Wirtschaft
Schadensbegrenzung vor Ort: Fonterra-Chef Theo Spierings stellt sich in Peking der chinesischen Öffentlichkeit.
Schadensbegrenzung vor Ort: Fonterra-Chef Theo Spierings stellt sich in Peking der chinesischen Öffentlichkeit.(Foto: REUTERS)

Gift-Warnung aus Neuseeland: Fonterra-Chef fliegt nach Peking

Der Fund hochgiftiger Bakterien in Molkerei-Produkten aus Neuseeland schlägt in China hohe Wellen: Die chinesische Lebensmittelaufsicht alarmiert die Verbraucher - und weckt damit Erinnerungen an den Milchpulver-Skandal von 2008. Experten fürchten neue Handelsbarrieren.

Gift in der Säuglingsnahrung? Oder voreilig und missverständliche Verbraucherinformation?
Gift in der Säuglingsnahrung? Oder voreilig und missverständliche Verbraucherinformation?(Foto: dpa)

Das Prinzip gilt weltweit: Das Geschäft mit Babynahrung stützt sich in erster Linie auf Vertrauen. Wenn es um das Wohl des Kindes geht, erwarten Konsumenten höchste Qualität. Treten dennoch Mängel auf, reagieren Kunden mitunter hoch emotional. Der neuseeländische Molkerei-Konzern Fonterra bekommt die Folgen von Qualitätsmängeln und einer offenbar unzureichenden Informationspolitik derzeit mit voller Wucht zu spüren.

Seit dem Wochenende steht der weltgrößte Exporteur von Milchprodukten im Kreuzfeuer der Kritik: Der Konzern warnte vor Molke, die im Mai 2012 produziert wurde und womöglich verunreinigt sei. In drei Lieferungen eines Molkekonzentrats, das unter anderem in Säuglingsnahrung und Sportgetränken verarbeitet wird, sei das Bakterium Clostridium botulinum nachgewiesen worden, das Botulismus auslösen kann - eine unter Umständen lebensgefährliche Lebensmittelvergiftung. Eine Reihe an Fonterra-Produkten sei mit Bakterien verseucht, hieß es. Dies hätten Tests vergangene Woche ergeben.

Die Warnung schlug hohe Wellen: Die chinesische Lebensmittelaufsicht gab daraufhin eine eigene Warnung an Verbraucher heraus und wies drei chinesische Herstellerfirmen an, ihre Importware zu überprüfen. Das Problem: Der Aufwand ist enorm. Die fraglichen Molkemengen wurden teils bereits weiterverarbeitet. Ein Großteil davon ist möglicherweise längst im Handel. Mehrere chinesische Importeure riefen vorsorglich bereits Milchprodukte mit Fonterra-Molke zurück.

"Kniefall" im größten Absatzmarkt

Bislang gebe es im Zusammenhang mit der aktuellen Rückrufaktion keinerlei Hinweise auf Erkrankungen, bemühte sich Fonterra zu Wochenbeginn die Wogen zu glätten. Bei der Weiterverarbeitung würden sämtliche Bakterien ohnehin abgetötet, hieß es. Die Ware sei daher sicher. Das neuseeländische Unternehmen entsandte seinen Chef nach China, um dort öffentlich um Verzeihung zu bitten. Er entschuldige sich "zutiefst" bei den Betroffenen, sagte Fonterra-Chef Theo Spierings vor Journalisten in Peking.

Doch um die aufgeregten Reaktionen in den Abnehmerländer zu dämpfen, kommen Spierings Bemühungen wohl zu spät. Kritiker werfen dem Unternehmen ein verspätetes und undurchsichtiges Handeln vor. Fonterra-Chef Spierings wies diese Vorwürfe vor den Pressevertretern in Peking allerdings ausdrücklich zurück. Fonterra habe nicht zu spät vor der Verunreinigung durch das Bakterium gewarnt, sagte er.

Peking ermahnt Neuseeland

Früheren Angaben von Fonterra zufolge ging die betroffene Molke in den Export nach Australien, China, Malaysia, Saudi-Arabien, Thailand und Vietnam. In Neuseeland wurde eine Säuglingsmilch bereits am Wochenende vorsorglich komplett vom Markt genommen. China allerdings ist Fonterras größter Absatzmarkt. Das Riesenreich bezog zuletzt etwa 95 Prozent seines importierten Milchpulvers aus Neuseeland. Am Wochenende forderten die Behörden in Peking die neuseeländische Regierung in einem Aufsehen erregenden Schritt dazu auf, die Sicherheit von Exportprodukten zu gewährleisten.

Spätestens damit droht sich der Fall zu einer schwerwiegenden Belastung für die gesamte neuseeländische Exportwirtschaft auszuwachsen. Denn in China sieht sich Fonterra mit mehr als nur mit Image-Problemen konfrontiert. In der chinesischen Öffentlichkeit weckt das neuseeländische Unternehmen düstere Erinnerungen. Vor gut fünf Jahren war Fonterra unternehmerisch an einem Molkerei-Konzern beteiligt, der im Zusammenhang mit dem Melamin-Skandal von 2008 in die Pleite rutschte.

Erinnerungen an den Milchpulver-Skandal

Damals hatten lokale Produzenten von Babynahrung die verbotene Chemikalie Melamin unter Milchpulver gemischt, um einen höheren Eiweißgehalt vorzutäuschen. Mindestens sechs Säuglinge starben, fast 300.000 Kleinkinder erkrankten. Der Skandal schlug hohe Wellen - auch angesichts der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik, die einen Teil des Zorns auf die Wirtschaftsentscheider in Peking lenkte. Fonterra war damals mit einem Anteil von 43 Prozent an der chinesischen Firma Sanlu Dairy beteiligt, die im Zentrum des Skandals stand.

In Neuseeland sind die Sorgen um die Wirtschaftsbeziehungen so groß, dass sich sogar die Regierung in Wellington mit einer eigenen Stellungnahme zu Wort meldet. "Wir werden den Informationsfluss untersuchen, und welche Schritte Fonterra unternommen hat", kündigte Neuseelands Regierungschef John Key an. Das Unternehmen werde sich zu den zeitlichen Abläufen äußern, versprach der Chef der Fonterra-Abteilung Milchprodukte, Gary Romano.

Die Erschütterungen des aktuellen Molke-Skandals erreichten am Morgen sogar den Devisenhandel. Der neuseeländische Dollar geriet zu Wochenbeginn deutlich unter Druck. Die Währung fiel bis auf 0,7670 US-Dollar nach etwa 0,7840 Dollar am Freitagabend. Investoren zeigten sich angesichts der Fonterra-Rückrufaktion besorgt, dass wichtige Abnehmerländer wie China Fonterra-Produkte verbieten könnten.

Quelle: n-tv.de

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