Wirtschaft
Japans Wirtschaft schrumpft überraschend.
Japans Wirtschaft schrumpft überraschend.(Foto: AP)

Neuwahlen wahrscheinlich: Japan erleidet einen BIP-Schock

Negative Überraschung in Japan: Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt fällt zurück in die Rezession. Die Politik des billigen Geldes von Ministerpräsident Abe steht auf dem Prüfstand. Im kommenden Monat könnte es Neuwahlen geben.

Die japanische Wirtschaftsleistung ist im dritten Quartal völlig unerwartet gesunken, womit eine Verschiebung der zweiten Stufe der Mehrwertsteuererhöhung und Neuwahlen noch im Dezember sehr wahrscheinlich werden. Mit dem zweiten Quartalsrückgang nacheinander, der das Land in eine technische Rezession stürzt, wird auch die Politik von Ministerpräsident Shinzo Abe infrage gestellt. Er war 2012 angetreten, mit seinen Abenomics das Wachstum in der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft nach zwei Jahrzehnten der Flaute wieder in Schwung zu bringen.

Ministerpräsident Shinzo Abe hat ein Problem.
Ministerpräsident Shinzo Abe hat ein Problem.(Foto: REUTERS)

Doch die Zahlen zeigen eine andere Richtung: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen Juli und September auf das Jahr hochgerechnet um 1,6 Prozent geschrumpft. Von den befragten Volkswirten hatte keiner einen Einbruch erwartet, im Mittel waren sie von einem Zuwachs von 2,25 Prozent ausgegangen.

Bereits im zweiten Quartal war die Wirtschaftsleistung um 7,3 Prozent eingebrochen, was vor allem auf die seit 1. April geltende höhere Umsatzsteuer von 8 statt 5 Prozent zurückgeführt wurde. Im Quartalsvergleich sank das BIP im dritten Vierteljahr um 0,4 Prozent, hier hatten Ökonomen einen Zuwachs von 0,5 Prozent prognostiziert.
Abe dürfte nun im Wochenverlauf ankündigen, dass er die für Oktober 2015 geplante Anhebung der Mehrwertsteuer auf 10 Prozent voraussichtlich um 18 Monate verschieben und Parlamentswahlen für Dezember ausrufen wird. Bereits in der vergangenen Woche waren entsprechende Pläne aus dem Umfeld von Abe angedeutet worden. Japanische Medien schreiben nun, dass die offizielle Mitteilung am Dienstag kommen dürfte und als Wahltermin der 14. Dezember vorgesehen sei.

Berater von Abe sagen, dass der Ministerpräsident durch den Steueraufschub und die Ende Oktober getroffene Entscheidung der Bank of Japan, weitere Billionen Yen in die Wirtschaft zu pumpen, seine mit den Abenomics verknüpften Wachstumsziele doch noch erreichen kann.

Doch mit den frischen Quartalsdaten wird deutlich, wie groß diese Herausforderung ist, Japan nach zwei Dekaden der Flaute auf einen neuen Wachstumspfad zu führen. Nach zwei BIP-Rückgängen ist das Land jetzt in eine sogenannte technische Rezession abgerutscht.
Diese Entwicklung wird die Oppositionsparteien in ihrer Einschätzung stärken, dass "die Abenomics gescheitert sind", sagt Yuichi Kodama, Chefvolkswirt von Meiji Yasuda Life Insurance Co. Der Nikkei-Index der japanischen Börse, der nach der weiteren geldpolitischen Lockerung Ende Oktober auf ein Siebenjahreshoch geklettert war, schloss am Montag aktuell rund 2,7 Prozent niedriger.

Opposition äußerst zersplittert

Mit der ersten Anhebung der Mehrwertsteuer zum 1. April waren die Verbraucherausgaben eingebrochen und die Wirtschaft insgesamt gedämpft worden, was auch im dritten Quartal weiter spürbar wurde. Besonders deutlich wurde dies bei den Ausgaben für private Wohnimmobilien, die zwischen Juli und September um annualisiert 24 Prozent absackten.

Ob Neuwahlen tatsächlich zu einer anderen Regierung führen werden, ist indes sehr fraglich. Abes Liberaldemokratische Partei (LDP) hat derzeit eine starke Mehrheit im Unterhaus und dürfte weiter stärkste Kraft bleiben, da die Opposition schwach und äußerst zersplittert ist.
Allerdings verzeichnete die LDP am Sonntag bei Gouverneurswahlen zum zweiten Mal in wenigen Monaten eine herbe Schlappe. Auf Okinawa gewann ein erklärter Gegner der US-japanischen Pläne zum Bau einer neuen amerikanischen Militärbasis in der Präfektur die Wahl.

Nachdem ein hochrangiger Vertreter der Regierung vergangene Woche für die Parlamentswahlen nur geringe Stimmverluste und weiter eine spürbare Mehrheit für die Politik von Abe prognostiziert hatte, dürften die BIP-Daten die Opposition jetzt gestärkt haben. Kabinettsmitglieder bemühten sich die aktuelle Kritik herunterzuspielen. "Die Abenomics sind nicht gescheitert", sagte Wirtschaftsminister Akira Amari. "Was wir jetzt tun müssen, ist den Verbrauchern wieder neues Zutrauen zu geben, dass sich ihr Leben verbessern wird."

Wird die Notenbank wieder aktiv?

Abe könnte sich jetzt dazu entscheiden, noch mehr für die Ankurbelung der Wirtschaft zu tun, wozu Volkswirte die Option zählen, ein neues Ausgabenprogramm bereits Anfang kommenden Jahres auf den Weg zu bringen. Allerdings würde dies die angespannten Staatsfinanzen weiter belasten. Japan schleppt eine Verschuldung mit sich, die in etwa dem Zweifachen der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

Auch die Bank of Japan könnte sich gezwungen sehen, weitere Lockerungen zu beschließen. Sollte das Wachstum im letzten Quartal des Jahres lediglich im Bereich von 1 Prozent liegen, könnte sie bis Ende März 2015 ein weiteres Mal aktiv werden, sagt Takeshi Minami, Chefvolkswirt beim Norinchukin Research Institute.

Noch ist vielen Volkswirten der Optimismus nicht vollständig abhanden gekommen. Sie erwarten eine Belebung in den kommenden Monaten. Denn das Tal dürfte im dritten Quartal erreicht worden sein, als viele Unternehmen ihre Lagerbestände abgebaut haben. Dies hatte das BIP um 0,6 Prozentpunkte gedrückt. Auch die Binnennachfrage lieferte mit 0,5 Prozentpunkten einen negativen BIP-Beitrag.
"Wir erwarten, dass sich die Wirtschaft schrittweise erholt", so Tomo Kinoshita, Volkswirt bei Nomura Securities. "Es gibt keinen Grund für Pessimismus über die Fortschritte in der Wirtschaftsentwicklung."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen