtischrechner immer mehr Alltagsaufgaben weg: E-Mails, Nachrichten, Termine, Video-Telefonie, Spiele ... Selbst in den klassischen Paradedisziplinen der PC-Branche wie Grafik, Sound oder Rechenleistung können die mobilen Endgeräte längst mithalten.

Dazu kommt der Preis: Bei Neuanschaffungen steht die Masse der Verbraucher vor der Wahl, entweder einen alten PC zu ersetzen - oder lieber gleich auf ein Mobilgerät umzusteigen. Womöglich kostet das sogar genauso viel oder gar mehr als ein Computer. Das Budget ist begrenzt, der Kunde muss sich entscheiden. Wozu noch einen PC? Es sind solche Fragen, die den Markt derzeit in seinen Grundfesten erschüttern.

Denn in der Summe schlagen sich die individuellen Kaufentscheidungen in knallharten Zahlen nieder: Im zurückliegenden Weihnachtsgeschäft ging der weltweite Computerabsatz erstmals seit Jahren zurück - trotz des gewaltigen Nachholbedarfs in den aufstrebenden Schwellenländern. Die Menge der im vierten Quartal 2012 weltweit verkauften PCs schätzen Marktforscher auf knapp 90 Mio. Einheiten, ein Minus von 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Insgesamt gingen im vergangenen Jahr noch 352,7 Mio. Desktop-Rechner in den Versand oder über die Ladentheke - 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr.

Ein Markt, der schrumpft

Auf den ersten Blick wirkt der Rückgang überschaubar. Doch für Konzernstrategen markiert er den Wendepunkt einer tiefgreifenden Bewegung: Das Konzept "Personal Computer" hat sich überlebt. Nach jahrelanger Stagnation ist die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des PC-Markts dahin. Damit wird die Luft für die Platzhirsche der Branche immer dünner. Umsatz und Erträge werden weiter schwinden, prophezeien Analysten. Der Kampf um Marktanteile gewinnt an Schärfe.

"Die Tablets haben die Landschaft enorm verändert", bestätigt Mikako Kitagawa, der für das US-Marktforschungsunternehmen Gartner die Branche beobachtet. Dass die Nutzer ein Tablet und gleichzeitig auch einen fest installierten Computer besäßen, werde die Ausnahme; vielmehr besäßen zwar mehr und mehr Verbraucher ein Tablet, würden sich einen fest installierten PC aber mit anderen Nutzern teilen. Eine Rückkehr zum fest verkabelten Kasten scheint ausgeschlossen: Wenn der PC überhaupt eine Zukunft haben soll, dann sicher nicht in häuslicher Umgebung. Die Branche muss sich dringend nach neuen Standbeinen umsehen.

Verantwortung für Jobs und Aktionäre

Marktführer der Branche bleibt den Gartner-Daten für 2012 zufolge Hewlett-Packard mit 56,5 Mio. verkauften PCs (16 Prozent Marktanteil). Auf Platz zwei folgt Lenovo aus China, danach Dell aus den USA. Lenovo und der taiwanische Konzern Asus gehörten laut Gartner zu den wenigen Firmen, die ihre PC-Verkäufe 2012 steigern konnten. Die von HP, Dell und der Nummer vier, Acer aus Taiwan, gingen dagegen teils deutlich zurück.

In welchen Dimensionen sich die Branche bewegt, zeigt ein kurzer Blick in die Bücher: HP kam mit seinen rund 320.000 Mitarbeitern zuletzt auf einen Quartalsumsatz von knapp 30 Mrd. Dollar. Konzernchefin Meg Whitman greift nach den Enttäuschungen mit Übernahmen und Abschreibungen an der Produktpalette an: "Wir konzentrieren uns jetzt auf Produkte, Produkte, Produkte. Große Unternehmen schaffen ein Comeback über Produkte."

Bei Dell dagegen versucht Gründer Michael Dell dagegen, seinen zuletzt noch rund 110.000 Mitarbeiter starken Konzern mit dem Geld von Finanzinvestoren neu auszurichten. Derzeit macht das PC-Geschäft bei Dell noch etwa die Hälfte der Umsätze aus. Im zuletzt ausgewiesenen Quartal sackten die Erlöse um 11 Prozent auf 13,7 Mrd. Dollar ab. Künftig soll sich der Konzern als Anbieter von IT-Dienstleistungen und Computern für Unternehmenskunden neu erfinden.

Als Vorbild dient Dell dabei der IT-Riese IBM. Die Lenker der US-Industrielegende hatten ihr PC-Geschäft schon vor gut sieben Jahren verkauft, um sich erfolgreich auf Großrechner, IT-Services und die Beratungssparte zu konzentrieren.

Quelle: n-tv.de

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