Wirtschaft
Für deutsche Großkonzerne ist Bestechung im Ausland weiter ein probates Mittel, sagt ein Experte.
Für deutsche Großkonzerne ist Bestechung im Ausland weiter ein probates Mittel, sagt ein Experte.(Foto: picture alliance / dpa)

Immer raffiniertere Tricks: Deutsche Firmen bestechen weiter

Von Hannes Vogel

VW-Affäre, Bankenskandale, DFB-Millionen: Ermittler gehen immer härter gegen Bestechung, Betrug und Geldwäsche vor. Doch deutsche Großkonzerne hält das kaum von krummen Geschäften ab. Unrechtsbewusstsein hat kaum jemand.

Uwe Heim wird immer dann gerufen, wenn es richtig schmutzig wird. Heim ist Experte für Geldwäsche und Finanzverbrechen, hat beim Bundeskriminalamt als Ermittler im Bereich Organisierte Kriminalität gearbeitet. Inzwischen steht er in Diensten von Deloitte, einer der großen vier Wirtschaftsprüfungsfirmen. Die "Big Four" erstellen nicht nur bei mehr als drei Viertel der Dax-Konzerne die Jahresabschlüsse. Sie werden immer öfter als Feuerwehr gerufen, wenn die Großkonzerne Skandale aufklären müssen.

Den Firmen erst saubere Zeugnisse ausstellen und danach ermitteln: Viele Beobachter sehen darin einen massiven Interessenkonflikt. Doch durch ihre Arbeit kennen Heim und seine Prüfer die Geheimnisse, Tricks und krummen Geschäfte der Großkonzerne wie kaum sonst jemand. Sie haben in vielen Affären der letzten Jahre ermittelt. Momentan suchen sie für Volkswagen nach den Verantwortlichen der Abgas-Manipulationen. Und wenn man ihnen glaubt, dann hat sich trotz aller Bemühungen im Kampf gegen Bestechung und Betrug in deutschen Großkonzernen in den letzten Jahren nur wenig geändert.

Das System versagt

Obwohl Korruption viel stärker geächtet wurde und Ermittler und Aufseher viel härter dagegen vorgehen, gebe es erstaunlicherweise immer noch viele Fälle, sagt Heim. "Die historische Kultur der Bestechung im Ausland wird immer noch in verschiedensten Unternehmen unterschiedlicher Sektoren gelebt". Bis 2002 wurde Bestechung sogar staatlich gefördert: Firmen durften die Kosten von der Steuer absetzen. Seitdem sei das Phänomen nicht kleiner geworden, sagt Heim. Nur die Methoden werden immer ausgefeilter.

"Man wird immer geschickter und findet immer bessere Vehikel, um Schmiergeld an den Mann zu bringen". Oft ließen sich Bestechungszahlungen kaum noch von legalen Transaktionen unterscheiden. Ein beliebter Trick seien Handelsvertreter im Ausland, die eine Provision für den Umsatz kassieren, erklärt Heim. Es sei aus dem Rechnungswesen nicht mehr zu unterschieden, wann eine Provision tatsächlich für Vermittlungsleistungen gezahlt oder einfach aus der Kasse genommen und an die Auftraggeber weitergereicht werde.

Die meisten Fälle fliegen nur zufällig auf. Die Ermittler sind deshalb immer stärker auf Tippgeber angewiesen. "Wenn es nicht Kommissar Zufall ist, der etwas ans Land spült, sind es in erster Linie Meldungen der Fachleute, die Wind von einer Sache kriegen und nicht beteiligt sind", sagt Heim. Doch auch das werde immer schwieriger. Denn meist liegt der Fehler nicht bei einzelnen Mitarbeitern, sondern im System. "In der Regel gibt es in komplexen Organisationen wie Großkonzernen keine Einzeltäter."

"Ohne Schmiergeld kein Geschäft"

Doch der interne Druck dichtzuhalten sei groß. Mitwisser müssten fürchten selbst zu haften, wenn sie etwas verraten. Zudem fehle den Tätern durchgängig das Schuldbewusstsein, weil die Firmenkultur ihr Verhalten toleriere. Bestechung gelte den Konzernen in vielen Ländern immer noch als probates Mittel, um Aufträge zu sichern. "Ohne Schmiergeld ist kein Geschäft möglich, lautet das Standardargument."

In einem aktuellen Fall sei das Schuldbewusstsein so gering gewesen, dass die Täter sogar offiziell meldeten, wieviel Umsatz die Bestechung gebracht habe. Hier habe sich die typisch deutsche Kontrollkultur ausgezahlt, sagt Heim. In Schriftstücken und Emails hätten die Mitarbeiter dokumentiert, dass das Schmiergeld erst ausgezahlt wurde, nachdem die Ware geliefert und offiziell bezahlt worden sei. Wenn Ermittlungen aber einmal ins Rollen kommen, sei die Erfolgsquote dank moderner Technik hoch, sagt Heim. Selbst Audioaufzeichnungen und Datenmengen von mehreren Terabyte ließen sich heute zügig durchsuchen.

Die Unternehmenskultur macht es laut Heim Kriminellen leicht, die Firmen zu unterwandern, weil sie falsche Anreize setzen. Sie brechen Ziele auf die Mitarbeiter herunter und bezahlen sie erfolgsbasiert. Dieser Druck mache sie leichter ansprechbar für krumme Deals. In vielen Fällen hätten sich deshalb ganze Abteilungen darauf spezialisiert, Angebote für die Organisierte Kriminalität zu entwickeln. "So kommt es dazu, dass für die Revolutionsgarden im Iran Systeme aufgesetzt werden, um geheime Zahlungen durchzusteuern". Hat sich diese Schattenwirtschaft einmal gebildet, werden vom Unternehmen "auch anderen Kriminellen Angebote gemacht, diese Infrastruktur zu nutzen".

Quelle: n-tv.de

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