Wirtschaft
Bankchef Fitschen hat sich für seine Ankündigung die Pressekonferenz des Global Forum for Food und Agriculture auf der Grünen Woche ausgesucht.
Bankchef Fitschen hat sich für seine Ankündigung die Pressekonferenz des Global Forum for Food und Agriculture auf der Grünen Woche ausgesucht.(Foto: dpa)

Umstrittenen Agrar-Finanzanlagen: Deutsche Bank bleibt dabei

Die Spekulation auf Agrarprodukte hat nichts mit dem Hunger in der Welt zu tun. Zu diesem Schluss kommt Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen. Dementsprechend wird die Deutsche Bank die umstrittenen Geldanlagen wieder anbieten. Verbraucherschützer reagieren entsetzt.

Die Deutsche Bank will trotz Kritik von Verbraucherschützern auch künftig mit Nahrungsmittel-Spekulationen Geld verdienen. Untersuchungen hätten keine stichhaltigen Belege für einen Zusammenhang dieser Geschäfte mit dem Hunger in der Welt erbracht, sagte Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen auf der Lebensmittelmesse "Grüne Woche" in Berlin. Im Gegenteil: Agrar-Derivate erfüllten für Nahrungsmittelproduzenten eine wichtige Funktion im weltweiten Handel. Preisschwankungen gebe es "auch bei Abwesenheit von diesen Produkten"

Mit dem Kauf dieser an Börsen gehandelten Papiere können sich Landwirte gegen fallende Preise absichern. "Deshalb hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente wie börsennotierte Indexfonds auf Agrarprodukte anbieten wird ", sagte Fitschen. Nach Protesten von Entwicklungs- und Verbraucherorganisationen hatte die größte deutsche Bank das Neugeschäft mit solchen Anlageformen im März vergangenen Jahres vorerst ausgesetzt, um sie zu überprüfen.

"Wir glauben, dass wir damit genau das tun, was in der Diskussion immer wieder angesprochen wird: Dass wir einen Beitrag leisten zur Finanzierung des Sektors und gleichermaßen einen Beitrag dazu, die Risiken nachhaltiger und besser managen zu können", sagte Fitschen. Auch künftig will die Bank demnach aber "bei neuen Produkten prüfen, dass die zugrundeliegenden Investitionsstrategien nicht das Entstehen von Preisspitzen begünstigen".

"Deutsche Bank handelt unverantwortlich"

Die Verbraucherschützer der Organisation Foodwatch reagierten umgehend mit harscher Kritik. "Die Deutsche Bank handelt mit dieser Entscheidung wieder einmal in hohem Maße unverantwortlich", sagte Foodwatch-Gründer Thilo Bode. "Es gibt ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Belege dafür, dass die von der Deutschen Bank vertriebenen Finanzprodukte zu spekulativen Preisblasen auf den Terminmärkten für Agrarrohstoffe führen und damit Hungerkatastrophen auslösen können." Die Bank bleibe den Nachweis schuldig, dass ihre Produkte unschädlich seien.

Auch die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, kritisierte die Folgen von Rohstoff-Geschäften. "Spekulationen haben eindeutig dazu beigetragen, durch die Volatilität bei Preisen Hungersituationen gerade in kritischen Momenten zu verstärken", sagte sie in Berlin. "Wir sagen nie, es ist der einzige Grund." Spekulation als unproblematisch für den Hunger hinzustellen, sei aber falsch.

Ob Spekulationen mit Nahrungsmitteln die Preise für die Produkte in armen Ländern nach oben treiben, ist in der Wissenschaft umstritten. Eine Übersicht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die Forschungsarbeiten zu dem Thema kommt zu dem Schluss, dass die Zunahme der Finanzspekulationen nicht zu einem höheren Preisniveau bei Agrarprodukten geführt habe. Auch die Schwankungen der Preise seien hierauf nicht zurückzuführen. Dafür seien eher realwirtschaftliche Faktoren verantwortlich.

Profit mit Nahrungsmitteln

Für die Deutsche Bank zählt der Rohstoffhandel zu den Wachstumssegmenten im Kapitalmarktgeschäft. "Hier wird seit einigen Jahren kräftig Gas gegeben", sagt ein Banker. Speziell im Nahrungsmittelgeschäft würden ordentliche Renditen erzielt. Für Kritiker ist das auch der Hauptgrund, warum die Deutsche Bank trotz möglicher Imageschäden an dem umstrittenen Geschäft festhält. "Die Investmentbanker wollen sich diese Wachstumsstory nicht wegnehmen lassen", sagt ein weiterer Insider. Die Bank äußerte sich nicht zum Geschäftsvolumen.

Auch die Allianz ist in dem Geschäft aktiv. Die Commerzbank, die Deka und die LBBW sind dagegen ausgestiegen - bei ihnen spielte das Geschäft keine große Rolle. Die Landwirtschaftliche Rentenbank hat dagegen eine Lanze für derartige Spekulationen gebrochen. Die Vorteile für die Produzenten von Weizen, Kakao oder anderen Agrargütern seien höher zu bewerten als die Verwerfungen an den Märkten durch den Handel mit Derivaten auf diese Produkte, erklärte Horst Reinhardt, Vorstand der zweitgrößten deutschen Förderbank vergangenes Jahr.

Die Allianz hatte bereits Anfang des Jahres erklärt, dass sie sich wegen Termingeschäften mit Lebensmitteln zu Unrecht am Pranger sieht. Solche Spekulationen seien nicht die Ursache für Hunger und Armut, erklärte die Versicherung unter Berufung auf Studien. "Die Wissenschaftler führen die starken Preissteigerungen der letzten Jahre stattdessen auf ein Zusammenwirken verschiedener realwirtschaftlicher Faktoren zurück. Hierzu zählen die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln in Schwellenländern, das Abschmelzen der Lagerbestände, die Subventionierung von Bio-Energie sowie staatliche Eingriffe, etwa Exportverbote", erklärte der Versicherer. "Als Finanzinvestoren greifen wir selber nicht in den realen Handel mit Lebensmitteln ein. Wir entziehen dem Markt keine Rohstoffe."

Quelle: n-tv.de

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