Wirtschaft
Griechenland bekommt mehr Zeit für Schuldenprobleme.
Griechenland bekommt mehr Zeit für Schuldenprobleme.(Foto: picture alliance / dpa)

Grexit eine Frage der Zeit?: Griechenland ist noch nicht verloren

Von Diana Dittmer

Spekulationen, wie lange es noch dauert, bis Griechenland aus dem Euro fliegt, haben derzeit Hochkonjunktur. Sogar der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan meldet sich zu Wort. Aber noch sollte niemand Wetten abschließen.

Für Fed-Urgestein Alan Greenspan ist es nur noch eine Frage der Zeit bis Griechenland aus dem Euro aussteigt. Niemand wolle mehr riskieren, diesem Land Geld zu leihen, sagte der ehemalige Chef der US-Notenbank dem britischen Rundfunksender BBC. "Ich sehe nicht, dass es ihnen hilft, im Euro zu bleiben. Und ich sehe gewiss nicht, dass es dem Rest des Euroraums hilft." Mit seiner Sicht auf das europäische Schuldendilemma steht der mittlerweile 88-Jährige nicht alleine da.

Alan Greenspan meldet sich zu Wort.
Alan Greenspan meldet sich zu Wort.(Foto: REUTERS)

Das Verhandlungsklima zwischen Gläubigern und dem hoch verschuldeten Griechenland hat sich seit dem Wahlsieg der radikal-linken Partei Syriza merklich abgekühlt. Ausgerechnet der finanziell abhängigste Eurostaat geht fünf Jahre nach Ausbruch der Eurokrise mit seinen hilfsbereiten europäischen Nachbarn auf Kollisionskurs. Es herrscht politische Eiszeit. Für viele schreit der griechische "Undank" nach einem harten Schnitt.

Das Schicksal Griechenlands ist aber längst nicht besiegelt. Noch sollte niemand Wetten darauf abschließen, dass Griechenland wirklich aus dem Euro gedrängt wird. Nach Ansicht von Martin Hüfner, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon, ist die aktuelle Diskussion derzeit vor allem durch Vorurteile und Denkfehler belastet.

Keiner will den großen Knall

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Tatsächlich darf der ungebremste Kollisionskurs der Koalitionsregierung von Linken-Chef Alexis Tsipras wohl vor allem politischem Kalkül zuzuschreiben sein - zumal er immer wieder betont hat, dass er keinen Euro-Austritt anstrebe. Wenn nicht mit großem Gepolter, wie sollte er es sonst schaffen, seine großen Wahlversprechen einzulösen? Das wissen auch die internationalen Geldgeber. Räumt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker also einer raschen Einigung mit Griechenland kaum Chancen ein, darf das wohl als diplomatische Retourkutsche verstanden werden. Erfolg oder Scheitern der Verhandlungen lässt sich daraus nicht ableiten.

Keiner habe Interesse, es zum Knall kommen zu lassen, fasst der Volkswirt die Situation in seinem Artikel "Vier Denkfehler in der Griechenland-Krise" zusammen. Auch wer glaube, der Geduldsfaden von EU und IWF sei kurz davor zu reißen, täusche sich. Die Bereitschaft der Gläubiger, den Griechen zu helfen, sei selbst nach den harschen Worten in Richtung der neuen Regierung erstaunlich groß.

Die EU-Kommission scheint das jetzt zu bestätigen. Wie die Nachrichtenagentur "Market News International" (MNI) unter Berufung auf einen ranghohen Kommissionsvertreter berichtet, will sie wohl auf die Bremse treten und eine halbjährige "Waffenpause" gewähren. In der Zeit soll Athen eine Einigung mit den bisherigen Geldgebern finden. Über einen entsprechenden Vorschlag sollen die Euro-Finanzminister an diesem Mittwoch entscheiden, heißt es.

Das Zeitfenster bleibt eng

Griechenland hat damit etwas mehr Luft. Viel länger werden sich die Verhandlungen und damit eine mögliche Entscheidung, ob Griechenland geht oder bleibt, aber nicht mehr hinziehen lassen. Spätestens in einem haben Jahr wird Athen die anstehenden Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können und damit notgedrungen pleitegehen. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft bereits Ende Februar aus. In einem halben Jahr dürften auch die Notreserven am Ende sein.

Viel ändert sich also nicht. Es gibt für Europa weiter gute Gründe, ernsthaft auf die griechische Regierung zuzugehen. Europa brauche die Griechen, um handlungsfähig zu sein, so Hüfner. Um die Abhängigkeit der Streithähne voneinander herauszustellen, verweist er zum Beispiel auf den Druck, den die Amerikaner in der Ukraine-Frage auf Brüssel ausüben. Die Europäer müssten sich mit Athen arrangieren, weil die USA sonst "ihre Flottenpräsenz im Mittelmeer erhöhen müssten", führt Hüfner aus.

Zu den Denkfehlern der Griechenland-Pessimisten zählt für den Ökonomen nicht zuletzt, dass die Lage für die Athener gar nicht so aussichtslos sei, wie häufig dargestellt. Ökonomisch stehe Griechenland nach den schmerzhaften Anpassungsprozessen der vergangenen Jahre heute besser da denn je. Die Wirtschaft wachse wieder, die Leistungsbilanz weise einen Überschuss auf und das Haushaltsdefizit sei kleiner als drei Prozent. "Italien und Frankreich wären glücklich, wenn sie eine solche Bilanz aufzuweisen hätten", so Hüfner.

Theoretisch hat Griechenland tatsächlich die Möglichkeit, durch die Besteuerung seiner Oligarchen Geld einzutreiben. Wie die Tsipras-Regierung das allerdings schaffen will, bleibt zwar eine offene Frage. Gelingt es aber, die alte Elite zu entmachten, wäre das ein großer Vertrauensbeweis und "würde die Bereitschaft der Gläubiger erhöhen, Griechenland zu helfen", so der Chefökonom weiter. Eines der dringendsten Probleme - die Kapitalflucht - könnte durch Kapitalverkehrskontrollen nach dem Vorbild Zyperns gestoppt werden. Auch hier gibt es also Hoffnung.

Grexit könnte unabsichtlich passieren

Ein Grexit ist für die Eurozone zwar nicht mehr gefährlich. Trotzdem werde aber kaum einer riskieren wollen, dass es zu Schockwellen am Finanzmarkt komme, wie bei der Freigabe des Schweizer Franken in Januar geschehen, prognostiziert Hüfner. Griechenland abzuschreiben, wäre demnach also verfrüht.

Vorsicht sollten Anleger trotzdem walten lassen, denn auch wenn verschiedene Argumente gegen einen Grexit sprechen, sind sie keine Versicherung gegen einen "unabsichtlichen" Euro-Austritt. Zumal die neue Regierung weiter provoziert. Unter dem wachsenden Druck der Gläubiger und um sich finanziell Luft zu verschaffen, brachte Athen jetzt einen "Plan B" ins Spiel. Wenn die EU nicht mehr mitspielen will, will die Tsipras-Regierung Kapitalgeber außerhalb Europas suchen. Ins Auge gefasst hat sie dabei die USA, Russland oder China. Wenn Tsipras der Bogen überspannt, könnte der Zufall eintreten. Europa will das nicht und spielt erst einmal auf Zeit.

Quelle: n-tv.de

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