Wirtschaft
Deutschlands Autozulieferer halten sich meist im Hintergrund. Ohne sie wären die Erfolge der Hersteller aber kaum vorstellbar.
Deutschlands Autozulieferer halten sich meist im Hintergrund. Ohne sie wären die Erfolge der Hersteller aber kaum vorstellbar.(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschlands Zulieferer als Erfolgsgaranten: Die stillen Helden der Autoindustrie

Eine Analyse von Helmut Becker

Die deutschen Autobauer rasen von Rekord zu Rekord. Auf den Automessen weltweit fahren sie mit ihren Modellen ins Rampenlicht. Das Geheimnis ihres Erfolgs bleibt dabei im Dunkeln und ist dennoch so simpel wie genial: "hidden champions". Der n-tv.de-Autoexperte beleuchtet sie.

Ob Detroit Motor Show, Genfer Automobilsalon oder wie jüngst auf der Auto Shanghai 2013, stets stehen die Automobilhersteller mit ihren immer PS-trächtigeren Produkten und ihren ansehnlichen Hostessen im Vordergrund - nie die Zulieferer. Ihrer, der ungenannten Helden der Autoindustrie, die stets im Dunkeln und nie im Rampenlicht stehen, sei an dieser Stelle gedacht.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Fakt ist: Die deutsche Automobilindustrie gibt es gar nicht. Sie ist alles andere als eine homogene Branche und setzt sich aus zwei völlig unterschiedlichen Gruppen von Spielern zusammen: den eigentlichen Automobilherstellern auf der einen Seite und dem Heer der zumeist anonymen Automobilzulieferer auf der anderen. Die einen mit ihren weltbekannten, teils hundertjährigen Marken wie BMW, Daimler oder Volkswagen kennt jeder von Klein auf. Die anderen wie die Boschs, Contis oder ZFs werden beim breiten Publikum vielfach nur mit Schlagbohrern, Autoreifen und dem Zeppelin in Verbindung gebracht, aber nicht mit automobiler Hightech. So, als ob Bertolt Brecht dieses Phänomen der öffentlichen Bewusstseinsspaltung in Bezug auf die Automobilindustrie bereits 1928 geahnt hätte, als er in seiner "Dreigroschenoper" dichtete: "Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Wie wahr, wie wahr!

Und so geht es heute in der Branche ähnlich zu wie damals bei Brechts Gangster Mackie Messer in Soho, mit Hauen und Stechen. Nur mit dem Unterschied, dass man das heute Wettbewerb nennt und dabei alle Beteiligten zu immer neuen Höchstleistungen anspornt, um rentabel zu bleiben. Was den Meisten auch gelingt, aber nicht allen.

Von den wahren "hidden champions"

Sie arbeiten im Verborgenen, zumeist unterm Blech. Ihre Produkte und Leistungen werden in der Regel dem Hersteller gut geschrieben (oder angelastet), nur ganz wenige kennt man namentlich - und doch sind sie das Rückgrat der deutschen Automobilindustrie: die deutschen Zulieferer. Die großen Premium-Automobilmarken Audi, BMW, Daimler und Porsche kennt natürlich jeder. Dazu Ford, Opel und Volkswagen als Träger der Massenmobilität. Wie könnte es auch anders sein bei einem heimischen Marktanteil von fast 70 Prozent.

Die Zulieferer dagegen führen in der Regel ein Schattendasein, sieht man einmal von der spektakulären Übernahmeschlacht der Continental AG durch die Schaeffler Gruppe 2009 ab. Wenn die deutschen Premiumhersteller, allen voran BMW und Audi, trotz der aktuellen Wachstumskrise in Europa international bis zuletzt von Erfolg zu Erfolg geeilt sind, so hat dieser Erfolg einen gemeinsamen Vater: die deutschen Zulieferer mit ihrer Innovationskraft. Sie sind die wahrhaft "hidden champions".

