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Die Prokon-Mitarbeiter und viele der Anleger stehen immer noch hinter dem Windanlagen-Finanzierer.
Die Prokon-Mitarbeiter und viele der Anleger stehen immer noch hinter dem Windanlagen-Finanzierer.(Foto: dpa)

"Wir investieren weiter": "Freunde von Prokon" unbeirrt

Prokon-Chef Carsten Rodbertus redet über den Insolvenzantrag und die Mitarbeiter klatschen. Anleger wissen nicht, was aus ihrem Geld wird, glauben jedoch weiter an das Unternehmen. Der Dortmunder Psychotherapeut Wolfgang Siegel, Mitgründer der Anlegergemeinschaft "Freunde von Prokon", findet das alles andere als irrational und erklärt n-tv.de-Interview warum.

n-tv.de: Herr Siegel, seit wann gibt es die "Freunde von Prokon"?

Prokon-Freund Wolfgang Siegel
Prokon-Freund Wolfgang Siegel

Wolfgang Siegel: Der Beginn der "Freunde von Prokon" war eine E-Mail, die ich am 08. Oktober 2013 an "Prokon Kundenmeinungen" schrieb, mit dem Angebot an andere Freunde des Unternehmens, sich bei mir zu melden. Die Idee war, eine Gruppe zu bilden, mit der man an der öffentlichen Diskussion teilnehmen kann. Daraufhin haben sich zwei Leute gemeldet und wir haben uns überlegt, was wir angesichts der negativen Berichterstattung über Prokon machen können.

Die negative Berichterstattung war also der Gründungs-Grund?

Negative Berichterstattung hat es schon jahrelang gegeben. Das war der Anlass für uns drei, uns zusammenzusetzen. Doch im Dezember nahm die Fülle der negativen Berichte massiv zu, das kam von allen Seiten. Ich hatte das Gefühl, dass das koordiniert war. Da wurde uns klar: Wir müssen zügiger handeln, und es meldeten sich weitere Genussrechtsinhaber. So haben unsere Website und den Aufruf gestartet. Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir an drei Tagen unser Konzept entwickelt und auch einen Tag mit Herrn Rodbertus und Herrn Rüdiger Gronau (Prokon-Vertriebschef, Anm. der Redaktion) offene Fragen geklärt. Wir wussten, dass es sehr, sehr viele Menschen da draußen gibt, die das einfach nicht in Ordnung finden, wie in der Öffentlichkeit mit Prokon umgegangen wird.

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Und wieviele Freunde hat Prokon jetzt?

Es gab sehr schnell eine überwältigende Reaktion, mittlerweile sind wir fast 5.500 Freunde, das kann man auch auf dem Ticker auf unserer Website "www.freundevonprokon" sehen. Wir lassen den Leuten die Möglichkeit, sich als "Freunde von Prokon" einzuschreiben oder nur Anfragen an uns zu stellen. Der größte Teil meldet sich aber direkt an und einige hundert Leute wollen sofort aktiv mitarbeiten. In der vergangenen Woche haben wir auch einen Verein gegründet.

Jetzt liegen einige sehr aufregende Tage hinter den Prokon-Freunden. Wie ist denn momentan die Stimmung?

Die Stimmung ist sehr gut, vor allen Dingen nachdem jetzt endlich faire Berichterstattungen erfolgen. Bei der Pressekonferenz von Prokon wurde ja die Begeisterung deutlich, mit der die Mitarbeiter hinter dem Unternehmen und auch hinter Herr Rodbertus stehen. Nicht zuletzt waren die Worte des Insolvenzverwalters nicht bedrohlich, sondern eher ermutigend.

Der Applaus der Mitarbeiter verwundert jedoch, wenn man bedenkt, dass es hier um einen Insolvenzantrag geht. Es scheint eine hohe emotionale Bindung an das Unternehmen zu geben, bei den Mitarbeitern und den Anlegern. Wie kommt es dazu?

