Wirtschaft
Chinas Regierungschef Li Keqiang muss mit dauerhaft weniger Wachstum rechnen.
Chinas Regierungschef Li Keqiang muss mit dauerhaft weniger Wachstum rechnen.(Foto: picture alliance / dpa)

Wirtschaftsprobleme in China: "Einen Flächenbrand wird es nicht geben"

20 Jahre lang war China mit gigantischen Wachstumsraten das Boomland des globalen Kapitalismus. Doch nun schwächelt die Wirtschaft, das Land ächzt unter einem gigantischen Schuldenberg. Im n-tv.de-Interview verrät China-Experte Horst Löchel von der Frankfurt School of Finance & Management, wie es im Reich der Mitte weitergeht.

n-tv.de: Frau Merkel trifft heute Chinas Regierungschef Li Keqiang. Wie wichtig sind Deutschlands Wirtschaftsbeziehungen zum Reich der Mitte?

Horst Löchel: Sie sind enorm wichtig. China ist Deutschlands drittwichtigster Handelspartner, noch vor den USA, und die Beziehungen wachsen sehr stark. Der deutsche Mittelstand exportiert massiv nach China und Großunternehmen wie Volkswagen und die Deutsche Bank machen in China große Geschäfte. Das Land ist also ganz entscheidend für die deutsche Wirtschaft.

Chinas Wachstum geht gerade die Puste aus: Die Industrieproduktion schwächelt, die ausländischen Investitionen schrumpfen. Droht eine harte Landung?

Das sehe ich nicht. Die Chinesen haben in den letzten Jahrzehnten eine sehr kluge Wirtschaftspolitik gemacht. Die Regierung ist anders als westliche Staaten nur gering verschuldet. Falls sich die Wirtschaft weiter abschwächt, hat Peking genügend Mittel, um gegenzusteuern. Was wir in China gerade sehen ist der unvermeidliche Strukturwandel: weniger Exporte und Investitionen, dafür mehr heimischer Konsum. Das kostet eben ein paar Prozent Wachstum.

Mit 7,5 Prozent soll China in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit 25 Jahren. Und selbst dieses abgespeckte Ziel wird China wohl verfehlen. Warum hakt es?

Horst Löchel ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management.
Horst Löchel ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Die Wachstumsschwäche ist keine Frage der Konjunktur, sondern eine langfristige Entwicklung. Die Zeiten von zehn Prozent Wachstum in China sind endgültig vorbei. Das Land ist inzwischen die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Trotz seiner riesigen Bevölkerung hat China mittlerweile ein so hohes Niveau erreicht, dass solche enormen Wachstumsraten wie in den letzten 20 Jahren ausgeschlossen sind. Wir werden uns an Zahlen von 7 bis 7,5 Prozent gewöhnen müssen, vielleicht sogar etwas darunter. Aber das bedeutet nicht, dass die chinesische Wirtschaft einbricht. Niedrigeres Wachstum und mehr Strukturwandel sind eher hilfreich für die chinesische Wirtschaft.

Chinas Firmen ächzen unter einem riesigen Schuldenberg. Die Blase auf dem heiß gelaufenen Immobilienmarkt platzt. Sind das nicht ähnliche Vorboten wie bei der US-Finanzkrise?

Das sehe ich nicht. Natürlich gibt es Überkapazitäten, die Firmen sind stark verschuldet, das ist richtig. Aber dass China vor einem Crash steht wie die US-Hypothekenkrise und die Lehman-Pleite vor einigen Jahren, davon kann keine Rede sein. Wenn sie in China Immobilien kaufen wollen, brauchen sie 30 Prozent Eigenkapital bei der ersten und 60 Prozent Eigenkapital bei der zweiten Wohnung. Der normale Bürger ist darüber hinaus kaum verschuldet. Dass es da zu größeren Ausfällen kommt, ist eher unwahrscheinlich.

Ganz anders sieht es doch aber bei Chinas Staatsbanken aus: Sie haben in einem Kreditrausch gezielt das Wachstum auf Pump angeheizt. Nun sitzen sie auf einem Haufen fauler Kredite.

Offiziell ist die Quote fauler Kredite relativ niedrig, zwischen 2 und 2,5 Prozent im Durchschnitt. Sie kann sich noch erhöhen, zum Beispiel durch Pleiten von Immobilienentwicklern. Aber auch hier hat Peking mit einer Reihe von Sicherheitsnetzen gegen vorgesorgt: Chinas Banken dürfen nicht mehr als 75 Prozent ihrer Spareinlagen als Kredite vergeben. Die Mindestreserve liegt bei 20 Prozent - in Europa sind es gerade mal ein Prozent. Deshalb werden die Banken trotz höherer Risiken nicht in Gefahr geraten. Und falls doch: die chinesische Regierung steht zur Rettung bereit. Sie ist kaum verschuldet und hat hohe Devisenreserven. Einen Flächenbrand wird es definitiv im chinesischen Bankenmarkt nicht geben.

