Wirtschaft
Protest von ArcelorMittal-Arbeitern vor dem Pariser Eiffelturm: Sinnbild für den Niedergang der französischen Industrie.
Protest von ArcelorMittal-Arbeitern vor dem Pariser Eiffelturm: Sinnbild für den Niedergang der französischen Industrie.(Foto: Reuters)

Von Großkonzernen und Mittelstand: Die Probleme der Grande Nation

Frankreichs Hang zur Größe rächt sich in der Krise: Nur wenige Großkonzerne können im Globalisierungskonzert noch mitspielen. International erfolgreiche mittelgroße Firmen - wie es sie in Deutschland zuhauf gibt - sind in Frankreich Mangelware. Woran liegt das?

Der Ofen ist aus im französischen Florange: Die von Stilllegung bedrohten Hochöfen des Stahlriesen ArcelorMittal in Lothringen stehen für den Niedergang der Industrie Frankreichs. Allein unter der Ägide des um seine Wiederwahl kämpfenden Präsidenten Nicolas Sarkozy sind in dem Sektor 350.000 Jobs verloren gegangen.

In der Krise rächt es sich zudem, dass das Land mit seinem Hang zur Grandeur zu sehr auf Großkonzerne setzt: Firmen wie Danone und L'Oreal haben Weltrang, doch die Autoindustrie steckt in der Strukturkrise. Und international erfolgreiche mittelgroße Firmen sucht man mit der Lupe. Der Mittelstand, Rückgrat der deutschen Wirtschaft, ist jenseits des Rheins die Achillesferse. Falls der künftige Präsident das Manko nicht angeht, droht das Land den Anschluss zu verpassen.

"Generationenaufgabe"

Video
Video

Der als Sanierer angetretene sozialistische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande will nach einem Sieg kleinen und mittelgroßen Betrieben mit 5 Mrd. Euro unter die Arme greifen. Sarkozy setzt auf Senkung der Sozialbeiträge. Doch der künftige Staatschef braucht einen langen Atem: "Wir reden hier von einer Generationenaufgabe", mahnt Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut (DFI). Vielen Unternehmern fehle es an Mut, den Sprung auf die internationalen Märkte zu wagen.

Die Zahl der exportierenden Unternehmen zwischen Lille und Marseille betrug 2008 mit 95.000 nur ein gutes Viertel der deutschen Exporteure. Dahinter steht auch ein Mangel an Innovationskraft: Während in Frankreich Unternehmer für Forschung und Entwicklung nur gut ein Prozent der Wirtschaftsleistung aufwenden, sind es laut DFI in Deutschland 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Außenhandelsdefizit bremst

Frankreich fremdelt mit der Globalisierung. Als Menetekel gilt das Rekorddefizit im Außenhandel. Die Lücke zwischen Einfuhren und Ausfuhren summierte sich 2011 auf fast 70 Mrd. Euro. Die Deindustrialisierung schlägt voll durch. In dem Buch "La France sans ses usines" (Frankreich ohne seine Fabriken) halten die Autoren Patrick Artus und Marie-Paule Virard dem Land schonungslos den Spiegel vor: Das verarbeitende Gewerbe trägt noch 14 Prozent zur Wertschöpfung bei. Der Anteil in Deutschland ist doppelt so hoch. Allein im vergangenen Jahrzehnt sind mehr als eine halbe Million Industrie-Jobs verschwunden.

Legt ArcelorMittal die beiden Hochöfen in seinem Werk in Florange endgültig still, könnten 550 Arbeitslose hinzukommen. Ob Frankreich für den Konzern mit Sitz in Luxemburg noch als attraktiver Standort für die Rohstahlproduktion gilt, darf bezweifelt werden. Zwischen 2000 und 2008 sind die Arbeitskosten der französischen Firmen um 55,8 Prozent geradezu explodiert, in Deutschland waren es nur 17,2 Prozent. Das hat nicht nur mit der deutschen Lohnzurückhaltung zu tun, sondern auch mit den überdurchschnittlich hohen Lohnnebenkosten in Frankreich. Nach einem Bericht des arbeitgebernnahen Forschungsinstitut COE-Rexecode kostet die Erhöhung des Nettolohns um 100 Euro französische Arbeitgeber 169 Euro, deutsche aber "nur" 152 Euro.

Strukturprobleme der Autohersteller

Das bekommt auch die Automobilindustrie zu spüren. Wegen der Hochsteuerpolitik ist das lukrative Segment der Oberklasse beziehungsweise der oberen Mittelklasse in Frankreich anders als in Deutschland nur sehr schwach ausgebildet. "In Frankreich ist es sehr schwer, reich zu sein und noch schwerer seinen Reichtum zu zeigen," meint Christoph Stürmer, Forschungsdirektor bei IHS Automotive.

Die beiden großen Hersteller PSA Peugeot-Citroen  und Renault konkurrieren mit VW, Opel und Ford im hartumkämpften Markt für Klein- und Kompaktwagen und sind zudem stärker abhängig vom gesättigten europäischen Kernmarkt. PSA und Renault haben lange vergeblich versucht, dem umsatzstärkeren VW- Konzern als erfolgreichen Volumenhersteller nachzueifern und über Größe in Märkte einzudringen, so Stürmer.

VW hat seine Führerschaft jedoch konsequent ausgebaut - unter anderem durch Präsenz in Zukunftsmärkten und eine breite Produktpalette. Die Franzosen streben nun die Spitzenposition in Europa bei der Entwicklung von Elektroautos an und suchen ihr Heil in Kooperationen: Renault arbeitet mit Nissan und Daimler in der Elektromobilität zusammen und hat zudem eine kostensparende Plattformstrategie mit den Japanern entwickelt. PSA arbeitet bei Elektrofahrzeugen mit BMW zusammen und kooperiert seit Anfang 2012 mit GM.

Auch die 35-Stunden-Woche ist für Frankreich eine teure Hypothek. Dennoch hat Sarkozy nicht an der von den Sozialisten eingeführten Reform zu rütteln gewagt. Da ab der 36. Stunde Überstundenzuschläge fällig werden, entgehen dem Staat jährlich 4 Mrd. bis 5 Mrd. Euro Steuern und Sozialabgaben. Sarkozy will das starre System auflockern und betriebliche Arbeitszeitmodelle zulassen. Doch was sich in Deutschland bewährt hat, muss kein Erfolgsrezept für Frankreich sein, meint Uterwedde: "Das kooperative Modell ist dort nicht eingeübt."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen