Wirtschaft
Mit der Vectoring-Technik will die Telekom das Surfen beschleunigen. Dafür bekommt sie faktisch die Kontrolle beim Turbo-Internet.
Mit der Vectoring-Technik will die Telekom das Surfen beschleunigen. Dafür bekommt sie faktisch die Kontrolle beim Turbo-Internet.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 24. November 2015

Kontrolle über das Turbo-Internet: Die Telekom hat ihr Monopol zurück

Von Hannes Vogel

Nach jahrelangem Lobbying will die Bundesnetzagentur der Telekom erlauben, Internetanschlüsse mit der Vectoring-Technik schneller zu machen. Der Haken: Der Konzern kontrolliert damit künftig faktisch das Highspeed-Surfen.

Die Entscheidung der Bundesnetzagentur betrifft jeden Deutschen, der online geht, doch die wenigsten dürften sie überhaupt mitbekommen haben. Nach jahrelangem Hickhack haben die Wettbewerbshüter am Montag bis auf kleine Änderungen grünes Licht für die umstrittenen Netzausbaupläne der Telekom gegeben. Zwar können Wettbewerber noch bis Januar Stellung zu dem Entwurf nehmen. Doch viel wird sich wohl nicht mehr daran ändern.

Der Konzern darf nun - mit dem Segen der Regierung - das Internet in Deutschland schneller machen. Dafür setzt die Telekom auf die sogenannte Vectoring-Technik, mit der die Geschwindigkeit der Kupferleitungen auf der sogenannten "letzten Meile" - der Strecke zwischen den Hauptverteilern und den Wohnungen - auf bis zu 100 Megabit pro Sekunde erhöht werden kann. Der Haken an der Sache: Nur ein Unternehmen kann die Leitungen nach der Aufrüstung betreiben, sonst drohen Störungen. Wo die Telekom Vectoring einsetzt, kann sie ihre Konkurrenten faktisch von den entscheidenden letzten Kabelmetern und dem direkten Zugang zu den Kunden ausschließen.

Der Staat stärkt die Telekom

Der Konzern hat sich im jahrelangen Kampf um den Ausbau des Highspeed-Internets durchgesetzt. Telekom-Chef Timotheus Höttges will eine Milliarde Euro in die Aufrüstung der Netze investieren. Dafür darf er die Anschlüsse der Konkurrenten übernehmen. Deren Kunden bekommen davon nichts mit. Schon unter ihrem Ex-Chef René Obermann machte der Konzern dieses zweideutige Angebot: Wir investieren gerne ins Turbo-Internet - aber nur, wenn wir dafür die Kontrolle bekommen. Nun ist die Netzagentur dem Vorschlag weitgehend gefolgt.

Trotzdem nennt sie der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, einen "fairen Kompromiss", der den Breitbandausbau vorantreibe und "chancengleichen Wettbewerb zum Nutzen der Verbraucherinnen und Verbraucher" sicherstelle. Denn theoretisch können auch andere Firmen weiter Zugang zur letzten Meile bekommen. Aber nur, wenn sie bereits heute die Mehrheit der Leitungen um den jeweiligen Hauptverteiler betreiben. Wo die Telekom heute Anschlusskönig ist, darf künftig niemand sonst den Vectoring-Ausbau übernehmen. Sondern muss die Leitungen vom Bonner Konzern mieten.

Faktisch stärkt die Entscheidung also vor allem die Telekom und nicht den Wettbewerb. Denn sie dürfte weiterhin die weitaus meisten der rund 7900 Hauptverteiler dominieren. Genaue Zahlen liegen der Bundesnetzagentur nicht vor, weil die Daten Geschäftsgeheimnisse sind. Konkurrenten haben also keine Chance, einen Fuß in die Kästen zu bekommen, in denen sie noch nicht sind. Und selbst wenn Telekom-Konkurrenten ins Vectoring einsteigen wollen, müssen sie schon bis Mai feste Zusagen machen und den Ausbau bis Ende 2017 abschließen. Für die Telekom gibt es dagegen keine Deadline.

Dennoch geht dem Konzern die Entscheidung sogar noch zu weit. Der Entwurf bedeute, "dass Wettbewerber in einigen Bereichen die Möglichkeit des exklusiven Vectoring-Ausbaus haben", teilt der Bonner Konzern mit. Und droht zwischen den Zeilen, unrentable ländliche Gebiete einfach nicht ans neue Turbo-Netz anzuschließen: "Ob unter diesen Bedingungen tatsächlich alle Nahbereiche versorgt werden können, müssen wir jetzt prüfen."

"Das würgt den Glasfaser-Ausbau ab"

Hinter der Entscheidung stecken auch ein technologischer Richtungsstreit und politisches Kalkül. Bis 2018 soll jeder deutsche Haushalt mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde surfen - so hat es die Regierung beschlossen. Um das Prestigeprojekt von Verkehrsminister Alexander Dobrindt rechtzeitig durchzudrücken, greift sie der Telekom nun unter die Arme. Die kann die alten Kupferkabel auf der "letzten Meile" zum Kunden bald schnell und billig aufzurüsten. Viele Konkurrenten verlegen dagegen neue Glasfaserleitungen. Das dauert länger und ist teurer, dafür sind die Leitungen auch bis zu hundertmal schneller. Langfristig können nur sie mit den wachsenden Datenmengen fertig werden.

"Die Bundesnetzagentur setzt eigenmächtig eine Frist bis 2017 und erschwert damit die geplanten Investitionen. Das ist eine Anti-Investitions-Entscheidung, die den Glasfaserausbau abwürgt", kritisiert daher Jürgen Grützner, Geschäftsführer des VATM, in dem die Telekom-Wettbewerber organisiert sind. Sie fürchten, dass sich der Glasfaserausbau nicht mehr lohnt, wenn die Telekom ihr schnelleres Vectoring-Netz erst einmal ausgerollt hat.

Auch viele Städte, die den Glasfaserausbau fördern oder eigene Leitungen verlegen, laufen deshalb Sturm gegen die Bundesnetzagentur. "Durch diese Entscheidung werden die Kommunen von der Telekom mit der schlechteren Technik überbaut. Die Steuerzahler zahlen letztlich die Zeche", kritisiert Grützner. Gleichzeitig gewinnt die Telekom. An Glasfaserleitungen, die ihre Wettbewerber verlegen, verdient sie nichts. An aufgerüsteten Kupferleitungen, für die ihre Wettbewerber Miete zahlen, schon.

Quelle: n-tv.de

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