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Vorteile der Einspeisevergütung nach dem EEG kamen bislang nur Dach-Eigentümern zu gute: Diese "Gerechtigkeitslücke" könnte sich durch das Hellersdorfer Modell bald schließen.
Vorteile der Einspeisevergütung nach dem EEG kamen bislang nur Dach-Eigentümern zu gute: Diese "Gerechtigkeitslücke" könnte sich durch das Hellersdorfer Modell bald schließen.(Foto: picture alliance / dpa)

Energiewende im Mietwohnungsmarkt?: Hellersdorf bezieht Strom vom Dach

Wenn im Osten der deutschen Hauptstadt die Sonne aufgeht, wirkt sich das künftig auch positiv auf die Stromrechnung zahlreicher Mieter im Bezirk Hellersdorf aus. Eine Firma aus Bayern nimmt dort die bislang größte Hausdach-Anlage für Solarstrom in Betrieb.

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Sonnenstrom aus lokaler Produktion - das gibt es in Berlin bald für zahlreiche Mieter. Am Wochenende begann in Berlin die Stromlieferung aus einem Solarkraftwerk, bei dem es sich nach Unternehmensangaben um die derzeit größte auf Wohngebäuden installierte Dachflächenanlage Deutschlands handelt. Der kombinierte Solarpark erstreckt sich im Bezirk Hellersdorf über die Dächer von insgesamt 50 Wohnblöcken des Immobilienunternehmens Stadt und Land.

Der Strom soll direkt in die Wohnungen darunter fließen: Die Mieter können über den Stromversorger Lichtblick einen speziellen, vergleichsweise günstigen Tarif nutzen, der den lokal erzeugten Solarstrom mit anderem Ökostrom kombiniert.

Entwickelt hat dieses Konzept die Rosenheimer Firma pv-b, die sich auf den Bau und den Betrieb von Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächern spezialisiert hat. An dem neuen Ostberliner Standort treten die Bayern als Betreiber der Anlage und Pächter der Dachflächen auf.

Strom für 10.000 Kühlschränke

Zusammen mit dem Immobilienunternehmen Stadt und Land betritt pv-b damit im Osten der deutschen Hauptstadt Neuland: Bislang waren Solaranlagen auf Wohngebäuden vor allem ein Fall für Eigenheimbesitzer. Inzwischen interessieren sich aber auch verstärkt Eigentümer von Mietshäusern dafür. Solaranlagen auf den Dächern von Lager- oder Produktionshallen sind in Deutschland längst etabliert.

Am Standort Hellersdorf glitzern nun bei schönem Wetter rund 8000 nagelneue Solar-Elemente in der Sonne, verteilt auf einer Fläche in der Größe von sechs Fußballfeldern. Die Nennleistung der Anlage reicht laut pv-b aus, um ein Jahr lang 10.400 Kühlschränke zu betreiben.

Aufwertung zur Öko-Siedlung

Die Wohnungswirtschaft habe die Versorgung der Mieter mit Solarstrom als neuen Trend entdeckt, stellte der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) fest. Ähnlich wie im Fall des Berliner Modells ist beispielsweise auch der Lichtblick-Konkurrent Naturstrom am Betrieb mehrerer Sonnenstromanlagen auf Mehrfamilienhäusern bei Heidelberg beteiligt.

Auslöser dieser Entwicklung sind nach Ansicht des BSW insbesondere die gesunkenen Kosten: "Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat die Photovoltaik zu einer der preiswertesten Stromerzeugungsformen gemacht, so dass auch Mieter vom günstigen Solarstrom profitieren können", sagt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Lichtblick berichtet von großem Interesse an Modellen wie dem in Hellersdorf und will noch in diesem Jahr ähnliche Projekte anschieben.

Mieterbund einverstanden

Der Mieterbund sieht die Entwicklung grundsätzlich positiv. Bisher hätten von der Energiewende vor allem Hauseigentümer profitiert, während Mieter über die EEG-Umlage im Strompreis für die Ökostrom-Förderung zahlten, erklärte Mieterbund-Geschäftsführer Ulrich Ropertz. Diese "Gerechtigkeitslücke" könnten Projekte wie das in Hellersdorf schließen.

Die Mieter sind aber keinesfalls verpflichtet, den vom Hauseigentümer erzeugten und angebotenen Strom zu kaufen. Entscheidend sei immer, dass sie die Preise verglichen, betont Ropertz: "Daran bemisst sich alles." Offen blieb zunächst allerdings, ob Vermieter die Attraktivitätssteigerung durch eine Hausdachanlage nicht vielleicht doch auch als Argument für eine spätere Mieterhöhung nutzen könnten.

Abgesehen davon winken Mietern zunächst kalkulierbare Vorteile: In Berlin-Hellersdorf unterbietet der Spezialtarif mit dem Strom vom Dach laut Stadt-und-Land-Sprecher Frank Hadamczik die örtliche Konkurrenz um etwa 2 bis 3 Cent pro Kilowattstunde. In dem Tarif steckt laut Lichtblick etwa ein Drittel bis die Hälfte Strom vom Hausdach, der Rest sei Ökostrom aus anderen Quellen. Weil Solaranlagen nicht 24 Stunden am Tag Strom liefern und auf dem Dach keine Speicher installiert sind, ist eine Versorgung allein mit dem Sonnenstrom nicht möglich.

Vorteile in der Stromrechnung

Zunächst können laut Lichtblick rund 1000 Mieter den speziellen Stromtarif beziehen. Jedem Einzelnen werde ein persönliches Gespräch angeboten, in dem etwa Fragen nach der Zuverlässigkeit der Stromlieferung beantwortet würden.

Mit den ersten Rückmeldungen ist Lichtblick "sehr zufrieden", heißt es. Etwa 200 Haushalte hätten sich bisher für den neuen Stromtarif entschieden. Viele andere stünden dem Projekt offen gegenüber, wollten aber noch abwarten, sagte Unternehmenssprecher Ralph Kampwirth.

Stadt und Land sieht die Hellersdorfer Anlage ebenfalls als eine Art Modellprojekt. Das Immobilienunternehmen will sich sehr aufmerksam anschauen, wie die Mieter das Konzept annehmen. Die Eigentümergesellschaft geht davon aus, dass das Sparpotenzial und die Möglichkeit, lokal produzierten Ökostrom zu beziehen, die Wohnanlage insgesamt für Mieter attraktiver machen.

Im Herbst wollen die drei Kooperationspartner eine erste Bilanz ziehen, wie Stadt-und-Land-Sprecher Hadamczik ankündigte. Läuft es gut, könne das Projekt auf andere Wohngebäude erweitert werden. "An Dachfläche jedenfalls mangelt es nicht."

Quelle: n-tv.de

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