Wirtschaft
Mundt lässt seit längerem die Machtverhältnisse zwischen Handelskonzernen und Lieferanten unter die Lupe nehmen.
Mundt lässt seit längerem die Machtverhältnisse zwischen Handelskonzernen und Lieferanten unter die Lupe nehmen.(Foto: dpa)

Konzentration im Lebensmittelhandel: Kartellamt-Chef Mundt ist in "großer Sorge"

Das Bundeskartellamt ist in großer Sorge über die fortschreitende Konzentration im Einzelhandel mit Lebensmitteln. Das macht der Präsident der Behörde, Andreas Mundt, deutlich. Das Kartellamt könne gemäß den gesetzlichen Vorgaben zwar nicht jeden Zukauf untersagen. Größere Übernahmen durch die Marktriesen wären aus Sicht von Mundt aber problematisch.

Aldi hat Anfang Mai den Milchpreis angehoben. Schlagartig sind andere große Lebensmittelhändler diesem Schritt gefolgt. Beunruhigt sie das?

Gerade bei Preiseinstiegsprodukten fungieren einzelne Discounter als Preissetzer. Wenn einer die Preise anhebt, dann sagen sich alle anderen, das kann ich auch. Aber diese Form des gegenseitigen Beobachtens und Nachahmens ist für sich genommen nicht verboten. Wichtig ist, dass die Preise im Wettbewerb zustande kommen und nicht durch Absprachen.

Kann das Kartellamt stark steigende Preise nicht verhindern?

Wir sind nicht dafür da, auf Knopfdruck die Preise zu senken. Unsere Aufgabe ist es, den Wettbewerb zu schützen. Unter wettbewerblichen Marktbedingungen können die Preise zwar auch nach oben gehen, aber eben nur so weit, wie sie es wirklich müssen, zum Beispiel aufgrund von höheren Rohstoffpreisen oder Knappheitssignalen des Marktes oder steigender Nachfrage.

Die Weltmarktpreise schwanken ständig. Tradition im Handel haben Jahresgespräche. Die Unternehmen verhandeln zu festen Stichtagen mit den Lieferanten über längerfristige Kontrakte. Bleibt das so?

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes.
Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes.(Foto: dpa)

Das kann sich ändern. In der Stahlbranche war es so, dass die Preise einmal im Jahr festgesetzt wurden. Heute werden für Stahl vierteljährig Verhandlungen geführt. Aber auch bei einem Teil der Lebensmittel haben sich die Zeiten geändert. So beklagen sich Molkereien, dass sie sich inzwischen fast in einem fortlaufenden Verhandlungsprozess mit den Handelsunternehmen befinden.

Ist das Bild richtig, das mächtige Handelsriesen in solchen Verhandlungsrunden vielen kleinen Lieferanten gegenüberstehen?

Das stimmt teilweise. Wir haben vier Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel mit 85 Prozent Marktanteil. Den Markenherstellern stehen im Grunde genommen vor allem zwei große Nachfrager, nämlich die Edeka und die Rewe, die zusammengenommen etwa 50 bis 60 Prozent Marktanteil besitzen, gegenüber. Auf Herstellerseite ist das Bild sehr heterogen. Unter den etwa 6000 Herstellern in Deutschland gibt es natürlich auch sehr große Unternehmen und sogenannte Must-haves.

Es gibt aber große Händler, die sich nicht als Riesen im Zwergenland sehen, weil es bei bestimmten Produkten nur wenige Lieferanten gibt ...

Es gibt zum Teil wechselseitige Abhängigkeiten. Edeka ohne Nutella ist nicht vorstellbar. Und der Nutella-Hersteller Ferrero kann sich wahrscheinlich auch schwer vorstellen, nicht bei Edeka zu verkaufen. Bei einem kleinen Wursthersteller hingegen kann sich der eine oder andere Handelsriese aber wohl schon vorstellen, ohne dessen Wurst oder Schinken auszukommen. Das ist wahrscheinlich eine andere Handelsbeziehung. Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Potenziale für Machtausübung gibt es aber in verschiedenen Verhandlungssituationen.

Sie nehmen die Verhandlungsmacht des Handels in einer sogenannten Sektoruntersuchung unter die Lupe. Womit muss die Branche rechnen?

Was herauskommt, das wissen wir noch nicht. Ich denke, wir werden Anfang nächsten Jahres erste Ergebnisse haben. Zu sehen, wie funktionieren die Preismechanismen, wann können Hersteller etwas durchsetzen, wann nicht, das ist hochinteressant. Wir wollen den Markt besser verstehen und eine bessere Grundlage für unsere Verfahren schaffen. Das wird auch international mit großem Interesse zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig gibt es eine intensive politische Diskussion über das Thema Nachfragemacht des Handels. Das europäische Parlament denkt sogar über Regulierungsmaßnahmen nach. Zu unfairen Handelspraktiken gibt es eine EU-Arbeitsgruppe.

Wirkt die Sektoruntersuchung allein schon durch das Untersuchen?

Das Gute daran ist immer, dass die Aufmerksamkeit automatisch auf Wettbewerbsthemen gelenkt wird. Das allein beugt vielleicht schon manchen wettbewerbsfeindlichen Verhaltensweisen vor. Es gibt kaum eine Sektoruntersuchung, die nicht irgendwelche Folgen hatte. Die Sektoruntersuchung Kraftstoffe zum Beispiel mündete in den Aufbau der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe.

Aber die Lebensmittelpreise gelten doch als besonders hart umkämpft …

Im Fokus der Berichterstattung stehen immer wieder nur wenige Produkte. Wir dürfen nicht nur den Preiseinstiegsbereich bei Milch, Butter und ähnlichen Produkten betrachten, sondern müssen das ganze Sortiment sehen. Der durchschnittliche Verbraucher hat rund 15 Preise im Kopf. Was kostet beispielsweise eine Flasche Olivenöl? Die meisten werden das nicht wissen. Sind das zwei, drei oder sechs Euro? Die Preissetzungsspielräume sind je nach Produkt jedenfalls sehr unterschiedlich.

Sie sprechen von einem hochkonzentrierten Lebensmittelhandel. Rewe darf trotzdem die Supermarktkette Wasgau mehrheitlich übernehmen ...

Richtig ist, dass wir die fortschreitende Konzentration in der Branche mit großer Sorge betrachten. Aber richtig ist aber auch, dass wir gesetzliche Vorgaben für die Untersagung einer Fusion haben, an die wir gebunden sind. Wenn es absatzseitig, also im Verhältnis der Händler zu uns Verbrauchern, in den einzelnen Regionalmärkten keine Probleme gibt, dann ist das so. Und auch auf der Nachfrageseite, also im Verhältnis zu den Lieferanten, war es kein geeigneter Untersagungsfall. Andere Übernahmen oder Kooperationen wären da schon schwieriger. Und auch der Fall Wasgau ist ja noch nicht in toto ausgestanden. Die Tatsache, dass jetzt Rewe und Edeka über Wasgau miteinander verbandelt sind, werden wir uns schon noch mal genau anschauen.

Dass die Supermarktkette Tegut von Migros Zürich aus der Schweiz und nicht von einem deutschen Handelsriesen übernommen wurde, freut Sie?

Dass in einem so hochkonzentrierten Markt ein neuer Wettbewerber, der möglicherweise auch noch weiter expandiert, frischen Wind reinbringt, ist sicherlich kein Fehler und tut dem Markt gut.

Mit Andreas Mundt sprach Volker Danisch, dpa.

Quelle: n-tv.de

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