Der Applaus der Mitarbeiter zeigt, wie der Chef, Herr Rodbertus, mit ihnen umgegangen ist. "Hohe emotionale Bindung" ist für uns Geldgeber eine seltsame Beschreibung für unsere Beziehung zum Unternehmen. Die Grundlage ist erst einmal eine sehr klare rationale Entscheidung für Prokon, für ein Unternehmen, das tatsächlich an der notwendigen Energiewende arbeitet. Ich finde es sehr irrational, die Probleme, die wir in der Energiepolitik und im Klima haben, auszublenden und einfach weiterzumachen wie bisher. Dagegen finde ich es sehr rational, alles zu unterstützen, damit die Energiewende tatsächlich kommt. Das zweite rationale Argument ist, dass Prokon ohne Banken auskommt. Das finde ich eine hochgradig vernünftige Sache. Damit ist ja in einem Krisenfall, wie er ja jetzt tatsächlich eingetreten ist, das eingebrachte Kapital abgesichert.

Wieso ist das eingebrachte Kapital sicherer ohne Banken?

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Wenn Banken am Unternehmen wesentlich beteiligt wären, dann müssten ihre Gelder in einem Insolvenzverfahren vorrangig bedient werden. Oft bleibt in einem solchen Fall für die privaten Geldgeber nichts übrig. Jetzt können in Ruhe die Probleme, die auch durch die kurzen Laufzeiten der Genussrechte entstanden sind, was Herr Rodbertus auch eingeräumt hat, geklärt werden. Dass man sich außerdem, wenn man eine vernünftige Entscheidung getroffen hat, darüber freut, dass das Unternehmen nicht den Bach runtergeht, das kommt dann einfach dazu. Bei uns, den Freunden von Prokon, haben sich Menschen gemeldet, denen die Energiewende ein sehr ernstes Anliegen ist. Und die angesichts der Probleme im Bankensektor sehr gerne ein Unternehmen unterstützen, das sich weitgehend bankenunabhängig entwickelt hat.

Ging es den Prokon-Anlegern also nur um die Energiewende und die Kritik an dem Bankensystem? Spielten die versprochenen 6 bis 8 Prozent Rendite keine Rolle?

Ich habe die Vermutung, dass es zwei Anlegergruppen gibt: Erstens diejenigen, denen die 8 Prozent das wichtigste waren, und die die Energiewende und das Bankensystem gar nicht oder nicht wesentlich im Auge hatten. Zweitens jene, die sich bei Freunde von Prokon gemeldet haben, und denen genau diese Anliegen wichtig sind. Für diese Gruppe spielen die Zinsen nicht die entscheidende Rolle. Prokon soll mit den Zinsen runtergehen, wenn das notwendig ist, so steht es in vielen Schreiben.

Abgesehen von der negativen Berichterstattung gibt es konkrete Gründe für Anleger besorgt zu sein. Macht es Sie etwa nicht stutzig, dass es keinen testierten Jahresabschluss 2012 gibt? Laut Insolvenzverwalter steht die Verweigerung des Testats im Raum.

Selbstverständlich ist die Verzögerung des Testats kein schöner Vorgang. Allerdings – und jetzt spreche ich nur für mich persönlich, das mögen manche auch aus unserem Kreis anders sehen – bin ich zurückhaltend in der Beurteilung dieses Faktums. Erst einmal muss geklärt werden, was die tatsächlichen Gründe dafür sind, dass das Testat noch nicht gegeben wurde. Ich schließe daraus nicht automatisch, dass bei Prokon nicht alles in Ordnung ist. Es wurde uns auch erläutert, dass es unterschiedliche Sichtweisen über die stillen Reserven gibt. Jetzt müssen wir abwarten, was der Insolvenzverwalter dazu zu sagen hat. 

Auch wenn Sie einzelne Vorgänge nicht schön finden, stehen Sie offensichtlich hinter der Idee und dem Geschäftsmodell von Prokon. Welches Ergebnis der Insolvenzprüfung könnte Ihr bisheriges Bild erschüttern? Was wäre, wenn es sich bei Prokon - wie von Kritikern oft vorgeworfen – doch um ein Schneeballsystem handelte?

