Wirtschaft
Russlands Präsident Wladimir Putin.
Russlands Präsident Wladimir Putin.(Foto: REUTERS)

Kreml verbannt Parmesan: Gehen Putins Sanktionen nach hinten los?

Von Jan Gänger

Russland verbietet die Einfuhr von Agrarprodukten aus dem Westen. Präsident Putin reagiert damit auf die verhängten Sanktionen - und schadet damit auch der eigenen Bevölkerung.

Der Kreml schlägt zurück: Russland reagiert auf die westlichen Wirtschaftssanktionen und verhängt einen Einfuhrstopp für Nahrungsmittel aus der Europäischen Union, den USA, Kanada und Australien. Fleisch, Geflügel, Fisch, Milch, Käse, Obst und Gemüse darf aus diesen Ländern nicht mehr eingeführt werden. Das wird die Produzenten treffen, doch auch Russland wird die Folgen spüren - und die sind womöglich größer, als dem Kreml lieb sein kann.

Für einige Branchen im Westen könnten die von Putin angekündigten Lebensmittel-Einfuhrschranken schmerzhaft werden, aber für Europa oder die USA insgesamt dürften sie kein großes Problem darstellen, sagen Volkswirte und Branchenvertreter. Der russische Importstopp würde Bauern in Osteuropa treffen, hätte aber kaum Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft der EU. Im vergangenen Jahr hat die EU laut Daten des europäischen Statistikamts Eurostat Lebensmittel und Vieh im Wert von 8,8 Milliarden Euro an Russland exportiert - ein Bruchteil der EU-Gesamtexporte.

Selbst in Osteuropa dürften die Folgen überschaubar bleiben. Litauen, eines der EU-Länder, das am stärksten vom Handel mit Russland abhängt, exportierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von 25 Milliarden Dollar. Nur rund 1,3 Milliarden Euro davon entfielen auf den Export von Agrarprodukten und Alkohol nach Russland. Europäische Landwirte haben russische Einfuhrbeschränkungen bereits zu spüren bekommen. Im Januar etwa trat ein russischer Importstopp für europäische Schweine und Schweinefleischprodukte in Kraft, gegen den die EU bei der Welthandelsorganisation klagt.

"Allerdings haben wir dort schon seit Herbst praktisch einen Importstopp, weil Russland Risiken in der Lebensmittelsicherheit sieht. Wir sind aber der Auffassung, dass dies auch schon politische Maßnahmen sind", sagte Udo Hemmerling, Vize-Generalsekretär der Deutschen Bauernverbands. Andere Produkte wie Rindfleisch, Geflügel oder Getreideprodukte würden ohnehin kaum nach Russland exportiert. Russland schadet sich in Teilen selbst, so Hemmerling. "Die Schweinefleischpreise sind dort bereits massiv gestiegen. Der russische Verbraucher zahlt die Sanktionen seiner Regierung praktisch mit."

Zentralbank warnt vor Inflation

Schon die in den vergangenen Tagen verhängten Einfuhrverboten für Obst aus Polen oder Saft aus der Ukraine hatten die russische Zentralbank auf den Plan gerufen. Sie fürchtet, dass die Importbeschränkungen die bereits hohe Inflation weiter antreiben könnten. "Wir sind vor allem darüber besorgt, dass der Rückgang der Teuerung im Juli geringer war als erwartet", hieß es in einer Mitteilung. Moskauer Medien hatten bereits nach einem Importstopp für Obst aus Polen vor Preisanstiegen von etwa 40 Prozent etwa bei Äpfeln gewarnt. Unabhängig davon, ob eine solche Prognose seriös ist: Lebensmittel machen einen Großteil der Ausgaben eines Haushalts aus.

Die Inflationsrate war im Juli zwar auf 7,5 Prozent gesunken, lag damit aber deutlich über den 6,5 Prozent des Vorjahres. Um Teuerung, Rubel-Schwäche und Kapitalflucht zu begegnen, hatte die Zentralbank den Leitzins kürzlich auf 8 Prozent angehoben. Das bremst die russische Wirtschaft, die in diesem Jahr wohl in eine leichte Rezession abgleiten wird.

Obwohl Russland zu den weltgrößten Produzenten von landwirtschaftlichen Produkten wie Kartoffeln, Getreide oder Milch zählt, sind die Moskauer Supermärkte bisher voll von importierten Lebensmitteln. Die vielen Importverbote hätten auch eine Propaganda-Wirkung, sagt der russische Analyst Konstantin Kalaschew. Es gehe um "die Autarkie Russlands und darum, Import-Waren durch Produkte vom heimischen Markt zu ersetzen". Die Mehrheit der Russen sei dabei durchaus einverstanden mit dem Kurs ihrer Regierung - denn "die Leute haben nicht den Eindruck, dass sie darunter leiden".

Das hatte Putin der Bevölkerung auch versprochen. "Natürlich sollte das sorgfältig geschehen, um einheimische Hersteller zu unterstützen und die Verbraucher nicht zu belasten", sagte er mit Blick auf die Gegenmaßnahmen. Die Frage ist, ob ihm das gelingt. Der Moskauer Analyst Dmitri Polewoj sprach von einer "Schocktherapie" für die russische Lebensmittelbranche. "Das Verbot betrifft zehn Prozent des Agrarimports, die jetzt schnell ersetzt werden müssen", sagte er.

Flugverbote erwogen

Die Gegenmaßnahmen stellen den Präsidenten vor ein Problem: Wirtschaftssanktionen wirken häufig in beide Richtungen. Das zeigt die Diskussion darüber, ob der Kreml Fluggesellschaften der EU verbieten sollte, Sibirien zu überfliegen. Zwar hätten Fluggesellschaften wie die Deutsche Lufthansa, British Airways oder Air France auf ihren Verbindungen nach Asien wegen der längeren Ausweich-Routen höhere Treibstoffkosten, sagt der russische Luftfahrtexperte Boris Rybak. Sie würden sich aber im Gegenzug die Gebühren für den Flug über Sibirien sparen.

Insgesamt würden sich die Kosten durch die längeren Strecken um 25 bis 50 Prozent erhöhen und die Airlines 100 bis 200 Millionen Dollar pro Jahr kosten, so Rybak. Aeroflot würden dagegen zwischen 250 und 300 Millionen Dollar jährlich entgehen, zitiert die russische Nachrichtenagentur "Ria Novosti" Konstantin Juminow von der Raiffeisenbank. Aeroflot-Aktien verloren in den vergangenen Tagen deutlich an Wert.

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Quelle: n-tv.de

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