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Die "Bank von Moskau" steht auf der Sanktionsliste der EU.
Die "Bank von Moskau" steht auf der Sanktionsliste der EU.(Foto: AP)

EU-Sanktionen gegen Russland: "Wir erwarten nur eine leichte Rezession"

Die Europäische Union erschwert den größten russischen Banken den Zugang zu den Kapitalmärkten der EU. Kurzfristig werden diese Maßnahmen Russland nur wenig schaden, sagt Osteuropa-Analyst Gunter Deuber. Doch das könne sich in absehbarer Zeit ändern.

Deuber leitet in in Wien die volkswirtschaftliche Osteuropaanalyse bei der Raiffeisen Bank International. Das Geldinstitut gehört zu den größten ausländischen Banken, die in Russland tätig sind.

n-tv.de: Der Kreml reagiert gelassen auf die Sanktionen der EU. Wie nachvollziehbar ist das?

Gunter Deuber: Das ist durchaus verständlich. Denn auch die verschärften Sanktionen betreffen nur wenige Sektoren – und die auch nicht komplett. Sie haben kurzfristig nur einen sehr begrenzten Einfluss auf die russische Wirtschaft. Das gilt auch für die doch eher moderaten Maßnahmen im Banken- und Finanzsektor. Mittelfristig könnte das aber anders aussehen. Vor allem die Beschränkungen für den Transfer von Spitzentechnologie im Ölsektor werden dann Folgen haben.

Nicht nur die Regierung gibt sich entspannt, sondern auch die Banken geben sich unbeeindruckt. Sie betonen: Trotz der Finanz-Sanktionen können sie sich jederzeit so viel Liquidität besorgen wie sie wollen. Ist das wirklich so?

Bisher beziehen sich die Sanktionen vor allem auf die Platzierung neuer, langfristiger Finanzinstrumente auf dem europäischen und dem US-Kapitalmarkt. Kurzfristige Refinanzierungsgeschäfte sind dagegen weiterhin möglich. Zudem können die Banken – in geringerem Ausmaß – auch in Asien und dem Nahen Osten Geld bekommen. Langfristig können sie die Volumina auf dem europäischen und amerikanischen Markt damit zwar nicht kompensieren. Doch vom internationalen Finanzmarkt werden sie durch die Sanktionen noch nicht komplett ausgeschlossen.

Gunter Deuber.
Gunter Deuber.(Foto: Raiffeisen Bank International AG)

Aber wird die Refinanzierung nicht zwangsläufig teurer – mit negativen Folgen für die russische Wirtschaft? Schließlich werden dann Kredite dort noch teurer, während die Konjunktur schwächelt.

Die langfristig schwierigeren internationalen Refinanzierungskonditionen werden irgendwann auch auf die Refinanzierungskonditionen in Russland durchschlagen, zumal auch diese derzeit ansteigen. Kurzfristig sollte das aber nicht überschätzt werden. Das allgemeine Kreditzinsniveau ist sehr viel höher als in der EU, oft ist die Verzinsung zweistellig. Da macht dann ein halber Prozentpunkt im Verhältnis weniger aus. Aber natürlich verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen mittelfristig. Wenn die Sanktionen länger bestehen bleiben, werden die Effekte spürbarer sein.

Der IWF hat seine Wachstumsprognose für Russland für 2014 auf 0,2 Prozent gesenkt – noch vor der neuen Sanktionsrunde. Kann Russland die Rezession vermeiden?

Wir haben eine konservativere Prognose und erwarten eine leichte Rezession, das BIP könnte in diesem Jahr um 0,3 Prozent zurückgehen. Wir gehen davon aus, dass der Konsum weiter wächst, während die Investitionen deutlich sinken. Vieles hängt davon ab, ob das Konsumverhalten halbwegs stabil bleibt, oder ob sich die Verbraucher angesichts der Sanktionen zurückhalten. Bisher sprechen Umfragen dafür, dass sich die breite Bevölkerung unbeeindruckt zeigt. Je nach Dauer und Schärfe der Sanktionen kann sich das aber ändern.

Der IWF beziffert die russischen Währungsreserven mit etwa 500 Milliarden Dollar. Das Defizit ist gering, die Staatschulden auch. Verfügt Russland nicht über genügend finanzieller Spielraum, um die Sanktionen abzufedern?

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Russland verfügt über substantielle Devisenreserven. Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass sich russische Unternehmen in den letzten Jahren massiv im Ausland verschuldet haben. Solange die Refinanzierung dieser Schulden möglich ist, ist das unproblematisch. Doch wenn die Regierung wegen der Sanktionen einspringen muss, kann das nach vier oder fünf Monaten ganz anders aussehen. Die Devisenreserven, die auch als Puffer gebraucht werden, können nicht unbegrenzt zur möglichen Kompensation von weniger ausländischer Refinanzierung eingesetzt werden.

Schon vor den Sanktionen befand sich die russische Wirtschaft entgegen dem weltweiten Trend in Schwächephase. Woran liegt das?

In der Tat, das Problem gibt es schon länger. Seit Ende 2011, Anfang 2012 läuft die Wirtschaft nicht mehr rund. Die Investitionen gingen zurück, das Wachstum war vor allem durch den Konsum angetrieben. Und dieser war zu einem Großteil kreditfinanziert. Das ist kein langfristiges, tragfähiges Wachstumsmodell. Jetzt verschärfen sich die Trends, die schon lange angelegt waren. Russland hatte in den Jahren vor 2008 und 2009 von einem Ölboom profitiert. In der Zeit gewöhnte sich das Land an immer weiter steigende Ölpreise. Doch dann stabilisierten sie sich. Sie liegen zwar auf einem hohen Niveau. Doch sie reichen nicht aus, um für sinnvolle Investitionen in die Volkswirtschaft zu sorgen.

Die russische Volkswirtschaft ist, was die angestrebte Modernisierung angeht, auf westliche Investitionen und Technologie angewiesen. Vor diesem Hintergrund können die Sanktionen doch großen Schaden anrichten.

China oder andere Länder können westliche Technologie nicht ersetzen. Der Exportstopp von Hightechprodukten für die Ölförderung ist für Russland deshalb mittelfristig ein großes Problem. Die Frage dabei ist allerdings: Wie ernst meint es Russland mit der Modernisierungsagenda, wenn die Regierung riskiert, in wichtigen Bereichen Zugang zu Spitzentechnologie zu verlieren?

Sieht die russische Regierung die Sanktionen womöglich als Chance, sich unabhängiger vom Westen zu machen?

Es ist für sie politisch durchaus opportun, das so darzustellen. Doch kurzfristig lässt sich das nicht umsetzen. In den vergangenen Jahren hat das Land sehr stark auf Importe gesetzt. In Russland gibt es außerdem einen gewissen Trend zum so genannten "demonstrativen Konsum", ein westliches Produkt gilt mehr als ein russisches. Anders ausgedrückt: Die russische Volkswirtschaft hat sich an Importe gewöhnt. Viele dieser Güter, vor allem Investitionsgüter, können nicht plötzlich in dem Land hergestellt werden. Hier liegt vielleicht der stärkste Sanktionshebel des Westens: Wenn Waren aus der EU nachhaltig schwerer verfügbar werden, könnte das langfristig zu einem politischen Umdenken führen.

Mit Gunter Deuber sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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