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Paukenschlag am Wochenende: Deutsche Bank baut radikal um

Die Deutsche Bank wagt eine radikale Neuausrichtung: Nach einer außerordentlichen Sitzung im Aufsichtsrat enthüllt Deutschlands größtes Geldhaus die Details des angekündigten Konzernumbaus. Auf der Führungsebene bleibt kein Stein auf dem anderen.

Der große Konzernumbau beginnt: Mit einschneidenden Veränderungen bei der Aufteilung der Geschäftsbereiche geht die Deutsche Bank eine umfassende organisatorische und personelle Neuaufstellung an. Der Aufsichtsrat habe in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, die Konzernsparten neu zu ordnen, teilte der im Dax gelistete Finanzkonzern mit.

Leitgedanke des Umbaus sei es, die "die Komplexität im Management der Bank zu verringern und damit den Kundenbedürfnissen sowie den Anforderungen der Aufsichtsbehörden besser gerecht zu werden", heißt es in einer Mitteilung der Bank wörtlich.

Im Mittelpunkt des Umbaus steht das Investmentbanking, das völlig neu geordnet wird. In der Führungsetage kommt es zu zahlreichen Personalrochaden, Top-Manager verlassen die Bank. Aus dem Konzernumbau ergeben sich weitreichende Veränderungen in der Führungsstruktur: Mehrere Top-Manager verlieren ihren Posten oder bekommen neue Aufgaben zugewiesen. Tausende Mitarbeiter müssen sich auf neue Organisationsstrukturen sowie geänderte Zuständigkeits- und Verantwortungsbereiche einstellen.

Investmentbanking wird aufgeteilt

Das erweiterte Führungsgremium (Group Executive Committee) wird ebenso aufgelöst wie 10 der derzeit 16 Vorstandsausschüsse. Das Group Executive Committee war bislang unter anderem dafür zuständig, Vorstandsentscheidungen vorzubereiten. Zugleich wird der aktuell achtköpfige Vorstand auf zehn Mitglieder vergrößert. Außerdem verlasse Personalvorstand Stephan Leithner die Bank, wie es in der Mitteilung weiter heißt.

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Der seit Juli amtierende neue Co-Chef John Cryan hatte einen Umbau bereits in Aussicht gestellt - und dabei auch einen umfangreichen Stellenabbau angekündigt. Das Ausmaß des Vorhabens und die Details der anstehenden Veränderungen waren bislang allerdings noch unbekannt. Erst vor kurzem hatte die Deutsche Bank Anleger und Analysten vor einem anstehenden Rekordverlust im dritten Quartal gewarnt.

Wie die Märkte auf die strategischen Entscheidungen aus dem Aufsichtsrat reagieren werden, ist noch offen. Vor dem Wochenende waren die Aktien der Deutschen Bank mit einem Tagesgewinn von 1,74 Prozent bei 25,96 Euro aus dem Handel gegangen.

Bei der Deutschen Bank gab es zuletzt eine ganze Reihe von Umstellungen in der Führungsriege, die seit dem Wechsel auf dem Chefposten vorgenommen wurden. Cryan hatte Anfang Juli Anshu Jain als Co-Vorstandschef mit Jürgen Fitschen abgelöst. Der zweite Co-Chef, Fitschen, bleibt noch bis zur Hauptversammlung im Mai 2016 im Amt, ehe der Brite allein das Ruder übernimmt.

Tiefe Einschnitte

Die nun verkündete Neuordnung hat für die Machtverhältnisse innerhalb der Bank weitreichende Folgen: Der Bereich Investmentbanking - einst wichtige Ertragsstütze und Lieblingsspielwiese des früheren Co-Chefs Anshu Jain - wird komplett aufgespalten. Bislang war der Unternehmensbereich Corporate Banking & Securities (CB&S) unter anderem für den Handel mit Finanzprodukten zuständig sowie für Firmenfusionen und die Ausgabe von Anleihen.

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Mit Wirkung zum 1. Januar 2016 geht nun die Unternehmensfinanzierung (Corporate Finance) und die Transaktionsbank (Global Transaction Banking) in der neuen Unternehmenskunden- und Investmentbank auf. Der Titel der neuen Sparte lautet "Corporate & Investment Banking". Die Handelsaktivitäten der Deutschen Bank werden dagegen im neuen Bereich Globale Märkte zusammengefasst. Jeff Urwin, der bislang gemeinsam mit Colin Fan an der Spitze von CB&S stand, verantwortet künftig die Unternehmenskunden- und Investmentbank als Vorstand.

Auch die Vermögensverwaltung (Deutsche Asset & Wealth Management) wird umgebaut: Die Betreuung der wohlhabenden Privatkunden (Private Wealth Management) soll künftig aus einer eigenständigen Einheit heraus in der Privat- und Geschäftskundenbank erfolgen. Die Deutsche Asset Management wird sich ausschließlich auf die institutionellen Kunden und das Fondsgeschäft konzentrieren.

Schonungslose Abrechnung

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Die Bank plant den Umbau in schwierigen Zeiten: Hauptgrund für den erwarteten Rekordverlust von 6,2 Milliarden Euro sind gigantische Abschreibungen vor allem auf den Wert der Tochter Postbank (von der die Deutsche Bank sich trennen will) und das Investmentbanking, das deutlich an Strahlkraft eingebüßt hat. Dazu kamen weitere hohe Rückstellungen für die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten.

Aktionäre und Mitarbeiter müssen sich auf Einbußen gefasst machen. Die Bank hatte angekündigt, die Dividende für das Geschäftsjahr 2015 zu reduzieren oder ganz ausfallen zu lassen. Es wäre das erste Jahr seit den 1950er Jahren ohne Gewinnausschüttung der Bank. Die Mitarbeiter der Deutschen Bank müssen mit geringeren Boni rechnen.

Cryans harter Aufräum-Kurs gilt auch als schonungslose Abrechnung mit seinen Vorgängern - nicht nur mit dem im Juni ausgeschiedenen Anshu Jain, sondern gleich mit allen Chefs der Deutschen Bank, die seit Ende der 1990er Jahre das Heil des Konzerns im Investmentbanking sahen. Ein Beleg für diese These: Cryan schrieb den gesamten sogenannten immateriellen Firmenwert auf die US-Bank Bankers Trust ab, durch deren Übernahme die Deutsche Bank im Jahr 1999 erst zur einer globale Größe im Kapitalmarktgeschäft aufgestiegen war.

Lehren aus der Vergangenheit

Das Investmentbanking ließ die Gewinne der Deutschen Bank bis zur Finanzkrise ab 2008 in ungeahnte Höhen schießen. Doch die Erfolgsgeschichte basierte auch auf unsauberen Geschäftspraktiken - wie etwa die Milliardenstrafen im Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze belegen. Seit Jahren reißen außerdem die Kosten für Altlasten nicht ab.

Auch die Postbank-Übernahme mitten in der Finanzkrise erwies sich als teurer Fehlgriff. Das Bonner Institut sei "für mehr als den Marktwert" erworben worden, hatte Cryan kühl analysiert. Gut sechs Milliarden Euro legte die Deutsche Bank unter Josef Ackermann für die Postbank auf den Tisch. Der Plan, damit ein zweites starkes Standbein in der Heimat zu schaffen, ging aber nicht auf.

Quelle: n-tv.de

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