Wirtschaft
Tauschgeschäfte waren einst so einfach.
Tauschgeschäfte waren einst so einfach.(Foto: picture alliance / dpa)

Notenbanken ziehen am Strang: Helden- oder Verzweiflungstat?

von Samira Lazarovic

Die Notenbanken drehen an den Stellschrauben und die Finanzmärkte überschlagen sich vor Euphorie. Das stellt Börsenlaien wie Experten vor Rätsel: Die Intervention ist eine Notmaßnahme. Doch die Aktion hat auch Gutes – und die Vorteile sind nicht nur psychologischer Natur.

Der Sprung an den Börsen, hier der Dax, war beachtlich.
Der Sprung an den Börsen, hier der Dax, war beachtlich.(Foto: dpa)

Der 30. November 2011 wird Börsianern im Gedächtnis bleiben: Erst lockert die People's Bank of China erstmals seit drei Jahren ihre Geldpolitik und senkt die Mindestreserve-Quote für Geschäftsbanken von 21,5 auf 21 Prozent. Damit müssen die Institute weniger Geld bei der Zentralbank parken und können so ihre Kreditvergabe ausweiten. Nur zwei Stunden später folgt der nächste Paukenschlag: In einer abgestimmten Aktion senken die US-Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank sowie die Zentralbanken Großbritanniens, Japans, Kanadas und der Schweiz den Zinssatz für Dollar-Geschäfte mit den Notenbanken. Danach gibt es für die Aktienmärkte kein Halten mehr: Der Dax schnellt um fünf Prozent nach oben, der Euro gewinnt schlagartig bis zu zweieinhalb Cent, in New York gewinnen die Börsen mehr als vier Prozent und in Tokio legt der Nikkei gut zwei Prozent zu.

Die euphorische Reaktion der Märkte ist für viele erstaunlich. "Die Aktion war eine absolute Notmaßnahme", meint etwa der Chefvolkswirt der UN-Handelsbehörde UNCTAD, Heiner Flassbeck im Deutschlandradio Kultur. Das zeige schon eine ziemliche Verzweiflung an diesen Märkten. Andere äußerten sich ähnlich: Die Gefahr, dass einige Banken in Europa illiquide werden, sei offenbar größer gewesen als gedacht, heißt es. Diese Maßnahme deute daraufhin, dass das Bankensystem kurz vor dem Kollaps stand, schreibt etwa die "Financial Times Deutschland". In der Tat wurden vergleichbare Maßnahmen zuletzt nach der Lehman-Pleite oder nach der Fukushima-Atomkatastrophe in Japan ergriffen. Doch wie genau fluteten die Notenbanken die Märkte? Was bedeutet es, wenn Zinsen für Dollar-Tauschgeschäfte, sogenannte Swaps, gesenkt werden?

Das Misstrauen der Banken

Wenn Banken sich misstrauen, wird es gefährlich.
Wenn Banken sich misstrauen, wird es gefährlich.(Foto: dpa)

Die ungelöste Schuldenkrise belastet nicht nur die politischen Beziehungen der Länder untereinander, sondern erhöht auch die Spannungen im Bankensystem. Banken fangen an, an der Bonität der Branchenkollegen zu zweifeln und parken etwa im Euro-Raum immer mehr Geld bei der EZB, statt es sich gegenseitig zu leihen. So nähern sich die sogenannten Übernacht-Einlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank zuletzt der Marke von 300 Mrd. Euro. Diese Schwelle war zuletzt im Sommer 2010, während der ersten Griechenland-Krise, überschritten worden.

Als wäre diese Störung des europäischen Interbankenhandels nicht genug, tun sich viele Banken auf dieser Seite des Atlantiks zudem zunehmend schwer, sich genügend frische US-Dollar zu besorgen. Ein Grund: Ihre in Euro notierenden Wertpapiere werden in Übersee nur unwillig oder gar nicht als Sicherheit akzeptiert. Die US-Banken scheuen das Ausfallrisiko. Gleichzeitig ziehen amerikanische Investoren verstärkt ihr Geld aus Europa ab, hier versiegt also auch der Dollar-Zufluss. Aber auch europäische Banken brauchen Dollar-Reserven, denn schließlich wird eine Reihe von Transaktionen, etwa auf dem Rohstoffmarkt, ausschließlich in Dollar abgewickelt. Doch in den vergangenen Wochen wurden die Dollar-Einkäufe für die europäischen Banken immer teurer.