Die offiziellen Zahlen sind doch aber mit Vorsicht zu genießen: In westlichen Analysen sind die Ausfallquoten regelmäßig viel höher. Verschleiert China seine Probleme nicht einfach?

Das stimmt sicher ein Stück weit. Es ist aber auch Ansichtssache: Nicht nur in China kann man sich trefflich darüber streiten, ab wann ein Kredit ausfallgefährdet ist. Aber selbst unter den skeptischsten Annahmen kommt man nach den letzten Zahlen, die ich kenne, nicht auf mehr als sechs oder sieben Prozent Ausfälle. Das ist sicherlich eine Hausnummer. Aber wir reden nicht von 20 oder 30 Prozent. Das ist Stimmungsmache, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Es scheint als wolle Peking dem Problem durch Gas geben davonfahren: Im September hat die Regierung neue Finanzspritzen an ihre Banken verteilt. Kann das funktionieren?

Ich würde es mal Stop and Go nennen. Was Peking eigentlich will ist, dass weniger Kredite vergeben werden und Geld teurer wird. Gleichzeitig sorgt sich die Regierung, dass das Wachstum zu stark abrutscht und steuert mit Finanzhilfen gegen. Aber der grundsätzliche Kurs heißt strengere Kreditvergabe und höhere Zinsen, eben weil man weniger faule Kredite und geringere Überkapazitäten anstrebt.

Ob Bankencrash oder Durchhänger wegen steigender Zinsen: So oder so droht China doch also die Flaute. Wie gefährlich ist das für die deutsche Wirtschaft?

Ich sehe keine Flaute, sondern einen natürlichen Anpassungsprozess. Für die deutsche Wirtschaft bedeutet er, dass sie natürlich weniger exportieren wird. Aber es entstehen auch neue Chancen: Wenn sich das Wachstum in China von Investitionen auf Konsum verlagert, profitieren davon die Hersteller von Konsumgütern und Dienstleister. Nicht nur bei Konsumgütern, sondern auch im Gesundheitswesen, bei der Altersvorsorge oder im Umweltschutz besteht ein riesiger Markt und Nachholbedarf. Gerade hier sind die deutschen Unternehmen ja gut aufgestellt. Wenn sich die deutsche Wirtschaft geschickt anstellt, kann sie das niedrigere Wachstum also zumindest teilweise ausgleichen.

Wie willig ist Chinas Regierung, diese strukturellen Veränderungen wirklich anzugehen? 

Im Herbst sind auf dem dritten Plenum ja schon wichtige Beschlüsse gefasst worden: Marktpreise, Wettbewerb und Privateigentum sollen mehr Bedeutung bekommen. Die staatliche Lenkung und die Staatsbetriebe sollen zurückgefahren werden. Solche Reformen dauern lange in China, aber die Richtung ist klar: mehr Marktwirtschaft. Kurzfristig bedeutet das allerdings auch höhere Risiken und niedrigeres Wachstum als bei einer Wirtschaft, die mit Krediten künstlich angeheizt wird. Aber langfristig ist der freie Markt die überlegene Wirtschaftsform. Man hat in China begriffen, dass man die Wirtschaft eines Landes auf Dauer nicht von einer Kommandozentrale in Peking steuern kann. Aber es ist sicher richtig: Die Zeiten in China sind unruhiger geworden.

Kann China denn auf Dauer wachsen, wenn es politisch unfrei bleibt?

Da muss man differenzieren. Klar wird in China nicht gewählt, die Partei regiert das Land. Aber es gibt eine gewisse Pressefreiheit und im Übrigen auch Reisefreiheit. Im täglichen Leben wird munter und kontrovers über Politik diskutiert und gestritten. Wie man hört, soll im Herbst ein großer Kongress Vorschläge für eine bessere, unabhängigere Gesetzgebung erarbeiten. Wenn eine Gesellschaft wohlhabender wird, muss das mit einem gewissen Pluralismus in der Politik einhergehen, um Erfolg und Stabilität sicherzustellen. Ich glaube allerdings nicht, dass das in China am Ende auf unsere westliche Form der Demokratie hinausläuft. Wahrscheinlicher ist eine autoritäre Form der Bürger- und Zivilgesellschaft, mit einer starken Rolle des Staates.

Dagegen lehnen sich ja auch immer wieder Menschen auf. Sind die Demonstrationen in Hongkong eine Gefahr für Chinas Wirtschaft?

Unruhen sind immer schlecht für die Wirtschaft. Sie erzeugen Unsicherheit, die dem Finanzplatz Hongkong schaden, und damit auch China. Eine Wohltat für China war ja gerade die hohe Stabilität in den letzten 30 Jahren. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass wir auch in den nächsten Jahren weiterhin stabile Verhältnisse in China sehen werden bei gleichzeitiger Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Marktwirtschaft und Bürgergesellschaft.

Mit Horst Löchel sprach Hannes Vogel.

Quelle: n-tv.de

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