Wirtschaft
Eon, RWE und Co. müssen für den Atomausstieg keine weiteren Rückstellungen bilden - das sorgt für Jubel an der Börse.
Eon, RWE und Co. müssen für den Atomausstieg keine weiteren Rückstellungen bilden - das sorgt für Jubel an der Börse.(Foto: picture alliance / dpa)

Atom-Reserven reichen aus: Eon und RWE gehen durch die Decke

Monatelang haben externe Prüfer die Bücher gewälzt. Nun geben sie Entwarnung: Deutschlands Energieriesen können den Atomausstieg selbst bezahlen. Das gibt den Aktien kräftig Schub - auch wenn es weiter massive Zweifel gibt.

Die Aktien der deutschen Energieversorger sind am Montag mit einem Kursfeuerwerk in die neue Börsenwoche gestartet. Die Papiere von Eon legen um rund 6,5 Prozent zu. Die Titel von RWE schnellen sogar um mehr als elf Prozent nach oben. Die Erholung kommt nach einem tiefen Einbruch. Seit Jahresbeginn hat Eon rund 35 Prozent an Wert verloren, RWE sogar mehr als 50 Prozent.

Die rasante Erholung hat einen einfachen Grund: Die Versorger haben den Atom-Stresstest der Bundesregierung bestanden. Er bescheinigt den vier großen Stromkonzernen, dass sie die Milliardenkosten des Atomausstiegs finanziell bewältigen können. "Die Vermögenswerte der Unternehmen decken in Summe die Finanzierung des Rückbaus der Kernkraftwerke und der Entsorgung der radioaktiven Abfälle ab", hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) am Samstag gesagt. Er hatte die Prüfung im Juni in Auftrag gegeben.

Die Unsicherheit über die Rückstellungen hatte die Kurse zuvor abstürzen lassen. Nun sehen sich die Versorger durch das Gutachten bestätigt. "Es akzeptiert damit die seit Jahrzehnten geübte Rückstellungspraxis", teilten Eon, RWE, EnBW und Vattenfall mit. Die Branche wolle sich nicht drücken. Es stehe außer Frage, dass die Unternehmen "zu ihren heutigen Verpflichtungen aus der Kernenergie stehen".

Börsen reagieren erleichtert

Die Societe Generale (SocGen) reagiert mit ihrer Hochstufung von RWE auf die Ergebnisse des Stresstests. "Das Ergebnis bedeutet ein Ende der Unsicherheit. Der 140 Seiten lange Bericht lese sich aber nicht so optimistisch wie die Pressemitteilungen der vier AKW-Betreiber. "Aus Sicht der Bundesregierung gibt es keinen Bedarf an zusätzlichen Rückstellungen und darauf kommt es an." Die Bank spricht auch für Eon eine Kaufempfehlung aus.

Auch die Deutsche Bank reagiert erleichtert, ist aber nicht ganz so optimistisch. Das Testergebnis verringere die Gefahr, dass die Versorger ihre Verbindlichkeiten mit renditeschwachen Investitionen finanzieren müssten, heißt es in einem Analystenbericht. "Einen Schlussstrich unter das Thema können E.ON und RWE gleichwohl noch nicht ziehen. Überdies bestehen Risiken mit Blick auf die Strompreise und die Bilanzstruktur." Daher würden beide Aktien unverändert mit "Hold" eingestuft.

"Das ist Quatsch"

Die Opposition hat dennoch weiter Zweifel an der Finanzkraft der Energiekonzerne. "Gabriels Behauptung, es gebe keinen Handlungsbedarf, ist Quatsch", sagte die Grünen-Atomexpertin im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl. Der Stresstest zeige vielmehr, dass das bisherige System der Rückstellungen mit großen Unsicherheiten behaftet und schlicht nicht tragfähig sei.

Auch der Sprecher der Linken für den Atomausstieg, Hubertus Zdebel, sieht die Aussagen Gabriels durch das Gutachten nicht gedeckt. "Statt Beruhigungspillen für SteuerzahlerInnen und Börse und einem Kommission brauchen wir jetzt die seit Jahren geforderte, längst überfällige Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Fonds, in den die Atomkonzerne in vollem Umfang einzahlen", erklärte er.

Dem Gutachten zufolge würde das Ende der Kernenergie in Deutschland mit Abriss der Kernkraftwerke und Endlagerung des Atommülls rund 47,5 Milliarden Euro kosten. Das ist jedoch nur eine Schätzung auf Grundlage aktueller Preise. Niemand weiß, wie sich Kosten und Zinsen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln. Im "Worst Case"-Szenario müssten die Konzerne bis zum Jahr 2099 insgesamt bis zu 77,4 Milliarden Euro an Rückstellungen aufbringen.

Kosten bis ins Jahr 2170

Aktuell haben sie aber nur 38,3 Milliarden Euro gebildet - schlimmstenfalls wäre also eine Verdopplung um 39,1 Milliarden Euro nötig. Dieses Szenario hält Gabriel aber für unwahrscheinlich, weil es extrem hohe Kosten und negative Zinsen für die Konzerne in den kommenden 85 Jahren voraussetzt. Zudem taxieren die Prüfer das Vermögen der Konzerne aktuell auf 83 Milliarden Euro. Somit könnten sie auch das "Worst Case"-Szenario schultern.

Der Ko-Vorsitzende der Endlagerkommission des Bundestags, Michael Müller (SPD), hält die Entwarnung dennoch für verfrüht. Vor allem die Kosten für die Zwischen- und Endlagerung des Atommülls könnten deutlich über den bisherigen Ansätzen liegen, sagte Müller. "Die exakten Kosten kann bisher kein Mensch beurteilen."

Aus einem Papier der Endlagerkommission zum Zeitablauf von Standortsuche und Endlagerbau ergibt sich laut "Frankfurter Rundschau", dass das Projekt möglicherweise erst Mitte des nächsten Jahrhunderts abgeschlossen sein wird. Das Ende der Einlagerung des Atommülls erwarten die Experten demnach erst zwischen 2075 und 2130, den "Zustand eines verschlossenen Endlagerbergwerks" zwischen 2095 und 2170.

Quelle: n-tv.de

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