Wirtschaft
Claus Weselsky
Claus Weselsky(Foto: picture alliance / dpa)

Claus Weselsky im Interview: "Die Bahn will uns totverhandeln"

Tagelanger Bahnstreik, das Ende ist offen. GDL-Chef Weselsky weist Kritik an dem Ausstand zurück. "Wir scheinen die Einzigen zu sein, die noch einen klaren Blick haben", sagt er gegenüber n-tv.de und betont: "Die Front steht."

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n-tv.de: Die GDL bestreikt die Bahn tagelang - über Pfingsten und ohne das Ende anzukündigen. Ist das nicht überzogen?

Claus Weselsky: Natürlich trifft der Streik viele Menschen. Aber wir wollen nicht ihnen schaden, sondern das Unternehmen wirtschaftlich treffen. Das ist der Zweck eines jeden Streiks. Bei Verkehrsunternehmen lässt es sich nicht vermeiden, dass Dritte in Mitleidenschaft gezogen werden. Für den Streik ist übrigens nicht allein die GDL, sondern auch das Management der Bahn verantwortlich. 

Ist es wirklich nötig, so massiv zu streiken?

Der jetzige Streik hat doch eine Vorgeschichte. Wir mussten alleine im vergangenen Jahr schon sechs Streiks durchziehen. Wir kämpfen damit für etwas, das uns zusteht: das grundgesetzlich geschützte Recht, für alle unsere Mitglieder Tarifverträge abzuschließen. Weil uns das Management das nicht zugestehen will, sind wir zum Streik gezwungen. Selbst der jüngste Streik hat die Bahn-Führung offenbar nicht ausreichend beeindruckt.

Ist das nicht schon fast ein politischer – und damit rechtswidriger – Streik? Denn im Grunde kämpfen Sie doch gegen das von der Großen Koalition vorangetriebene Tarifeinheitsgesetz?

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Das ist kein politischer Streik: Die Arbeitskampfmaßnahmen haben erst im vergangenen September begonnen, der Tarifstreit begann bereits im Juli 2014. Seit Monaten versuchen wir, einen Tarifabschluss für unsere Mitglieder zu erzielen. Dass das Gesetz eine Rolle spielt, will ich gar nicht bestreiten. Aber wir streiken nicht gegen das Gesetz.

Wie lange kann die GDL den Streik finanziell durchstehen?

Niemand sollte glauben, dass die GDL finanziell nicht in der Lage ist, den Arbeitskampf weiterhin durchzuhalten. 

Sie haben das Streikgeld auf 100 Euro erhöht. Angeblich liegt das daran, dass viele Lokführer streikmüde sind …

Die GDL hat das Streikgeld angehoben, weil durch den mehrere Tage dauernden Streik viele Kollegen große Lohneinbußen hinnehmen müssen. Die Beteiligung unserer Mitglieder beim letzten Streik war noch höher als beim vorherigen. Das machen die Kollegen doch nicht an 100 Euro fest. Sie haben die Faxen dicke und können nicht ertragen, dass sich das Management die Boni um 174 Prozent erhöht und sich gleichzeitig weigert, Lokführern und Zugbegleitern Arbeitszeitverbesserungen zuzugestehen.

Wie viele GDL-Mitglieder sind im Streik?

Das kann ich für den laufenden Streik nicht sagen, da hängt viel von den Dienstrhythmen ab. Beim letzten Streik waren es pro Tag im Schnitt 3300 Kollegen.

Muten sich GDL und Lokführer angesichts der Kritik an diesem Streik nicht zu viel zu?

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Wir scheinen die Einzigen zu sein, die noch einen klaren Blick haben. Wir verteidigen die Arbeitnehmerrechte. Und wenn der Arbeitgeber versucht, eine Gewerkschaft totzuverhandeln, dann muss er mit einer Gegenreaktion rechnen. Die Lokführer und Zugbegleiter sind klug genug, sich ihre Meinung nicht durch Überschriften zu bilden. Sie wissen, worum es geht. Deswegen steht die Front so, wie sie steht: Nicht weil der Weselsky eine Sekte führt, sondern weil wir denkende Mitglieder haben. Die wissen, dass die veröffentlichte Meinung nicht identisch ist mit der öffentlichen Meinung.

Von außen betrachtet wird man aus dem Konflikt nicht schlau. Bahn und Gewerkschaft sitzen immer wieder stundenlang zusammen. Mit dem Ergebnis gegenseitiger Schuldzuweisungen. Was ist da los?

Die Verhandlungsmethode der Deutsche Bahn ist darauf ausgerichtet, kein Ergebnis zu erzielen. Damit will sie die Gewerkschaft zermürben und Betriebsräte an den Rand der Verzweiflung bringen. Zugleich versucht sie mit einer guten PR-Kampagne, sich als der Gute im Konflikt zu präsentieren.

Verkehrsminister Dobrindt als Vertreter des Eigentümers kritisiert die GDL deutlich.

Das scheint Methode der Politik zu sein. Angeblich wird sich in die Tarifautonomie nicht eingemischt, trotzdem wird nur einer Seite die Schuld gegeben. Ich sage in Richtung Bund: Eigentum verpflichtet. Und der Eigentümer sollte den Bahn-Vorstand fragen, wie sinnvoll es ist 400 Millionen Euro zu verbrennen. Das ist fehlende Dividende, die nun der Steuerzahler aufzubringen hat. Der Bund sollte dafür sorgen, dass die Bahn mit dem Ziel verhandelt, auch ein Ergebnis zu erzielen.

Hinterlässt die Berichterstattung  bei Ihnen Spuren?

Kein Mensch ist in der Lage, das zu ignorieren. Ich muss die Interessen der Mitglieder vertreten und  kann als Vorsitzender einer Gewerkschaft nicht das Schiff verlassen, wenn es etwas rauher wird. Allerdings sind die von einigen Journalisten angewandten Methoden weit unter der Gürtellinie – so wurde beispielsweise in meine Privatsphäre eingedrungen.

Mit Claus Weselsky sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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