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Drei Jahre Gefängnis wegen Untreue: Haftbefehl gegen Middelhoff erlassen

Paukenschlag zum Prozessende: Nach dem Urteil erlässt das Gericht Haftbefehl gegen Thomas Middelhoff - wegen Fluchtgefahr. Ein Rechtsexperte hält es zudem für unwahrscheinlich, dass der 61-Jährige durch eine Revision einer Haftstrafe noch entgehen kann.

Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff ist vom Essener Landgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Middelhoff habe sich der Untreue und der Steuerhinterziehung schuldig gemacht, sagte Richter Jörg Schmitt.

Zudem wurde ein Haftbefehl verkündet und Middelhoff kurzfristig in Untersuchungshaft genommen. Das Gericht sehe derzeit Fluchtgefahr bei dem 61-Jährigen, sagte Richter Schmitt zur Begründung. Der Ex-Manager, seine Anwälte und die Staatsanwaltschaft verhandelten am Mittag über das weitere Vorgehen. Eine Aussetzung des Haftbefehls noch im Laufe des Tages wäre einem Gerichtssprecher zufolge etwa gegen Kaution, Meldeauflagen oder eine Abgabe des Passes möglich.

Für längere Zeit ins Gefängnis müsste Middelhoff, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Doch die Verteidiger des Ex-Topmanagers können gegen die Entscheidung noch Revision beim Bundesgerichtshof einlegen. Allerdings äußerte sich Klaus Höchstetter, Fachanwalt für Strafrecht, bei n-tv kritisch zu den Erfolgsaussichten einer Revision: "In der Praxis sind die Aussichten sehr, sehr schlecht, weil eben nur ein sehr geringer Anteil der Revisionen überhaupt zur Beurteilung durch den Bundesgerichtshof angenommen wird." Dazu komme, dass das Gericht allem Anschein nach nicht allzu viel falsch gemacht habe: "Ich denke nicht, dass sich hier noch viel ändern wird", sagte Höchstetter.

"In zahlreiche Widersprüche verstrickt"

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Die Staatsanwaltschaft hatte in dem Verfahren Middelhoff schwere Untreue vorgeworfen und eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten gefordert, weil der Manager private Flüge und die Kosten einer Festschrift für einen Mentor über das Unternehmen abgerechnet hatte. Middelhoffs Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert.

Middelhoff habe sich in seinen Aussagen im Prozess in zahlreiche Widersprüche verstrickt, sagte Richter Schmitt. "Es ist leider so gewesen, dass wir überzeugt sind, dass an entscheidenden Stellen des Prozesses (...) ihre Einlassung nicht vom Willen des ehrlichen Umgangs, sondern von verteidigungstaktischen Motiven geprägt war", unterstrich Schmitt. Es habe eine unglückselige Verquickung von beruflichen und privatem Interesse bei Middelhoff gegeben.

Schmitt wies in der Urteilsbegründung zudem darauf hin, dass es ohne die Arcandor-Insolvenz das Verfahren wohl nicht gegeben hätte. Denn letztlich sei erst durch "Erbsenzählerei des Insolvenzverwalters" der Prozess ins Rollen gekommen. Doch gehe es nicht um die Insolvenz, sondern um den Umgang Middelhoffs etwa mit den Reisekosten-Regelungen des Unternehmens.

Verteidiger hatten von "reiner Polemik" gesprochen

Der von starkem Medieninteresse begleitete Richterspruch im Saal 101 des Essener Landgerichts lag nur knapp unter der Forderung der Anklage. Die Staatsanwaltschaft sah es in dem seit Mai andauernden Prozess als erwiesen an, dass der ehemalige Bertelsmann- und Arcandor-Chef mit Wohnsitz im französischen St. Tropez in seiner Zeit als KarstadtQuelle- und Arcandor-Chef Privatflüge auf Firmenkosten abgerechnet und sich damit der schweren Untreue schuldig gemacht hat.

Zudem habe er eine Festschrift für seinen ehemaligen Mentor, den früheren Bertelsmann-Chef Mark Wössner, dem Konzern in Rechnung gestellt. Wössner selbst kritisierte das Strafmaß für Middelhoff als "viel zu hoch". "Mir tut das unendlich leid", sagte er dem "Westfalen-Blatt". Zu der Festschrift sagte Wössner: "Das ist ein großartiges Buch, aber ich hatte damit nichts zu tun. Ich habe es geschenkt bekommen, das ist alles."

Middelhoff habe sich in 27 Fällen der teils schweren Untreue und in drei Fällen der Steuerhinterziehung schuldig gemacht, hatte Staatsanwältin Daniela Friese gesagt. Er habe seinem damaligen Arbeitgeber in der Zeit zwischen 2005 und 2009 einen Gesamtschaden von 808.565 Euro zugefügt. So sei er etwa mit dem Charterflieger auf Firmenkosten aus privaten Motiven nach New York geflogen oder mit dem Hubschrauber zu seiner Arbeitsstelle in Essen geschwebt, um Staus zu umgehen.

Die Verteidiger des Ex-Topmanagers hatten dies als "reine Polemik" abgetan. Die Anwälte Udo Wackernagel und Winfried Holtermüller zeichneten im Prozess das Bild eines rund um die Uhr arbeitenden, von Termin zu Termin hetzenden Managers, der wegen der Dauer-Krise des Unternehmens keine Minute Zeit ungenutzt lassen konnte und durfte.

Einblicke in das Leben eines Topmanagers

Middelhoff selbst berichtete im Prozess, er habe in seiner Zeit beim Handelskonzern Arcandor 610 Mal Privatjets genutzt. Davon habe er 201 Flüge bezahlt, die übrigen seien Arcandor in Rechnung gestellt worden. Im Prozess ging es allerdings nur um 48 dieser Flüge, bei denen die Staatsanwaltschaft die dienstliche Veranlassung bezweifelte.

Der nun Verurteilte hatte zudem betont, vor Gericht um seinen Ruf kämpfen zu wollen. Arcandor wäre mit ihm nicht in die Pleite geschlittert, hatte er immer wieder betont. Von Mai 2005 bis Februar 2009 war er Konzernchef. Für Arcandor kam Mitte 2009 unter Middelhoffs Nachfolger Karl-Gerhard Eick das Aus.

Das Essener Verfahren war einer der spektakulärsten Wirtschaftsprozesse der vergangenen Jahre und gab ungewöhnliche Einblicke in das Leben eines Topmanagers, für den die Nutzung eines Charterjets so selbstverständlich war, wie für "Normalbürger" der Ticketkauf beim Billigflieger.

Quelle: n-tv.de

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