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Seltenes, lokal begrenztes Naturereignis: Hagelkörner, die Autoscheiben beschädigen können.
Seltenes, lokal begrenztes Naturereignis: Hagelkörner, die Autoscheiben beschädigen können.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wartezeiten in Wolfsburg: Gewitter kostet VW Millionen

Ein ungewöhnliches Wetterphänomen trifft bei Europas größten Autobauer an empfindlicher Stelle: Erst mehrere Tage nach dem Naturereignis im Großraum Wolfsburg tritt das Ausmaß der Schäden zutage. Bei VW sind auf einen Schlag zehntausende Fahrzeuge fürs Erste unverkäuflich.

Schwer zu verkaufen: Ein Wagen mit vom Hagelschlag zerstörter Frontscheibe bei einem Autohändler.
Schwer zu verkaufen: Ein Wagen mit vom Hagelschlag zerstörter Frontscheibe bei einem Autohändler.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein heftiges Sommergewitter Ende Juli hat in der Region Wolfsburg - Sitz von Europas größtem Autobauer - schwere Schäden ausgelöst. Rund um die Stadt und das VW-Stammwerk seien womöglich bis zu 28.000 Autos in Mitleidenschaft gezogen worden, hieß es aus dem Umfeld des Unternehmens. Lokalen Medienberichten zufolge prasselten bei dem schweren Unwetter teils golfballgroße Hagelkörner vom Himmel.

Im Freien geparkte Wagen waren den Eiskugeln schutzlos ausgeliefert: Der aus großer Höhe zu Boden stürzende Niederschlag hatte ausreichend Wucht, um Schäden an Karosserieteilen anzurichten und Windschutzscheiben zu zersplittern. Zuvor bereits hatten Hauseigentümer, private Autobesitzer und Kommunen über schwere Schäden durch Hagelschlag berichtet.

Unter den betroffenen Fahrzeugen befindet sich den Angaben zufolge auch ein wesentlicher Anteil an Neuwagen aus der VW-Autofabrik. Der unmittelbare Schaden geht in die Millionen. Doch das noch nicht alles. Das Naturereignis zieht weitere derzeit erhebliche Konsequenzen nach sich: Tausende Autokäufer müssen sich nun in Geduld üben, bis ihr Wunschfahrzeug tatsächlich ausgeliefert werden kann. In der VW-Kundenbetreuung herrscht der Ausnahmezustand.

Hagelschlag in der Autostadt

Das ganze Ausmaß sei noch nicht abzuschätzen, erklärte ein VW-Unternehmenssprecher. Es gehe um "einige Tausend Autos". Experten müssten Wagen für Wagen in Augenschein nehmen. Nicht alle seien gleich stark betroffen, viele auch gar nicht. "Es geht kein Auto raus an unsere Kunden, das nicht zu hundert Prozent fehlerfrei ist", betonte der Sprecher.

Ein betroffener Käufer berichtete zuletzt von besonderen Hagel-Konditionen: Ihm sei demnach angeboten worden, seinen Wagen nach der Reparatur mit einem modellabhängigen Nachlass zu kaufen. Alternativ könne er auch - bei entsprechend längerer Wartezeit - einen Neuwagen aus künftiger Produktion beziehen.

Niedersachsens größter Versicherer VGH hatte Anfang der Woche bereits im Zusammenhang mit dem Hagelunwetter von Rekordschäden gesprochen - vergleichbar mit dem Orkan "Kyrill" aus dem Jahr 2007. Allein die VGH rechnet mit einer Summe in Richtung 100 Millionen Euro. Es gehe um mindestens 21.000 Schadensfälle, teilte der Versicherer mit. 11.000 dieser Fälle betreffen demnach Gebäude und Hausrat, der Rest - also rund 10.000 - bei Kraftfahrzeugen.

Zu viele für den "Carport"

Vor fünf Jahren, im Sommer 2008, hatten Hagelkörner bei VW in Emden rund 30.000 Neuwagen lädiert. In der ostfriesischen Hafenstadt stehen am VW-Werk in der Regel mehr Autos unter freiem Himmel als in Wolfsburg, wo der Autobauer zwar die größte Fahrzeugfabrik der Welt unterhält, aber keinen Knotenpunkt für die Hafenlogistik.

Um die Auswirkungen der Sturmschäden zu begrenzen, unternimmt der Autobauer nun hinter den Kulissen große Anstrengungen. Ein Problem: Die Suche nach Dellen und Kratzer im Lack ist aufwändig. Fahrzeuge, die dem Hagel ausgesetzt waren, müssen teils professionell ausgeleuchtet werden, bevor sie in den Verkauf gehen.

Engpässe in der Endkontrolle

Für diese Zwecke betreibt Volkswagen sogenannte Lichttunnel im Werk. Diese dienen eigentlich der Endkontrolle bei den Neuwagen - 3800 laufen in Wolfsburg täglich von den Bändern. Für die Hagelkontrolle müssen die betroffenen Fahrzeuge in den Tunneldurchlauf eingetaktet werden. Auch die Lackexperten des Autobauers müssen aus ihren angestammten Verantwortungsbereich abgezweigt werden.

Bislang unbestätigten Angaben zufolge zieht der Konzern dazu nun auch externe Kräfte heran, um die Masse der Problemautos möglichst schnell zu sichten und abzuarbeiten. Insgesamt jedoch wird die Hagelschadenlogistik das Werk noch über Wochen beschäftigen. Für Besitzer älterer Autos haben Ausbeulspezialisten in den Gebieten östlich von Hannover sogenannte Besichtigungspavillons aufgebaut.

Ein eher schwacher Trost für VW: Der Konzern ist gegen ein Unglück dieser Art industriell versichert. Doch auch wenn viele Neuwagenkäufer Verständnis für höhere Gewalt haben, ist ihr Unmut bereits vorprogrammiert. Viele kommen zur Abholung direkt in die Autostadt, haben sich extra freigenommen und womöglich ihren alten Wagen schon privat verkauft.

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Quelle: n-tv.de

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