Wirtschaft
Kleinwagen aus Aachener Tech-Schmiede: Hat der E.go Life das Potenzial zum Verkaufsschlager?
Kleinwagen aus Aachener Tech-Schmiede: Hat der E.go Life das Potenzial zum Verkaufsschlager?(Foto: picture alliance / e.GO Mobile A)
Donnerstag, 24. August 2017

Start-ups übernehmen das Ruder: Die E-Revolution kommt durch die Hintertür

Von Kai Stoppel

Deutsche Autokonzerne hadern mit dem von vielen vorhergesagten Siegeszug der Elektromobilität. Doch während Branchengrößen noch zögern, lassen kleine Start-ups die elektrische Zukunft hierzulande bereits Realität werden.

Die Revolution von oben lässt bisher auf sich warten: Obwohl oft und lange beschworen, kommt die Wende zur Elektromobilität in Deutschland äußerst schleppend in Gang. Zwar führen deutsche Hersteller wie VW, Daimler und BMW bereits E-Autos in ihren Modellpaletten. Doch raumgreifende "Elektro-Offensiven" wurden bisher vor allem angekündigt, nicht umgesetzt. Der Eindruck bleibt, dass etablierte Autobauer manchmal eher Bremser denn Förderer des Elektro-Umschwungs sind.

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Also findet die Revolution eben woanders statt: Während die Politik auf – mittlerweile wieder kassierte - Zielgrößen für E-Autos setzt, Förderprämien auf den Weg bringt und über Quoten für Elektroautos nachdenkt, sucht sich andernorts die Elektromobilität hierzulande ganz ohne Zwänge und Drängen ihre Nischen.

Zum Beispiel in den deutschen Großstädten, dort, wo geringe Reichweiten keine Rolle spielen und die Nachfrage nach sauberen und smarten Alternativen zum Verbrennungsmotor groß ist. Immer häufiger sind dort elektrische Roller in einheitlichem Design anzutreffen. Dahinter stehen Start-ups wie etwa Emmy, welches in Hamburg und Berlin vertreten ist und in der Hauptstadt bereits über eine Flotte von 800 Rollern verfügt. Noch größer ist an der Spree das E-Roller-Angebot der Bosch-Tochter Coup, die mittlerweile auch nach Paris expandiert. In Köln und München ist zudem die Firma scoo.me aktiv.

Start-ups aus Aachener Denkfabrik

Aber auch bei den Autos für jedermann drängen kleine, wendige Start-ups aus Deutschland auf den Markt. Etwa der Hersteller E.go Mobile, ein Spin-off der RWTH Aachen, der im Mai kommenden Jahres die Produktion seines Kleinwagens E.go Life starten will. Der verfügt zwar nur über eine Reichweite von 130 Kilometern, was im Vergleich zu den mehr als 500 Kilometern eines Tesla wenig ist. Allerdings ist der E.go Life als Stadtauto konzipiert – lange Strecken soll er also ohnehin nicht bewältigen.

Das Unternehmen Coup ist ein der neuen Anbieter von E-Rollern in Großstädten.
Das Unternehmen Coup ist ein der neuen Anbieter von E-Rollern in Großstädten.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Vorteil des kleinen Flitzers zur elektrischen Konkurrenz ist vor allem der Preis: Der E.go soll nur 16.000 Euro einschließlich Batterie kosten – und damit rund 10.000 Euro weniger als etwa der E-Up von VW. Allerdings ist er damit immer noch deutlich teurer als ein herkömmlicher Kleinwagen mit Verbrennungsmotor - auch wenn man die staatliche Förderprämie von 3000 Euro berücksichtigt, die es 2018 für reine Stromer noch geben wird.

Dennoch: Bereits jetzt sei die erste Jahresproduktion des E.go Life ausverkauft, berichtet die Zeitschrift "Auto Straßenverkehr". Das Unternehmen denkt ans Expandieren: "Wir werden Ende Mai 2019 die zweite Schicht einführen und kommen dann auf eine Jahresproduktion von 20.000 Autos", kündigte Firmenchef Günter Schuh an. Zum Vergleich: BMW hat von seinen Stromern des Project i in den vergangenen drei Jahren nur 70.000 Modelle verkauft.

