Wirtschaft
Christian Bale spielt in "The Big Short" einen Banker, der mit Wetten auf den großen Crash ein Vermögen macht.
Christian Bale spielt in "The Big Short" einen Banker, der mit Wetten auf den großen Crash ein Vermögen macht.(Foto: picture alliance / dpa)

Finanzkrise im Kino: "The Big Short": "Die Leute haben ihr Hirn abgegeben"

Giftpapiere werden wie eine Suppe aus Fischabfällen zusammengerührt, Tranchen von Schrottpapieren mit Jenga-Klötzchen erklärt: "The Big Short" veranschaulicht die Finanzkrise als Gaunerkomödie, die das Publikum zum Lachen bringt. Im n-tv.de-Interview verrät Finanzexperte Thomas Heidorn von der Frankfurt School of Finance & Management, was an dem Film Realität und was Fiktion ist.

n-tv.de: Der Film "The Big Short" erzählt die Finanzkrise aus Sicht schrulliger Investment-Vögel, die früher als die Wall Street merken, dass die Papiere Schrott sind, mit denen Banken das große Geld scheffeln. Wieviel historische Wahrheit steckt in dem Film?

Thomas Heidorn: Sicherlich gab es einige Leute, die rechtzeitig darauf gekommen sind, dass viele Papiere vom US-Immobilienmarkt problematisch sind und dann dagegen gewettet haben. Das waren aber nicht sehr viele. Und diese Wetten waren auch nicht der Grund für die Finanzkrise, sondern das Platzen der Blase: Die Käufer der Papiere hatten plötzlich eine andere Einschätzung und wollten sie massenhaft loswerden. Deswegen sind die Finanzmärkte abgestürzt und schließlich eingefroren.

In Wahrheit waren einige der schrägen Typen, die im Film als Outsider Rache an den Banken nehmen, Teil der fragwürdigen Finanzmaschinerie. Deutsche-Bank-Händler Greg Lippman, die Vorlage für Ryan Goslings Figur, nannte die Papiere, die er damals seinen Kunden verkaufte, intern "Scheiße" und "Schweine". Die Deutsche Bank machte damit Milliardenprofite.

Prof. Thomas Heidorn ist Finanzexperte an der Frankfurt School of Finance and Management.
Prof. Thomas Heidorn ist Finanzexperte an der Frankfurt School of Finance and Management.

Der Slang im Handelsraum kann leicht missverstanden werden. Insofern muss man vorsichtig beim Interpretieren dieser Aussagen sein. Sicherlich kann man Leuten wie Lippman vorwerfen, dass sie ihre Papiere noch lange weiterverkauft haben, nachdem sie gemerkt hatten, dass sie faul sind. Am Anfang haben sie aber sicher alle selbst an sie geglaubt. Und jeder der da damals nicht mitmachte, hätte einfach nur nichts verkauft, statt das System verändert. Denn diese Papiere sind auch deshalb jahrelang so gut gelaufen, weil die Investoren aufgehört haben zu denken. Die Leute haben ihr Hirn abgegeben und alles gekauft, für etwas mehr Rendite. Die härtesten Produkte waren CDO2, also Papiere, die sich selbst aus Teilen anderer Papiere zusammensetzten. Die sind dann in der Krise auch gleich als erstes zusammengekracht.

Der US-Senator Carl Levin hat in seinem Bericht nachgewiesen, dass Banker wie Lippman genau wussten, dass ihre Papiere kollabieren würden und sie sie trotzdem verkauften. Und dann wetteten sie noch hinterrücks gegen ihre Kunden. Verherrlicht der Film also nicht Betrüger?

In Märkten gibt es immer Betrug. Aber ich teile die Einschätzung des US-Senats nicht so uneingeschränkt. Im Nachhinein betrachtet haben die Ratingagenturen sicherlich Fehler gemacht. Dass ihre Bestnoten für Papiere, die sich in der Krise dann als Schrott entpuppten, auf Statistiken vom US-Häusermarkt beruhten, der 20 Jahre gestiegen war, ist uns heute nach dem Crash allen sonnenklar. Aber vorher war das so nicht abzusehen. Die Zukunft kann man aus der Vergangenheit nur bedingt vorhersagen. Vor der Krise als gab es so gut wie keine Ausfälle im Häusermarkt. Selbst faule Kredite konnten Banken wegstecken, weil sie die Häuser im Pleitefall immer für mehr verkaufen konnten, als sie vorher verliehen hatten. Es ist ein weites Feld, wo Kriminalität anfängt, und wo sie aufhört.

