Wirtschaft
Gazprom-Werbung auf einem Dach in St. Petersburg.
Gazprom-Werbung auf einem Dach in St. Petersburg.(Foto: REUTERS)

Die stumpfe Waffe des Kremls: Europa muss Gazprom nicht fürchten

Von Jan Gänger

Wenn der Westen über Sanktionen gegen Russland spricht, schwingt neben der Angst vor dem Kalten Krieg auch die vor einem kalten Winter mit. Doch die Furcht, dass Präsident Putin das Gas abdreht, ist übertrieben. Denn der Kreml braucht das Geld.

Während Wladimir Putin die Annexion der Krim vorantreibt, hält er eine besondere Waffe in den Händen: Gazprom. Der weltweit größte Gaslieferant wird vom Kreml eingesetzt, um seine machtpolitischen Interessen durchzusetzen. Ehemaligen Sowjetrepubliken, die sich von Russland emanzipieren wollen, wird die Gasrechnung kräftig erhöht - oder die Lieferung wird ganz gestoppt.

Das bekommt derzeit die Ukraine zu spüren, der schon 2006 und 2009 das Gas zeitweise abgedreht wurde. Anfang März strich Russland einen kräftigen Rabatt von knapp 30 Prozent auf den Gaspreis. Den hatte der Staatskonzern dem von der Pleite bedrohten Land als Belohnung eingeräumt, weil Präsident Viktor Janukowitsch sich weigerte, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen. Nach seinem Sturz strich der Kreml den Preisnachlass.

Vor zwei Tagen ging Russland noch einen Schritt weiter und schaffte einen weiteren Rabatt auf den Preis für Erdgas ab. Begründung: Die Grundlage sei die Nutzung eines Marinestützpunkts durch die russische Schwarzmeerflotte auf der Krim gewesen; nach dem Referendum sei diese aber nicht mehr in der Ukraine, sondern in Russland stationiert. Der Rabatt sei deshalb überflüssig.

Aber nicht nur die Ukraine, auch die Europäische Union ist auf russisches Gas angewiesen. Gazprom deckt 27 Prozent des Bedarfs der EU ab, Deutschland bezieht sogar 38 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Und so ist im Westen immer wieder die Warnung zu hören, keine zu scharfen Sanktionen gegen Russland zu verhängen. "Wenn der Kreml uns sagt, wir sollen es anhalten, dann halten wir das Gas an", sagt ein Gazprom-Insider. An der Unternehmensspitze sitzen immer noch die drei Top-Manager, die Putin beim Konzernumbau 2001 dorthin schickte: sein alter Gefolgsmann Alexej Miller als Firmenchef, Finanzvorstand Andrej Kruglow und Exportchef Alexander Medwedew.

Doch ein solcher Schritt ist durchaus unwahrscheinlich, er würde Russland mehr schaden als dem Westen - zumindest mittelfristig. Denn in Sachen Energie hängt nicht nur die EU von Russland ab, sondern auch umgekehrt. Gazprom erzielt rund die Hälfte seiner Einnahmen in Europa.

EU sucht nach Alternativen

Europa ist bereits dabei, seine Abhängigkeit von russischem Öl und Gas zu verringern. Das soll unter anderem durch alternative Routen für Pipelines und neue Kontakte zu anderen Lieferanten gelingen. Nach Angaben der Eurostat-Statistiker zeigen die Maßnahmen Wirkung. Russlands Anteil an den Gasimporten der Gesamt-EU lag im Jahr 2003 noch bei 45 Prozent, sank also bereits deutlich.

Durch den Konflikt mit Russland um die Ukraine und der im Raum stehenden Drohung von Wirtschaftssanktionen bekommt die Debatte um die Energiesicherheit Europas neuen Schwung. Bis zum EU-Gipfel im Juni soll die Brüsseler Kommission nun einen Aktionsplan ausarbeiten. Neben einem geringen Energieverbrauch und dem Ausbau der erneuerbaren Energien soll auch der Import des umstrittenen Schiefergases aus den USA verstärkt werden. Die Vereinigten Staaten haben sich mit ihrem massiven Ausbau von Schiefergas fast komplett unabhängig von Lieferungen aus dem Ausland gemacht und dürften bald große Gas-Mengen exportieren. Dafür werden in den USA eine Reihe von Terminals an Häfen zur Gas-Verflüssigung gebaut. Dann kann der Brennstoff per Tanker weltweit transportiert werden. Die EU will zudem ihre Zusammenarbeit mit Norwegen und dem Emirat Katar ausbauen.

"Russland hat seine Gas-Exporte lange Zeit als Waffe eingesetzt und die Menschen nach seiner Pfeife tanzen lassen. Es hat vor allem die Ukraine auch an einer kurzen Leine gehalten", sagt ein Energie-Experte für den russischen Markt am Rande einer Gas-Konferenz in Houston im US-Bundesstaat Texas. "Aber in zehn Jahren wird das nicht mehr möglich sein - und Russland weiß das."

Zumal auch die Ukraine das Potenzial von Schiefergas nutzt und sich unabhängiger von Russland machen will. Anfang 2013 Jahres unterzeichneten die Janukowitsch-Regierung, Royal Dutch Shell und der ukrainischen Partner Nadra ein Projekt zur Schiefergasförderung. Dabei geht es um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Im November folgte eine zehn Millarden Dollar schwere Vereinbarung mit dem US-Konzern Chevron.

Preissenkungen für Europäer

Für Gazprom sind das schlechte Nachrichten. Angesichts des Gegenwinds hat der Konzern bereits Preissenkungen zugestimmt, um wichtige Kunden wie die deutsche Eon zu halten. Außerdem erwägt Gazprom offenbar, Verträge zugunsten seiner Partner in Westuropa zu ändern. Der Zeitung "Wedomosti" zufolge soll eine Klausel geändert werden, die Kunden zur Zahlung zwingt, auch wenn die angeforderte Menge Gas nicht abgenommen wurde. Damit wolle der Konzern seine europäischen Kunden halten.

Viele Experten halten Russland und den Staatskonzern Gazprom aufgrund deren eigener wirtschaftlicher Interessen für generell verlässliche Partner - ganz nach dem Motto, mit dem der saudische Ölminister 2001 Debatten über einen etwaigen neuen Öllieferstopp der Opec abwürgte: "Die beste Waffe, die man haben kann, ist Geld."

Das müsste auch Wladimir Putin wissen. Der Kreml ist auf sprudelnde Einnahmen aus den Rohstoffverkäufen angewiesen, um seine Großmachtpolitik zu finanzieren und im Land für soziale Stabilität zu sorgen. Reiche Kunden in die Arme der Konkurrenz zu treiben, erscheint deshalb nicht sonderlich klug.

Quelle: n-tv.de

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