Es kann ja kein Schneeballsystem geben, jedenfalls keines, das mit diesem Wort assoziiert wird. Hier gibt es definitiv niemanden, der Kapitalanleger mit hohen Zinsen anlockt und sich dann das Geld unter den Nagel reißt. Wir wissen, dass unser Geld in realen Werten wie Windparks eingesetzt wurde. Das ist der wesentliche Punkt, der ja leider in der Presse nicht deutlich gesagt worden ist.

Was ist mit dem Verdacht, dass die Zinszahlungen zum Teil aus den neuen Genussrechten finanziert wurden?

Diese Frage ist für mich ungeklärt, ebenso, ob das vertretbar ist. Ich bin kein Wirtschaftsfachmann, aber ich habe inzwischen begriffen, dass es durchaus üblich ist, die Geldgeber an den stillen Reserven teilhaben zu lassen. Ob die Höhe der Zinszahlungen gerechtfertigt war, das kann ich nicht sagen. Das wird vermutlich der Insolvenzverwalter beurteilen. Wenn man sachliche Kritik an den 8 Prozent geübt hätte, wäre das sicherlich ein Diskussionspunkt geworden. Ich finde den Vorwurf des Schneeballsystems unverantwortlich, damit wurde die ungerechtfertigte Angst vor einem Totalverlust geschürt.

Können Sie verstehen, dass sich viele Anleger durch den offenen Brief von Prokon geradezu erpresst fühlten?

Ja, das kann ich verstehen. Ich fand die Formulierung auch nicht sonderlich günstig. Obwohl es richtig ist, die Anleger darauf aufmerksam zu machen, das bei einer Kündigung der Genussscheine eine Insolvenz droht. Dies musste in aller Deutlichkeit gesagt werden. Die Formulierung hätte ich aber als Psychologe, der ruhig nachdenkt, auch nicht so gewählt. Doch ich muss auch selbstkritisch sein, denn wir haben den Text vorher gesehen, aber unter dem enormen Zeitdruck nicht genau hingesehen.

Carsten Rodbertus selbst hat eingeräumt, dass die kurzfristige Finanzierung von langfristigen Anlagen wie Windkraftanlagen ein Fehler war. Würden Sie persönlich noch einmal in Form von Genussscheinen in Prokon investieren? Denn bei den nachrangigen Papieren besteht das Risiko in der Insolvenz und dem Totalverlust.

Aber wenn keine vorrangigen Ansprüche vorliegen, weil alle Löhne und Rechnungen bezahlt sind,  dann gibt es keinen Totalverlust! Die Werte sind doch da, da kann es nur Verluste über die Notverkäufe geben. Den Totalverlust zu beschwören, halte ich für unredlich. Man sollte nicht die Erfahrungen von Insolvenzen mit maßgeblicher Bankbeteiligung auf Prokon übertragen.

Sie würden also wieder genauso handeln?

Ich werde sobald die Situation bei Prokon stabilisiert hat, weiter in das Unternehmen investieren. Es gibt sehr, sehr viele Anleger, die darauf warten, dass es eine Möglichkeit gibt, Prokon finanziell weiter zu unterstützen.Auch wir Freunde von Prokon denken jetzt schon darüber nach. Doch in dieser unklaren Situation ist das schwierig zu gestalten. Diese Bereitschaft, Prokon gerade in der Krise zu unterstützen, ist bei sehr vielen Genussrechtsinhabern sehr groß, auch bei mir persönlich.

Am Freitag wurde bekannt, dass sich Hedgefonds für die Prokon-Genussrechte interessieren und den Anlegern in etwa zwei Wochen ein konkretes Angebot vorlegen wollen. Was meinen Sie dazu?

Dann scheint Prokon ja ein sehr wertvolles Unternehmen zu sein. Ich werde meine Anteile nicht an einen Hedgefonds veräußern, und ich hoffe, dass kein Hedgefonds Einfluss auf Prokon bekommt.

Die Bundesregierung will die Anleger besser schützen. Fühlen Sie sich schutzbedürftig?

Nein. Wir sind mit Prokon im Gespräch. Auch Herr Rodbertus will Mitspracherechte der Geldgeber integrieren. Das ist der geeignete zusätzliche Schutz gegenüber solchen Situationen.

Mit Wolfgang Siegel sprach Samira Lazarovic.

Quelle: n-tv.de

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