Wirtschaft
Zum Fürchten!
Zum Fürchten!(Foto: REUTERS)

Kommt die Deflation?: Die Angst vor dem D-Wort

Von Jan Gänger

In der Eurozone wächst die Sorge, dass der Währungsraum von Deflation heimgesucht wird. Die EZB stemmt sich dagegen, indem sie die Zinsen auf ein Rekordtief senkt. Denn sie will vermeiden, dass Europa das Schicksal Japans ereilt.

In der Eurozone geschieht Bemerkenswertes. Die Warnungen vor einer nahenden Inflation verstummen. Seit Jahren sagen Kritiker der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kräftig steigende Preise voraus und lassen sich selbst von dauerhaft niedrigen Inflationsraten nicht beirren. Doch das scheint sich derzeit zu ändern. Denn mittlerweile ist ein anderes Gespenst aufgetaucht: das der Deflation.

Wie problematisch fallende Preise auf breiter Front sind, davon können Japaner ein Lied singen. Das Land steckt seit Jahrzehnten in einem Teufelskreis aus fallenden Preisen und sinkender Nachfrage – und kämpft sich derzeit mühevoll und mit milliardenschweren Finanzspritzen von Regierung und Notenbank aus der zähen Deflation heraus.

Und auch in Europa ist die Deflation ein Thema. Angesichts einer Oktober-Inflationsrate von lediglich 0,7 Prozent im Euroraum senkte die EZB den Leitzins jüngst auf ein Rekordtief von 0,25 Prozent. Eine unmittelbare Gefahr sehen die Notenbanker nach eigener Aussage zwar nicht, doch sie wollen deflationäre Tendenzen gar nicht erst entstehen lassen. Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Inflationsrate von mittelfristig knapp unter 2 Prozent gewährleistet, auch um einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Deflation einzuhalten.

Japanische Deflationsspirale

In Japan kam Mitte der 90er Jahre die Spirale in Gang, vor der man sich in Europa nun zunehmend fürchtet. Das Zutrauen der Japaner in mittelfristig stabile Preise wurde damals nachhaltig erschüttert. "Der Verbraucher hält sein Geld zusammen, gibt es nicht aus und wartet auf das nächste Jahr. Das wirkt auf Dauer nachfragemindernd und verstärkt die Deflationsspirale", sagt Ifo-Chef Hans Werner Sinn.

Zudem schrumpft in Japan die Bevölkerung, was die Lage noch verschärft. Denn auf dem Heimatmarkt lassen sich für Firmen so weniger Produkte verkaufen. Zugleich frisst sich die Deflation über die Verschuldung von Firmen und Haushalten immer tiefer in die Volkswirtschaft hinein: Für Firmen bedeuten fallende Preise, dass ihre Einnahmen sinken. Entlassungen oder gar Pleiten sind die Folge. Dazu kommt, dass Verbraucher und Unternehmen sich in einem deflationären Umfeld scheuen, Kredite aufzunehmen. Denn durch die Deflation werden Schulden real immer größer.

"Keine letzte Kugel"

Droht der Eurozone ein ähnliches Schicksal? Es gibt es tatsächlich Indikatoren, die auf einen sinkenden Preisdruck hindeuten. So sind in Spanien die Verbraucherpreise im Oktober auf null gefallen. In Griechenland lag die Inflationsrate auf Jahressicht bei minus 1,9 Prozent, in Zypern bei 0,9 Prozent. Auch in anderen Ländern der Eurozone fielen die Preise. Unternehmen in Krisenländern dürften angesichts von Rezession und hoher Arbeitslosigkeit auch künftig kaum Spielraum für Preiserhöhungen haben. Zudem verringerte sich das Geldmengenwachstum im Währungsraum auf 1,4 Prozent. Das spiegelte sich auch in einer schwachen Kreditvergabe wider.

Doch es spricht vieles dagegen, dass es zu einem breiten Rückgang der Preise kommt. So stieg die Inflationsrate in der Eurozone im November auf 0,9 Prozent und lag damit 0,2 Prozentpunkte über dem Niveau im Oktober. Zudem stellte die EZB weitere Maßnahmen in Aussicht, sollte der Preisdruck wieder spürbar abnehmen. "Wir sagen, dass wir noch genug Raum für Maßnahmen haben, es gibt keine letzte Kugel", drückt es EZB-Chefvolkswirt Peter Praet aus. "Wenn man den Leitzins einmal bei null hat, dann muss man quantitative Maßnahmen ergreifen. Das muss aber kein Anleiheprogramm sein, das könnten auch Geldspritzen an die Banken sein. Aber an diesem Punkt sind wir nicht."

Quelle: n-tv.de

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