Wirtschaft
(Foto: REUTERS)

Wachstum vor dem Stillstand: Europa auf den Spuren Japans

Von Egmond Haidt und Daniel Saurenz

Die Konjunktur der Eurozone kommt nicht in Schwung. Auch aggressive Maßnahmen der EZB ändern bisher nichts daran. Als Lösung werden nun mehr staatliche Investitionen ins Spiel gebracht - auf Pump. Das erinnert sehr an den Problemfall Japan.

Die Wirtschaft in den USA ist mit ihrem Comeback seit der Finanzkrise das große Vorbild für Europa. Doch die Realität auf dieser Seite des Atlantiks ähnelt derzeit eher der Entwicklung in Japan mit einer schwächelnden Wirtschaft und Deflation. Wohin steuert Europa also?

Asoka Wöhrmann, Chefanlagestratege der Deutschen Asset & Wealth Management (Deutsche AWM), dem Vermögensverwalter der Deutschen Bank, bezieht klar Stellung: "Europa ist nicht das neue Japan." Bei der Vorstellung des Jahresausblicks 2015 gibt er sich zuversichtlich. Die Eurozone stehe nicht vor einer Deflation. Ein Blick auf die Entwicklung der Verbraucherpreise zeigt allerdings, dass die Eurozone in dem Bereich durchaus auf den Spuren Japans wandelt. So war die Inflation in der Eurozone im November auf nur mehr 0,3 Prozent zurückgegangen. Das ist das niedrigste Niveau seit Herbst 2009.

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Der Einbruch der Ölpreise dürfte dafür sorgen, dass die Inflation in den nächsten Monaten sogar weiter zurückgeht und die Verbraucherpreise schon bald gegenüber dem Vorjahresniveau sinken könnten. Ob EZB-Chef Mario Draghi mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik das schnell ändern kann, bleibt zweifelhaft. Denn dazu müsste die Kreditvergabe in Schwung kommen. Angesichts der hohen Verschuldung von Verbrauchern und Unternehmen ist das allerdings sehr fraglich. So zahlt der private Sektor Spaniens allmählich seine Schulden zurück, nachdem sie zusammen mit den Schulden der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors zwischenzeitlich auf insgesamt mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts explodiert waren. Dagegen könnte der schwächere Euro die Inflation anheizen. Denn der Import ausländischer Güter wird teurer.

Schleppendes Wirtschaftswachstum

Auch die IWF-Chefin Christine Lagarde sieht unschöne Parallelen zwischen Japan und der Eurozone. "Wir haben auf die Risiken einer Rezession in der Eurozone hingewiesen. Wir sehen hierfür eine Wahrscheinlichkeit von 35 bis 40 Prozent, was nicht unerheblich ist", sagte Lagarde. Die Abschwächung etlicher Frühindikatoren, wie die der Einkaufsmanagerindizes der englischen Researchfirma Markit für die Eurozone zeigen klar an, dass das ohnehin schwache Wachstum merklich an Tempo verliert und damit am Rande der Stagnation ist. In den vergangenen zehn Jahren war die Wirtschaft der Eurozone um lediglich 0,6 Prozent pro Jahr gewachsen. Kein Wunder, dass etliche Experten von einem verlorenen Jahrzehnt sprechen. Trotz all des Gelddruckens der EZB liegt die Wirtschaftsleistung der Eurozone heute noch immer unter dem Niveau von vor der 2008er-Schuldenkrise.

Lagarde fordert, dass die EZB und die Regierungen ihre Anstrengungen intensivieren, um ein Abrutschen in die Deflation zu verhindern. So soll die EZB, die die Sparer in Europa mit Nullzinsen "beglückt", noch mehr Gas geben.

"Wir hoffen, dass mehr getan wird", sagte Lagarde. Zudem sollte die Fiskalpolitik die Maßnahmen der EZB unterstützen – sprich die Länder sollen mehr Schulden machen, allen voran Deutschland. Die größte Volkswirtschaft Europas solle mehr Geld in Infrastrukturprojekte stecken und so die Wirtschaft in der gesamten Eurozone ankurbeln.

Der IWF empfiehlt der Eurozone also, dem Beispiel Japans zu folgen, obwohl das rasante Schuldenmachen und das Gelddrucken der Notenbank für keine nachhaltige Konjunkturerholung gesorgt haben. Immerhin steckt Japan derzeit in der vierten Rezession seit dem Jahr 2008.

Japans Krisen-Rezepte bleiben Erfolg schuldig

Weil die Neuverschuldung unter dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe stark gestiegen ist, sollen die Staatsschulden in diesem Jahr auf mehr als 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach oben schießen. Das ist der mit weitem Abstand höchste Wert weltweit. Zu Beginn der Krise im Jahr 1990 waren es noch 70 Prozent. Finanziert wird die ganze Schuldensause inzwischen vollständig durch die Notenpresse. Die Notenbank kauft derzeit für acht bis 12 Billionen Yen (68 bis 102 Milliarden Dollar) monatlich Staatsanleihen auf. Entsprechend ist die Bilanzsumme der Notenbank allein seit Anfang 2008 von 100 Billionen Yen auf 286,8 Billionen Yen (2,4 Billionen Dollar) explodiert - Tendenz steigend.

Es darf also bezweifelt werden, ob die japanischen Rezepte dem Patienten Europa tatsächlich helfen, seine Wirtschaft zu heilen. Dennoch dürfte die "Japanisierung" der Eurozone weiter voranschreiten und Europa näher an Japan als an die USA rücken.

Quelle: n-tv.de

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