Wirtschaft
EZB-Chef Mario Draghi sorgt für einen Paukenschlag n den Märkten.
EZB-Chef Mario Draghi sorgt für einen Paukenschlag n den Märkten.(Foto: picture alliance / dpa)

Fallender Preisdruck: "Haben Pulver noch nicht verschossen"

Die Europäischen Zentralbanker drehen unerwartet noch einmal an der Zinsschraube: Der Leitzins liegt damit auf einem historischen Tief. Die EZB reagiert so auf den jüngsten Rückgang der Teuerung in den Euroländern und eine "längere Periode niedriger Inflation". Gleichzeitig stellt EZB-Präsident Draghi klar, dass die "untere Grenze" noch nicht erreicht ist. Aktien- und Devisenmärkte reagieren prompt.

Die Europäische Zentralbank hat überraschend die Zinsen gesenkt. Die Währungshüter nahmen den geldpolitischen Schlüsselsatz um 25 Basispunkte auf das neue Allzeittief von 0,25 Prozent herunter. Der Satz für das Übernachtgeld wurde ebenfalls um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent gesenkt, während der Einlagenzins bei 0 Prozent blieb. Damit wird es für Banken günstiger, sich Geld zu besorgen, was wiederum die Kreditvergabe an die Unternehmen beleben soll.

Zwar hatte nur eine kleine Minderheit der EZB-Kenner mit einer Senkung gerechnet, trotzdem hielt sich im Vorfeld eine hartnäckige Restunsicherheit, ob EZB-Präsident Mario Draghi die Märkte nicht doch überraschen würde.

Draghi: Preisdruck sinkt

Dieser begründete den Schritt mit der Aussicht einer weiter sinkenden Inflation begründet. "Diese Entscheidung steht im Einklang mit unserer im Juli 2013 gegebenen Foreward Guidance. Es gibt aktuelle Anzeichen dafür, dass der grundlegende mittelfristige Preisdruck im Euroraum sinkt, und das von einem niedrigem Niveau von unter 1 Prozent aus", sagte Draghi.

Dem EZB-Präsidenten zufolge spricht die gegenwärtige Konstellation bei der Preisentwicklung dafür, dass "wir eine längere Periode niedriger Inflation erleben könnten", auf die später eine langsame Aufwärtsbewegung in Richtung von knapp 2 Prozent folgen dürfte. Die EZB glaube, mit ihrer Zinssenkung einen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass diese Periode kürzer sein werde, so Draghi.

Draghi begründete die Abneigung gegen zu niedrige Inflationsraten auch damit, dass die makroökonomischen Anpassungsprozesse zwischen den Ländern des Währungsraum mit 0 Prozent viel schwerer zu schaffen seien als mit 2 Prozent. Die Inflationserwartungen bezeichnete der EZB-Präsident als "weiterhin fest verankert mit dem Ziel, die Inflation bei unter, aber nahe 2 Prozent zu halten".

"Pulver noch nicht verschossen"

Laut Draghi hat die EZB zudem noch weiteren Spielraum beim Leitzins: "Wir haben die Untergrenze noch nicht erreicht und könnten den Zins grundsätzlich weiter senken", betonte er. Die Zentralbank sei bereit, alle "zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen".

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Dazu gehöre theoretisch auch eine Neuauflage der vor rund zwei Jahren eingesetzten langfristigen Kreditlinien für Banken. Auf der jüngsten Zinssitzung sei dies aber "kein großes Thema" gewesen.

In den europäischen Sorgenländern waren die Rufe nach niedrigeren Zinsen jüngst wieder lauter geworden. Am Dienstagabend hatte der italienische Wirtschafts- und Finanzminister Fabrizio Saccomanni von den Notenbankern verlangt, mehr im Kampf für Wachstum und gegen die extreme Jugendarbeitslosigkeit zu tun. Der französische Industrieminister Arnaud Montebourg will den zuletzt stark aufwertenden Euro schwächen, wofür ein Zinsschritt eine Möglichkeit wäre. Ein niedrigerer Eurokurs würde den Exporteuren das Leben leichter machen.

Aktienmärkte rauf, Euro runter

Nach der überraschenden Zinssenkung stieg der Dax auf ein neues Rekordhoch von 9194 Punkten. Der Euro stürzte dagegen um mehr als ein Prozent auf 1,3359 Dollar ab. Der Bund-Future (10 Jahre) kletterte nach der Zinssenkung um 39 Basispunkte auf 141,70 Prozent. Vor der Zinsentscheidung hat er bei 141,31 Prozent gehandelt.

BoE hält die Füße still

Großbritanniens Notenbank behält im Unterschied zur EZB ihre geldpolitische Linie bei. Wie die Bank of England in London mitteilte, verharrt der Leitzins auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Bankvolkswirte hatten mit dieser Entscheidung gerechnet. Die Notenbank will den Zins so lange auf dem niedrigen Niveau lassen, bis die Arbeitslosenquote auf 7 Prozent gefallen ist. Derzeit liegt sie bei 7,7 Prozent.

Das Anleihen-Kaufprogramm wurde ebenfalls nicht angetastet. Sein Volumen beläuft sich auf 375 Milliarden Pfund (446 Mrd. Euro), in diesem Umfang hält die Bank of England britische Staatsanleihen in ihren Büchern. Das Volumen wurde bereits vor einem Jahr ausgeschöpft, seither hat die Notenbank nicht mehr am Anleihemarkt zugekauft. Sie reinvestiert die Beträge fälliger Wertpapiere aber auch in neue Staatstitel.

Mit Spannung erwarten Beobachter den Inflationsbericht der Bank of England, der am kommenden Mittwoch ansteht. Dabei wird die Notenbank auch ihre neuen Prognosen zu Wachstum und Beschäftigung präsentieren. Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass sie von einem früheren Zeitpunkt ausgeht, wann die Arbeitslosenquote auf sieben Prozent fällt und somit Zinserhöhungen auf die Tagesordnung rücken.

Quelle: n-tv.de

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