Tausche Euro gegen Dollar

Banken kommen auf verschiedenen Wegen an Dollar. Wenn sie ihren Bedarf nicht an den Devisenmärkten abdecken können, besorgen sie sich die nötigen Devisen bei einer anderen Bank. Bei diesen Tauschgeschäften von Euro in Dollar, den sogenannten Swaps, fallen allerdings Kosten an. Diese "Gebühren" lagen im Sommer noch bei 0,1 Prozent oder zehn Basispunkten. Bei einem Tausch von beispielsweise 100.000 Euro in Dollar betrug die Gebühr also 100 Euro. Nur drei Monate später, einen Tag vor der Zentralbanken-Aktion, lag die Rate für Drei-Monats-Swaps bei fast 160 Basispunkten, dasselbe Tauschgeschäft hätte also 1600 Euro gekostet. An diesem Punkt traten nun die Zentralbanken auf den Plan und sprangen als Dollar-Lieferant ein. Ihre Ankündigung, den Zinssatz für Dollar-Swap-Transaktionen um 50 Basispunkte zu senken, bedeutet pure Geldersparnis für die Banken.

Ab der zweiten Dezemberwoche gilt nun für die Dollar-Tauschgeschäfte ein Zinssatz, der 50 Basispunkte über dem Satz für Übernacht-Einlagen bei den Zentralbanken liegt. Um die Liquidität hochzuhalten, haben sich die Notenbanken zudem darauf verständigt, den Geschäftsbanken bis ins Jahr 2013 hinein unbegrenzt Dollar zur Verfügung zu stellen.

Die Banken außerhalb der USA sind also nicht mehr darauf angewiesen, mit den amerikanischen Banken ins Geschäft zu kommen, sie können nun ihre nationalen Notenbanken für Dollars anzapfen. Hierzu holt sich etwa die EZB Dollar von der US-Notenbank und verleiht sie an Banken des Euro-Systems weiter. Gesenkt wurden außerdem die Bewertungsabschläge, denen die als Sicherheit hinterlegten Wertpapiere unterliegen. Sie betragen nur noch 12 Prozent (zuvor: 20 Prozent) des Nennwerts des Papiers.

Kurzfristig hilfreich

Begehrte Devise
Begehrte Devise(Foto: dpa)

Bislang hatte vor allem die EZB von den Dollartauschgeschäften mit der US-Notenbank Gebrauch gemacht. Ende November hatte die EZB sich 2,3 Mrd. Dollar von der Fed geliehen, um sie an Banken im Euroraum zu verleihen – angesichts der Not der Banken eine verschwindend geringe Summe. Bisher griffen Banken nur im äußersten Notfall auf die Zentralbanken zurück, sie fürchteten, eine Rufschädigung in dem Sinne, dass die anderen Banken dem betreffenden Institut nichts mehr leihen würden. Nun ist der Zins so günstig, dass jede Bank zugreifen kann, ohne dass von einer Notsituation ausgegangen wird.

Die Rechnung der Notenbanken ging auf, die Risikoaufschläge sanken wie gewünscht und die Märkte jubelten. "Der Dollar-Markt war dabei auszutrocknen", erklärt Analyst Richard Batty von Standard Life Investment. "Da ist es natürlich hilfreich, wenn diese Geschäfte billiger werden und insgesamt mehr Liquidität zur Verfügung steht." Es zeige, dass alle Beteiligten den Ernst der Lage erkannt haben, erklärte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. Für kurzfristige Anleger sind das sehr gute Nachrichten, hieß es weiter.

Und in der Tat verpuffte der Effekt sehr schnell – wie bei einem Schmerzpatienten, dem eine Spritze nur vorübergehend Erleichterung bringt, drängten sich an den Märkten die ungelösten Probleme wieder in den Vordergrund, Dax & Co notierten am Tag danach leicht im Minus. Die Zentralbanken wollten Druck vom Bankensystem nehmen, erklärte Pimco-Chef Mohamed El-Erian. Die Institute verspürten den Drang einzugreifen, weil andere Akteure zu langsam und ineffektiv seien.

Doch die Notenbanken werden die Schuldenkrise nicht lösen können – sie können der Politik nur etwas Zeit verschaffen und einige Brandstellen löschen. Die gute Nachricht ist jedoch: Die Aktion hat gezeigt, dass Amerikaner, Europäer, Japaner und Chinesen schnell und koordiniert handeln können, wenn es darauf ankommt. Jetzt müssen nur noch die Politiker dem Beispiel der Notenbanker folgen.

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Quelle: n-tv.de

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