Hat es sie also nicht gegeben?

Aus meiner Sicht gab es viele Leute, die nicht im Kundeninteresse Produkte verkauft haben. Sie hätten ihre Klienten so nicht behandeln dürfen. Ethisch ist das verwerflich, aber im eigentlichen strafrechtlichen Sinne war es nicht kriminell. Da waren nicht massenhaft Bernie Madoffs am Werk.

Auch der Film bleibt uneindeutig: "Sag mir den Unterschied zwischen dumm und legal, und ich lasse meinen Schwager verhaften", scherzt eine Figur. Was war die Finanzkrise denn nun: ein Akt kollektiver Dummheit? Oder systematischer Betrug?

Weder noch. Viele Investoren haben sich nicht die Mühe gemacht, das was sie gekauft haben, wirklich zu verstehen. Für Profis ist das ein Unding. Und sich nachher hinzustellen und dem bösen Berater die Schuld zu geben ist wohlfeil. Da machen es sich sicher viele Leute zu leicht. Sicher gab es auch ein paar böse Banker. Aber so einfach ist das nicht. Ein professioneller Investor muss sich überlegen, was er da kauft.

"Sie irren sich, wenn sie glauben, dass die Banken der Welt nicht allein durch Gier angetrieben werden", heißt es im Film. Sie waren selbst Investmentbanker. Stimmt das?

Der Unterschied zwischen angelsächsischem und deutschem oder europäischem Investmentbanking ist weiterhin sehr groß. Es gibt sicherlich eine Menge angelsächsische Häuser, die nur durch Gier getrieben sind. Aber das trifft nicht auf alle zu, das kann man nicht verallgemeinern.

Vereinfacht der Film also zu stark? Welche Faktoren außer Gier und Betrug haben noch zur Finanzkrise geführt?

Der Hype am US-Immobilienmarkt war politisch gewollt. Ein Hauptgrund für die Blase war, dass jeder Depp eine Hausfinanzierung bekommen hat. Die Banken haben auch aus politischem Druck fröhlich Kredite an Leute vergeben, die sie sich nicht leisten konnten. Und um nach dem Crash den Hals aus der Schlinge zu ziehen, hat die Politik eine große Show gemacht und die Banker an den Pranger gestellt. Aber in Wahrheit hat sie genauso versagt wie die Finanzbranche. Auf deutscher Seite kam hinzu, dass die Landesbanken ihre Staatsgarantie verloren hatten und für ihr vieles geliehenes Geld händeringend sinnvolle Anlagen suchten. Und da boten sich diese US-Papiere an, weil sie auf den ersten Blick sicher wirkten und mehr abwarfen als herkömmliche Investments mit Top-Rating. Deshalb wurden sie massenhaft gekauft. Es war eine fatale Mischung.

Wie der Film endet, wird nicht verraten. Gefällt Ihnen denn, wie die Krise in der realen Welt ausgegangen ist?

In der Wirklichkeit sind die Investoren meistens auf den Verlusten sitzengeblieben, auch wenn man sich streiten kann, ob sie nicht selbst Schuld sind. Der Aufräumprozess in den Banken ist sehr seltsam verlaufen. Gerade die Leute, die vor der Krise diese toxischen Produkte verkauft haben, durften bleiben, weil sie hochprofitabel waren. Rausgeflogen sind sehr oft eher die, die gute Produkte gemacht haben, weil die damit eben nicht so viel Geld verdient hatten. Ich kann nicht beobachten, dass sich da die Qualität durchgesetzt hat. Das Gegenteil ist eher der Fall. Und das ist sehr bitter.

Mit Thomas Heidorn sprach Hannes Vogel.

Quelle: n-tv.de

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