Wirtschaft
Die Arbeitgeber halten die Forderungen der IG Metall für realitätsfremd.
Die Arbeitgeber halten die Forderungen der IG Metall für realitätsfremd.(Foto: picture alliance / Carsten Rehde)
Donnerstag, 12. Oktober 2017

28-Stunden-Woche: "Die IG Metall schlägt Pflöcke ein"

Mit Maximalforderungen will die IG Metall in die Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern einziehen. Realistisch sind diese zwar nicht. Sie könnte damit aber einen breiteren Diskussionsprozess auslösen, sagt der Arbeitsmarktexperte Werner Eichhorst vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit.

n-tv.de: Was halten Sie vom Vorschlag der IG Metall: Wäre die 28-Stunden-Woche für unsere Arbeitswelt ein Fortschritt?

Werner Eichhorst: Ja und nein. Es geht wohlgemerkt nicht um eine pauschale Arbeitszeitverkürzung für alle als Norm. Die IG Metall fordert, dass die Arbeitnehmer ein Wahlrecht zur Verkürzung ihrer Arbeitszeit um ein Fünftel erhalten. Und nach zwei Jahren sollen sie das Recht auf ihre ursprüngliche Arbeitszeit haben. Wenn es so realisiert wird, bietet es eine zusätzliche Flexibilität für die Beschäftigten und kann im Einzelfall zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit führen. So gesehen, passt es in den Zeitgeist.

Und was spricht dagegen?

Ich halte es für relativ unrealistisch, von den Arbeitgebern eine Kompensation für diese Arbeitszeit zu verlangen. Das wird kaum durchsetzbar sein. Es passt auch nicht, wenn die Arbeitszeitverkürzung so massiv in Anspruch genommen wird, dass die Arbeitgeber Probleme bekommen, den betrieblichen Ablauf aufrecht zu erhalten. Da gibt es bereits Widerstände der Arbeitgeber. Hier ist es unabdingbar, dass es einen Vorlauf gibt, so dass die Arbeitgeber ausreichend Planungssicherheit erhalten. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Verkürzung der Arbeitszeiten gerade bei kleineren und mittleren Betrieben im Verlauf der Verhandlungen kontigentiert wird, um eine zu starke Verknappung von Fachkräften zu verhindern. Ansonsten ist das Modell für all die Arbeitnehmer unpassend, die auf ein Gehalt in voller Höhe angewiesen sind. Sie werden das Angebot kaum in Anspruch nehmen oder eher über Arbeitszeitkonten vor- bzw. nacharbeiten.

Dass die IG Metall die Unternehmer für sozialpolitische Maßnahmen wie Kinderbetreuung oder Pflege der Angehörigen in die Pflicht nimmt, ist in Ordnung?

Werner Eichhorst ist Experte für europäische Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit IZA.
Werner Eichhorst ist Experte für europäische Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit IZA.

Die IG Metall versucht, einen Pflock gegen generelle Flexibilisierungswünsche der Arbeitgeber einzuschlagen. Deshalb lehnt sie sich relativ weit aus dem Fenster. Indirekt will sie wohl gleichzeitig auch Druck auf die Politik ausüben. Wenn sie über eine Ausweitung von Lohnersatzleistungen und verkürzte Arbeitszeiten sprechen will, ist eher der Sozialstaat gefragt, nicht der Arbeitgeber. Es ist denkbar, dass Unternehmen Gehälter freiwillig aufstocken. Wenn aber die Arbeitgeberverbände bei einem Tarifvertrag gerade hier Entgegenkommen zeigen würden, könnte das innerhalb dieser Verbände Spannungen geben und die Akzeptanz von Tarifverträgen vermindern. Kleine Betriebe können sich so einen Tarifabschluss eher nicht leisten.

Die Deutschen arbeiten so viel wie nie. Wäre eine Rückkehr zur 35-Stunden-Woche nicht die richtige Forderung gewesen?

