Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland am Rand der Rezession: EU kürzt Wachstumsprognosen radikal

Die geopolitischen Krisen lähmen immer stärker die wirtschaftliche Erholung in Europa. Nach etlichen Forschern kappt nun auch die EU ihre Erwartungen drastisch. Für Frankreich reicht es nur zu einem Miniwachstum. Und Griechenland überholt Italien.

Die EU-Kommission blickt deutlich skeptischer auf die Konjunktur in der Euro-Zone. Die Brüsseler Behörde senkte ihre Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr kräftig und erwartet erst 2016 wieder spürbare Besserung. Die Wirtschaft in den 18 Euro-Ländern dürfte 2014 nur um 0,8 Prozent und 2015 um 1,1 Prozent zulegen. Bislang war die Behörde von 1,2 und 1,7 Prozent ausgegangen. Im übernächsten Jahr dürfte es dann mit 1,7 Prozent so stark bergauf gehen wie seit 2010 nicht mehr.

Die Konjunkturflaute belastet die Haushalte vieler Staaten. So wird Frankreich laut der Prognose ungeachtet eines milliardenschweren Sparpakets sein Defizit auch auf längere Sicht nicht in den Griff bekommen.

Moscovici fordert ehrgeizige Strukturreformen

Deutlich pessimistischer als bisher sieht die Kommission die Aussichten für die drei Schwergewichte Deutschland, Frankreich und Italien. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industriestaatengruppe OECD hatten jüngst ihre Schätzungen kräftig heruntergeschraubt.

Die EU-Kommission begründete ihre Skepsis mit "steigenden geopolitischen Risiken" wie den Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten. Zudem gebe es weniger Rückenwind von der Weltwirtschaft. "Die Lage der Konjunktur und am Arbeitsmarkt verbessert sich nicht schnell genug", sagte Kommissions-Vize Jyrki Katainen, der auch für Wachstum, Arbeitsplätze und Investitionen zuständig ist.

Wirtschafts- und Finanzkommissar Pierre Moscovici plädierte für ehrgeizige Strukturreformen sowie mehr private und staatliche Investitionen. Besonders in Deutschland gebe es dafür Spielraum, sagte EU-Vize-Kommissionschef Jyrki Katainen. "Deutschland kann eine wichtige Rolle spielen, um die Wirtschaft der Eurozone und der EU anzukurbeln", sagte er. Es seien jedoch mehr Wachstumsmotoren nötig: "Europa wird nicht überleben, wenn es nur ein oder zwei oder drei Motoren gibt." Der frühere Finanzminister Frankreichs sicherte zu, auch gegenüber seinem Heimatland die EU-Haushaltsregeln strikt durchzusetzen.

Frankreich bleibt Sorgenkind

Die deutsche Wirtschaft wird laut EU-Kommission nach dem negativen Frühlingsquartal auch im dritten Quartal mit null Prozent stagnieren. Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Volkswirte gemeinhin von einer Rezession. Im zweiten Halbjahr rechnet die EU mit einer Stagnation.

Für das Gesamtjahr erwartet die EU-Kommission ein Plus von 1,3 Prozent und für 2015 von 1,1 Prozent. Zuvor hatte die Behörde mit 1,8 und 2,0 Prozent gerechnet. Im übernächsten Jahr beschleunige sich das Wachstum dann auf 1,8 Prozent. Frankreichs Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird der Brüsseler Behörde zufolge 2014 nur um 0,3 (1,0) Prozent und 2015 um 0,7 (1,5) Prozent steigen, 2016 dann mit 1,5 Prozent wieder stärker. Auch bei weiteren Indikatoren der EU-Kommission schnitt Frankreich schlecht ab. So dürfte die Arbeitslosenquote in diesem und kommenden Jahr bei 10,4 Prozent verharren und erst 2016 leicht auf 10,2 Prozent abnehmen.

Neben Frankreich gilt auch Italien als Sorgenkind. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone erlebt derzeit ihr drittes Rezessionsjahr in Folge und dürfte nach Ansicht der Kommission 2014 um 0,4 Prozent schrumpfen. Bisher hatten die EU-Experten noch 0,6 Prozent Wachstum veranschlagt. Im nächsten Jahr werde das BIP um 0,6 (1,2) Prozent steigen, 2016 um 1,1 Prozent. Damit wird Italien sogar vom Krisenstaat Griechenland beim Wachstum überholt. Dort dürfte die Wirtschaftsleistung 2016 um 3,7 Prozent steigen.

Das stärkste Plus der großen Industriestaaten schafft 2014 laut EU-Kommission Großbritannien mit 3,1 Prozent. Allerdings war das Vereinigte Königreich auch mit deutlich stärkeren Blessuren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise herausgekommen und wächst nun von einem vergleichsweise niedrigeren Niveau.

Quelle: n-tv.de

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