Wirtschaft
Noch in der Luft auseinandergebrochen: ein Wrackteil der Boeing 777 der Malaysia Airlines in einer Wiese bei Grabovo.
Noch in der Luft auseinandergebrochen: ein Wrackteil der Boeing 777 der Malaysia Airlines in einer Wiese bei Grabovo.(Foto: REUTERS)

Flugzeugabschuss über der Ukraine: Emirates fordert Konsequenzen

Das tödliche Ende von Flug MH17 wirft heikle Fragen für den internationalen Flugreiseverkehr auf. Mit Emirates-Chef Clark meldet sich ein Schwergewicht der Branche zu Wort. Abwehrsysteme an Bord lehnt er ab.

"Dann sollten wir es gar nicht mehr fliegen lassen": Tim Clark, Präsident der Fluggesellschaft Emirates.
"Dann sollten wir es gar nicht mehr fliegen lassen": Tim Clark, Präsident der Fluggesellschaft Emirates.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Vorfall am Himmel über der Ukraine zwingt die Luftfahrtbranche zum Umdenken. Zugleich offenbart der Absturz von Flug MH17 einen blinden Fleck im kommerziellen Flugverkehr: Die Bedrohung durch weitreichende Flugabwehrraketen über Konfliktgebieten wurde bislang offenbar nicht in ausreichendem Maß berücksichtigt - und das, obwohl es solche Systeme nicht nur in ukrainischen oder russischen Militärbeständen gibt.

Der Chef der Fluggesellschaft Emirates hat nach dem mutmaßlichen Abschuss der malaysischen Boeing über der Ostukraine Konsequenzen für die zivile Luftfahrt gefordert. Nach dem Absturz mit 298 Toten müsse neu definiert werden, wie die Fluggesellschaften mit dem Überflug von Krisengebieten umgehen sollten, sagte Emirates-Präsident Tim Clark. Als ersten Schritt regte er eine Konferenz an, auf der Luftfahrtexperten, Piloten und Behördenvertreter über notwendige Änderungen beraten könnten. Einberufen könnte dieses Treffen zum Beispiel der Dachverband der Luftfahrtbranche, die International Air Transport Association (IATA), wie der Emirates-Chef erklärte.

Eine Idee könne sein, so Clark weiter, dass sich die Behörden in den jeweiligen Ländern stärker in die Debatte darüber einbringen, wo Fluggesellschaften tatsächlich noch sicher fliegen könnten. Der Vorschlag zielt in eine klare Richtung: Auf diese Weise könnten Sicherheitsexperten den Airlines indirekt auch Geheimdienstinformationen oder militärische Erkenntnisse zugänglich machen, die für die Einschätzung zur Sicherheitslage von Belang sind. Die Hinweise könnten dann in die Planung der Streckenführung einfließen.

Bislang orientieren sich Fluggesellschaften zum Beispiel an Sicherheitsempfehlungen und Reisewarnungen der Außenämter. Erst im Fall konkreter Bedrohungen wenden sich Behörden direkt an die Fluggesellschaften. Ob eine solche Warnung die Katastrophe von Grabovo hätte verhindern können, ist noch unklar. Voraussetzung dafür wäre gewesen, dass westlichen Behörden tatsächlich belastbare Erkenntnisse über die Ausstattung der kämpfenden Parteien im Osten der Ukraine mit Flugabwehrsystemen vorlagen.

"Nicht mehr frei und unbelastet"
Von Amsterdam nach Kuala Lumpur: Flug MH17 endete über der Ukraine.
Von Amsterdam nach Kuala Lumpur: Flug MH17 endete über der Ukraine.

In diesem Fall wäre es möglich gewesen, den Luftraum über dem Konfliktgebiet weiträumig für den kommerziellen Reiseverkehr zu sperren. Eine Sperrung hätte unmittelbare Konsequenzen: Die sich daraus ergebenden Umwege - zum Beispiel für die Langstreckenverbindung von Amsterdam nach Kuala Lumpur - wären mit Mehrkosten für die Fluggesellschaften verbunden. Die Piloten müssten bei einer verlängerten Flugroute mehr Treibstoff einplanen oder eventuell sogar einen Zwischenstopp zum Auftanken einplanen. Das dürfte auch die Reisezeit für die Passagiere erheblich verlängern.