Weltweit vertreten

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Nur zur Größenordnung: Von den 600 im Verband der Automobilindustrie (VDA) zusammengeschlossenen Unternehmen sind etwa 580 der Zuliefersparte zuzurechnen. Das spricht Bände. Allein 75 Prozent der gesamten Wertschöpfung der Autobranche entfallen auf die Zulieferer. Ohne leistungsfähige und innovative Zulieferindustrie in Deutschland wären die Hersteller aufgeschmissen!

Um genau dieses zu verhindern, sind die deutschen Zulieferer - so wie die Hersteller auch - in mehr als 70 Ländern mit eigenen Fertigungsstandorten vertreten. In Summe sind das bis heute mehr als 2000 Produktions- und Montagestätten. Allein in China haben die deutschen Zulieferer inzwischen über 200 Standorte, darunter etwa die bereits erwähnten Bosch, Conti und ZF, aber auch unbekanntere Namen wie Brose, Dräxlmaier, Hirschvogel, Webasto oder Woco.

So stark wie nie

Wenn die deutsche Automobilindustrie also weltweit Erfolg auf Erfolg feiert und eine Fabrik nach der anderen öffnet, so hat sie das im Wesentlichen auch den deutschen Zulieferern zu verdanken. Und die sind global gesehen so stark wie nie. Sie konnten in den letzten Jahren bei den wesentlichen Erfolgsfaktoren zulegen: Verbesserung der Kostenposition, Erhöhung der Innovationskraft, globaler Marktanteil sowie Ausbau der globalen Präsenz.

So wundert es nicht, dass es der Zulieferer-Branche in Deutschland so gut geht wie nie. Von Krise keine Spur. Und das nicht nur bei den beiden führenden Konzernen Conti und Schaeffler, sondern auch in der Breite.

Wettbewerbsfähig wie nie

Der Grund ist sehr einfach: Weil die deutschen Automobilzulieferer noch nie so wettbewerbsfähig waren wie gegenwärtig. Nach einer Studie von Berylls Strategy Advisors zu den 100 weltweit größten Automobilzulieferern konnten 2012 die 23 umsatzstärksten deutschen Automobilzulieferer ihren Branchenumsatz um 4,3 Prozent auf 158,4 Milliarden Euro steigern. Damit behaupten die deutschen Zulieferer der global Top 100 ihre Spitzenposition knapp hinter den japanischen und weit vor den US-amerikanischen Wettbewerbern. Inzwischen entfallen fast 24 Prozent der Umsätze der 100 größten Zulieferer auf Unternehmen mit Firmenzentrale in Deutschland - 12 Jahre zuvor waren es nur 15 Prozent. Nur japanische Wettbewerber machen mehr Geschäft. Auch der größte Autozulieferer der Welt kommt aus Deutschland: Continental mit 32,7 Milliarden Euro Umsatz.

Auch in Sachen Profitabilität lagen die erfassten deutschen Zulieferer mit 8,2 Prozent (operatives Ergebnis vom Umsatz) im Spitzenfeld der Zulieferindustrie - direkt hinter Südkorea. Das profitabelste Unternehmen der Branche war das Familienunternehmen Schaeffler. Das aber nur, weil die anderen Familienunternehmen der Zulieferindustrie keine eigenen Zahlen veröffentlichen müssen.

Win-Win-Situation

Und wem hat die deutsche Zulieferbranche das zu verdanken? Seit Jahren profitieren sie von der Marktstärke der deutschen Premium- und Massenhersteller BMW, Daimler, Porsche, Audi und Volkswagen. Zudem kommt ihnen deren hervorragende Innovationskraft in Sachen Emissions- und Kraftstoffreduzierung, verbesserte Fahrzeugsicherheit und erhöhter Komfort zugute. Wozu die Zulieferer mit ihren Innovationen die Voraussetzungen beisteuern - wie das Neungang-Getriebe von ZF als ein technologisches Wunderwerk eindrucksvoll beweist.

Was lehrt uns das? Die deutschen Automobilzulieferer strotzen vor Stärke. Die Hersteller ebenso. Die Zulieferer liefern die Innovationen, die Hersteller Markenimage und Autos - eine wunderbare Symbiose. Erfolg kann man nur gemeinsam, nur miteinander erringen - und nicht gegeneinander!

Quelle: n-tv.de

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