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"Bleiben Sie zu Hause": Flughafen Frankfurt geht in die Knie

Verdi lässt das Sicherheitspersonal an Deutschlands größtem Luftdrehkreuz die Arbeit niederlegen. Der Airport muss Reisende bitten, nicht mehr zum Flughafen zu kommen. Tausende Menschen sind zum Warten gezwungen. Ein mobiles Lazarett versorgt Notfälle.

Am Ende geht nichts mehr: Der Betrieb am Frankfurter Flughafen ist wegen des Warnstreiks des Sicherheitspersonals in weiten Teilen zum Erliegen gekommen. Tausende Reisende erreichten in dem Chaos ihre Flüge nicht. Deutschlands größter Flughafen ist für Passagiere mittlerweile sogar größtenteils gesperrt. Der Betreiber Fraport teilte mit, dass aufgrund von massiven Streikaktivitäten des Sicherheitspersonals "heute keine Sicherheitskontrollen mehr für ab Frankfurt reisende Passagiere" stattfänden. Flugreisende werden gebeten, heute nicht mehr zum Flughafen zu kommen, da es keine Möglichkeit mehr gibt, die Flüge zu erreichen.

Nichts geht mehr: Der Frankfurter Flughafen fertigt nur noch umsteigende Passagiere ab.
Nichts geht mehr: Der Frankfurter Flughafen fertigt nur noch umsteigende Passagiere ab.(Foto: REUTERS)

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kämpft für höhere Löhne des Sicherheitspersonals. Sie vertritt dabei 7000 Mitarbeiter der Branche, 5000 davon am Frankfurter Flughafen. Angesichts der dramatischen Situation am Airport hatten sich Vertreter der Arbeitgeber-Tarifkommission zu Sondierungsgesprächen mit den Gewerkschaften Verdi und dbb tarifunion getroffen, um den Tarifkonflikt kurzfristig zu lösen. Die Gespräche verliefen aber ergebnislos, teilte der Verband weiter mit.

"Heute keine Sicherheitskontrollen"

Zunächst harrten am Morgen noch Tausende Menschen vor den Kontrollstellen aus. In den Abflughallen des größten deutschen Flughafens spielten sich teils chaotische Szenen ab. An den wenigen geöffneten Kontrollstellen bildeten sich Menschentrauben, so dass die Polizei schließlich den Bereich absperren musste. Dutzende Wartende mussten wegen Kreislaufproblemen behandelt werden, im Terminal wurde ein mobiles Lazarett aufgebaut. Von 183 verfügbaren Kontrollspuren waren zeitweise nur 20 besetzt, wie die Bundespolizei mitteilte.

Die Lufthansa schickte ihre Verwaltungsmitarbeiter zur Betreuung der gestrandeten Gäste ins Terminal. Es werde für jeden Passagier nach einer guten Lösung gesucht, erklärte ein Sprecher. Schon am Morgen waren Inlandsfluggäste auf die Deutsche Bahn verwiesen worden. In den für Samstag und Sonntag geplanten Maschinen wurden zusätzliche Plätze freigehalten, um Umbuchungen zu ermöglichen.

Am frühen Nachmittag zog Fraport dann die die Reißleine und entschied, keine Sicherheitskontrollen mehr für ab Frankfurt reisende Passagiere vorzunehmen. Der Flughafen-Betreiber bat Flugreisende, sich auf den Internetportalen der Fluggesellschaften oder über die Medien zu informieren und die Online-Umbuchungs- sowie Online-Kontaktmöglichkeiten zu nutzen.

Der Flugbetrieb kam dennoch nicht zum Erliegen. Bis zum Abend wurden von insgesamt rund 1300 Flügen laut einem Fraport-Sprecher nur 96 gestrichen. Dies lag zum einen daran, dass der Transitverkehr nicht betroffen war: Wer nur umsteigen musste, konnte weiter fliegen. Viele Maschinen dürften zudem mit weniger Passagieren an Bord geflogen sein als gebucht. "Mit einem solchen Verlauf konnten wir nicht rechnen", sagte Verdi-Streikführer Mathias Venema. Die Gewerkschaft entschuldigte sich in einer Mitteilung bei allen Passagieren, "die heute Unannehmlichkeiten" hatten. Der Streik sei nicht gegen die Passagiere gerichtet.