Die effektiv geleisteten Stunden in Vollzeit inklusive Überstunden liegen eher über 40 Stunden. Da ist eine große Diskrepanz - auch wenn die 35-Stunden-Woche nicht in der gesamten Wirtschaft die Norm ist. Ich könnte mir vorstellen, dass die IG Metall ihr Forderungspaket als Mittel sieht, noch einmal über die praktische Bedeutung der vereinbarten 35-Stunden-Woche zu sprechen.

Laut Arbeitsmarktprognose des Bundes wird die Zahl der Erwerbstätigen bis 2030 um 1,4 Millionen auf 39,2 Millionen zurückgehen. Wie passt das mit der Forderung der IG Metall zusammen? Jede Hand wird gebraucht, möchte man meinen. Wieso führen wir jetzt eine Debatte über Arbeitszeitverkürzung?

Nach 20 Jahren 35-Stunden-Woche beginnt die Debatte um die Flexibilisierung der Arbeitszeit.
Nach 20 Jahren 35-Stunden-Woche beginnt die Debatte um die Flexibilisierung der Arbeitszeit.(Foto: picture alliance / Oliver Dietze)

Dass es aus Sicht der Arbeitgeber nicht zu einer "künstlichen‘" Verknappung des ohnehin begrenzten Bestandes an Fachkräften kommen sollte, wird eines der Hauptargumente in den kommenden Wochen sein. Wir haben eine starke Nachfrage nach Fachkräften, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Deren Be- und Auslastung wird in Zukunft eher noch zunehmen. Das spricht eher dafür, intelligente Formen der Flexibilisierung zu suchen - ohne dass es hier zu einer massiven Verkürzung der Arbeitszeit kommt. Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet werden, dass Menschen produktiv arbeiten können, ohne sie zu überlasten. Da wird man sich hinbewegen müssen. Wenn es auf breiter Front zu einem Wechsel von Voll- zu Teilzeit käme, wäre das ein Problem.

Sie haben das Stichwort geliefert: "Intelligente Flexibilisierung". Was wäre denn intelligent?

Einer der Knackpunkte in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit ist, dass es die großen Prinzipien oder Normen nicht mehr gibt. Je nach Beruf, betrieblichen Anforderungen und individuellen Lebenslagen kann und sollte es sehr unterschiedliche Lösungen geben. Auch das spricht gegen eine Verabsolutierung der 28-Stunden-Woche. Es sind verschiedene Optionen auf dem Tisch und jetzt kommt es darauf an, das richtige Menü anzurichten, das sowohl für die Unternehmen als auch die Beschäftigten passt. In vielen Bereichen wird diese Diskussion gar nicht verstanden, weil es sehr viel Projektarbeit, Vertrauensarbeitszeit und mobiles Arbeiten gibt. Dort regelt sich das im Arbeitsprozess. Private Verpflichtungen lassen sich damit ganz gut vereinbaren. Das ist der Zug der Zeit.

Wo ist die 28-Stunden-Woche praktikabel?

Das Modell, das hier idealtypisch von der IG Metall angestrebt wird, ist eher eines, das auf größere Unternehmen passt, die Arbeit auch intern leicht umverteilen können. Es ist natürlich die Welt der IG Metall, die hier durchschimmert. Auf der ganzen Breite des Arbeitsmarktes wird das nicht so laufen können. Im Fachkräfte- oder Führungskräftebereich zum Beispiel kann Arbeitszeit nur individuell vereinbart werden. Hier wird es eher nicht zu einer massiven Verkürzung von Arbeitszeit kommen. Der Verdienst der IG Metall könnte es sein, dass sie mit ihrer Positionierung einen breiteren Diskussionsprozess auslöst - bis hinein in die Sozialpolitik, wenn es um die Frage geht einer Lohnergänzungsleistung für bestimmte Bedarfslagen geht.

Mit Werner Eichhorst sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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