Ein anderer Pionier ist das Münchner Startup Sono Motors, welches Ende Juli sein Solarauto Sion vorgestellt hat. Es soll eine Reichweite von 250 Kilometern haben, ohne Batterie 16.000 Euro kosten und vor allem von Familien und Stadtpendlern gekauft werden. Besonderer Clou: Integrierte Solarzellen sollen Strom für bis zu 30 Kilometer Reichweite pro Tag liefern.

Post spielt bereits bei Großen mit

Der Streetscooter macht die Post zu einem der größten deutschen Hersteller für Elektrofahrzeuge.
Der Streetscooter macht die Post zu einem der größten deutschen Hersteller für Elektrofahrzeuge.(Foto: picture alliance / dpa)

In einer weiteren Nische der Elektromobilität macht sich ein Anbieter breit, der ebenfalls nicht zu den traditionellen Größen der Autobranche zählt: Die Deutsche Post will mit ihrem Tochterunternehmen Streetscooter den Elektroumschwung im Lieferverkehr vorantreiben. Streetscooter war ursprünglich ebenfalls ein Spin-off der Technischen Hochschule in Aachen, Mitgründer war der jetzige E.go-Mobile-Chef Schuh.

Zusammen mit Ford hat die Post nun bereits die dritte Generation ihres E-Transporters vorgestellt – den Streetscooter Work XL. Er soll später, wie bereits seine beiden kleineren Vorgänger, nicht nur die eigene Lieferflotte stellen, sondern auch an Dritte verkauft werden. Streetscooter will die Jahresproduktion auf 20.000 Stück hochfahren, eine zweite Fabrik in Nordrhein-Westfalen geht bald in Betrieb. In Deutschland gehört die Post derzeit zu den größeren Herstellern von E-Autos.

Warum der Streetscooter Zukunft hat: In den Städten können Lieferwagen mit elektrischem Antrieb dank der kurzen Wege der Vorteil der geringen Kosten beim Verbrauch ausspielen. Zudem werden E-Transporter aufgrund drohender Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Innenstädten bald zu einer fast zwingenden Alternative.

Bosch hofft auf Milliardengeschäft

Von der elektrischen Achse verspricht sich Bosch den Durchbruch für die E-Mobilität.
Von der elektrischen Achse verspricht sich Bosch den Durchbruch für die E-Mobilität.(Foto: Bosch)

Als eher zurückhaltender Förderer dieser leisen Elektro-Revolution tritt der Autozulieferer Bosch auf. Sowohl für den E.go Life als auch für die kleineren Streetscooter-Modelle liefern die Stuttgarter wesentliche Komponenten für den Antrieb. Allerdings lässt der Konzern auch durchblicken, dass er beim Thema Elektromobilität noch höher hinaus will.

Das Familienunternehmen, das kürzlich in der Öffentlichkeit vor allem wegen einer möglichen Verwicklung in den Diesel-Skandal von sich reden machte, plant nichts weniger als die "Marktführerschaft bei der Elektromobilität ab 2020", wie Rolf Bulander, Bosch-Geschäftsführer mit Zuständigkeit für "mobility solutions", der "FAZ" sagte.

Dabei behilflich sein soll ein neuartiger Elektroantrieb, die sogenannte E-Achse - genannt E-Axle. Bei ihr werden Motor, Getriebe, Regelelektronik und Achse in besonders kompakter Weise vereint. Verglichen mit den derzeit verwendeten einzelnen Komponenten soll der Antrieb etwa fünf bis zehn Prozent kostengünstiger sein. "Wirtschaftlich kann die E-Achse für Bosch zum großen Wurf werden", so Bulander. Man sei sich sicher, dass mit ihr Milliardenumsätze möglich seien.

Auf ein ähnliches System setzt der Zulieferer Schaeffler, der die E-Achse Hochvolt entwickelt hat. Kunden sind vor allem chinesische E-Autobauer. Schaeffler verweist auf bereits vier Serienaufträge für seinen Antrieb.

Möglicherweise wird die Elektromobilität sich am Ende alleine behaupten – ganz ohne massive Eingriffe des Staates. Ein Anfang scheint gemacht. Die Revolution beginnt von unten.

Quelle: n-tv.de

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