Fraport moniert Unverhältnismäßigkeit

Sanitäter versorgen eine geschwächte Frau.
Sanitäter versorgen eine geschwächte Frau.(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Lufthansa-Sprecherin sagte, der Flugbetrieb des Unternehmens finde "weitgehend planmäßig" statt. Sie räumte aber ein, dass  Maschinen ab Frankfurt zum Teil mit weniger Passagieren flögen. Flüge der Lufthansa seien nicht gestrichen worden, um den gesamten  Flugbetrieb der Airline aufrecht zu erhalten, sagte die Unternehmenssprecherin.

Flughafen-Betreiber Fraport und die Lufthansa reagierten dennoch empört. "An einem der verkehrsreichsten Tage mit 150.000 Passagieren einen solch massiven Streik durchzuführen bedeutet, Gehaltsverhandlungen auf dem Rücken der Passagiere auszutragen", äußerte sich Fraport verärgert. "Das ist aus unserer Sicht unverhältnismäßig und mit Blick auf die Auswirkungen auf die Passagiere absolut inakzeptabel." Am Flughafen Frankfurt werden normalerweise 110.000 bis über 200.000 Fluggäste täglich bedient.

Lufthansa sieht Politik in der Pflicht

Deutschlands größte Airline forderte die Politik zum Handeln auf: Diese dafür sorgen, dass derartige Konflikte nicht auf dem Rücken Tausender unbeteiligter Menschen ausgetragen würden. Wenn dieses Gewerkschaftsverhalten Schule mache, "können wir einen kontinuierlichen Flugbetrieb in Deutschland nicht mehr gewährleisten."

Auch der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) nannte die Arbeitsniederlegungen "völlig überzogen". Der 21-stündige Warnstreik sei "nicht nachvollziehbar" und schädige Tausende unschuldige Passagiere, sagte Hauptgeschäftsführer Harald Olschok. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten der privaten Sicherheitsunternehmen von 2.00 Uhr in der Nacht bis 23.00 Uhr am Freitagabend zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

Neue Runde Anfang März

Verdi bot am Freitag angesichts der angespannten Situation sogar noch einen Notdienst für die Kontrollen an. Doch auch das half nichts mehr. Die Zustände seien "teilweise chaotisch", gingen aber nicht auf das Konto der Gewerkschaft, sagte Verdi-Streikleiter Matthias Venema. Der Flughafenbetreiber sei offensichtlich nicht vorbereitet gewesen auf die Situation oder habe sie völlig falsch eingeschätzt. Ein Fraport-Sprecher wies dies "auf das Schärfste" zurück. Für die Kontrollen werde speziell ausgebildetes Personal gebraucht.

Verdi fordert in dem Tarifstreit für die Beschäftigten einen einheitlichen Stundenlohn von 16 Euro. Die Arbeitgeber boten laut Gewerkschaft bislang nur 10 bis 13 Euro. Nach Angaben des  Arbeitgeberverband BDSW offerierten die Unternehmen, die Löhne innerhalb von zehn Monaten um 20 Prozent und mehr zu erhöhen. Verdi fordere dagegen ab sofort 37 Prozent mehr Lohn.

In anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bremen oder Nordrhein-Westfalen sei ein Stundenlohn von bis zu 15 Euro üblich, hieß es. Verdi verhandelt seit Dezember mit dem Arbeitgeberverband BDSW über einen Abschluss für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Zuvor wurde bereits am Flughafen Hamburg, dem Airport Düsseldorf und am wesentlich kleineren Flughafen Hahn gestreikt. Am 5. März wollen die Streithähne nach jetzigem Stand ihre Tarifverhandlungen fortführen.

Quelle: n-tv.de

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