Clark sprach sich zugleich gegen die Idee aus, zivile Verkehrsflugzeuge mit militärischen Systemen zur Raketenabwehr auszurüsten. "Wenn wir ein Flugzeug nicht mehr frei und unbelastet von der Sorge vor einem Abschuss fliegen lassen können, dann sollten wir es gar nicht mehr fliegen lassen", erklärte Clark. Militärflugzeuge und besonders geschützte Maschinen wie zum Beispiel die "Air Force One" des US-Präsidenten sind mit passiven und wahrscheinlich auch aktiven Abwehrsystemen ausgestattet.

Emirates gegen Aufrüstung

Die Installation solcher Systeme zur Ablenkung oder Zerstörung anfliegender Abfangraketen gilt als sehr kostspielig. Sie können je nach Bauart und Ausrichtung die Radarsignale von Flugabwehreinrichtungen erkennen, die Steuerungselektronik der Raketen stören oder Täuschkörper ausstoßen, um Hitzesuchköpfe und radargesteuerte Raketen abzulenken. Bislang werden solche Einrichtungen nur für den militärischen Gebrauch entwickelt. Der Einbau in zivile Fracht- und Passagierjets würde das Eigengewicht der Maschinen erhöhen und damit die wirtschaftlich bedeutsame Zuladungskapazität verringern.

Die Fluggesellschaft Emirates aus Dubai gehört zu den größten Unternehmen der internationalen Luftfahrtbranche. Entsprechend groß ist der Einfluss des Branchenschwergewichts auf die künftige Ausstattung ziviler Verkehrsflugzeuge. Die Boeing 777 der Malaysia Airlines mit fast 300 Menschen an Bord war am Donnerstagabend im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt. Alles deutet auf einen Abschuss durch eine Luftabwehrrakete hin. Die Linienmaschine befand sich auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Die ukrainische Regierung und prorussische Aufständische werfen sich gegenseitig vor, das Flugzeug attackiert zu haben. Westliche Experten gehen von einem Abschuss durch die Separatisten aus.

Nach dem tragischen Verlust der Maschine steht die Fluggesellschaft Malaysia Airlines auch vor einem enormen wirtschaftlichen Schaden. Der mutmaßliche Abschuss folgt nur wenige Monate nach dem bislang noch ungeklärten Fall von Flug MH370, die Anfang März wenige Stunden nach dem Start in Kuala Lumpur von den Radarschirmen verschwunden war.

"Eine Autobahn am Himmel"

In einer Stellungnahmen der Fluggesellschaft hieß es, Malaysia Airlines werde die Flugnummer MH17 künftig nicht mehr nutzen. Die Entscheidung erfolge aus Respekt vor den 298 getöteten Passagieren und Besatzungsmitgliedern, teilte die Fluggesellschaft mit. Die neue Flugnummer für die Verbindung Amsterdam-Kuala Lumpur und zurück lautet MH19. Unabhängig davon wies Malaysias Transportminister Medienberichte zurück, dass die über der Ukraine abgestürzte Maschine womöglich vom Kurs abgewichen sei.

"Die Flugroute war so etwas wie eine Autobahn am Himmel", sagte Liow Toing Lai in Kuala Lumpur. "Es war eine Route, die die internationalen Luftfahrtbehörden festgelegt haben. (...) Die Maschine ist nie in gesperrtem Luftraum geflogen", versicherte er.

Alle Beteiligten hätten alle Regeln eingehalten. "Aber am Boden sind die Gepflogenheiten der Kriegsführung gebrochen worden. Es sieht so aus, als sei MH17 abgeschossen worden, ein inakzeptabler Akt der Aggression", erklärte der Minister. Malaysia sei sehr besorgt, weil die Absturzstelle noch nicht gesichert sei, sagte Liow.

"Es gibt Anzeichen, dass wichtige Beweisstücke nicht mehr vor Ort sind", sagte er, wahrscheinlich mit Blick auf Medienberichte, dass die Blackbox der Maschine geborgen wurde. Liow sagte weiter, er werde persönlich nach Kiew reisen, um die Ermittlungen vor Ort zu begleiten.

n-tv.de berichtet in einem Liveticker über die Geschehnisse in der Ukraine.

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Quelle: n-tv.de

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