Wirtschaft
Club-Besitzer Rinat Achmetow wird von den Schachtjor-Spielern nach dem Gewinn der Meisterschaft 2011 gefeiert.
Club-Besitzer Rinat Achmetow wird von den Schachtjor-Spielern nach dem Gewinn der Meisterschaft 2011 gefeiert.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Milliardäre sollen helfen: Kiew ruft die Oligarchen

Von Jan Gänger

Angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten setzt die neue Regierung der Ukraine auf die Oligarchen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, doch ihr bleibt nichts anderes übrig. Denn auf die Hilfe der Milliardäre kann sie nicht verzichten.

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Auf der Krim patrouillieren russische Soldaten, der Ukraine droht die Staatspleite. Die neue Regierung in Kiew steht vor großen Problemen und braucht deshalb dringend Verbündete. Also bittet sie die mächtigsten Ukrainer um Hilfe: die Oligarchen. Und die lassen sich das nicht zweimal sagen.

In der Ukraine sind Politik und Wirtschaft seit vielen Jahren eng miteinander verflochten. Vetternwirtschaft und Korruption haben maßgeblich dafür gesorgt, dass das Land herabgewirtschaftet ist.

Der Aufstieg der Oligarchen begann Anfang der 90er Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Wie in Russland waren sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Während der Phase wilder Privatisierungen eigneten sie sich einen Großteil des Staatsbesitzes an - und wurden ungeheuer reich und mächtig.

Egal, wer gerade an der Regierung war, das Verhältnis zu den Oligarchen war immer überaus eng. Oder wie es das Auswärtige Amt diplomatisch ausdrückt: Sie spielen eine maßgebliche Rolle in einer von wirtschaftlichen Einzelinteressen geleiteten Politik. Selbstverständlich hatten sie auch zum gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch ein gutes Verhältnis. Denn ihre Devise lautet: Hauptsache, die Geschäfte laufen gut.

Schätzungen zufolge kontrollieren die 50 reichsten Ukrainer knapp die Hälfte der Wirtschaft. Doch das könnte sich wegen der schweren Krise ändern. Um das zu verhindern, arrangieren sie sich mit der neuen Regierung. Ihr Ziel: den Zusammenbruch des Landes verhindern - und ihr Vermögen zu retten.

Warnung vor einem Bürgerkrieg

Zu den stärksten Stützen der neuen Regierung zählt Sergej Taruta, der vom Interimspräsidenten Alexander Turtschinow zum Gouverneur der Region Donezk im Osten des Landes ernannt wurde. Der Stahlmagnat soll offenbar unter anderem verhindern, dass sich die in seinem Konzern beschäftigten Arbeiter den pro-russischen Protesten anschließen. "Liebe Landsleute. Ich wende mich an Sie als Vorsitzender des Industrieverbands des Donezbeckens und als russischsprachiger Bürger mit ukrainischem Blut", teilte er mit. "Ich rufe diejenigen auf, denen die Ukraine und ihre Zukunft wichtig sind, ihre Kräfte zu vereinigen, um die territoriale Integrität unserer Nation zu bewahren. Ich hoffe, dass alle verstehen, dass Russlands Entscheidung zu einer Teilung des Landes führen kann - und zu einem langen Bürgerkrieg mit vielen Opfern."

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Igor Kolomoiski, viertreichster Ukrainer mit einem Vermögen von etwa 6,5 Milliarden Dollar, wurde Gouverneur von Dnepropetrowsk. "Ich habe zugestimmt, weil das Vaterland in Gefahr ist", sagte er der "Financial Times". Kolomoiski ist wie Taruta unter anderem im Stahlgeschäft tätig. Gemeinsam mit Gennadiy Bogolyubow kontrolliert er außerdem die größte Bank des Landes. Kolomoiski ist ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde. Das ist deshalb wichtig, weil die russische Führung die Gegner von Janukowitsch immer wieder als Rechtsradikale und Antisemiten bezeichnet. Diese Behauptung soll die Ernennung Kolomoiskis offenbar entkräften.

Zudem gilt der Geschäftsmann als Alliierter von Julia Timoschenko. Sie wird in der Ukraine: "Gasprinzessin" genannt und steht exemplarisch für die Verflechtung von Politik und Wirtschaft. Die jetzige Oppositionspolitikerin hat wie die Oligarchen nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Vermögen angehäuft. Nach der Gründung eines kleineren Erdöl-Unternehmens übernahm sie die Leitung des zeitweise größten Erdgaskonzerns der früheren Sowjetrepublik, EESU. Danach ging sie in die Politik.

Achmetow wendet sich von Janukowitsch ab

Doch der wichtigste Mann für die neue Regierung ist zweifellos einer der bisher engsten Verbündeten von Janukowitsch. Sein Name ist Rinat Achmetow, und er ist mit einem Vermögen von 11 Milliarden Dollar der reichste Mann der Ukraine. Der entmachtete Präsident wurde vor allem von dem 47 Jahre alten "Kohlebaron" gefördert. Achmetow stammt wie Janukowitsch aus dem ostukrainischen Donezk, wo er den Fußballverein Schachtjor mit Millionenspritzen in die Champions League hievte. Achmetow kontrolliert durch sein Konglomerat etwa die Hälfte der Stahlproduktion, der Kohleförderung und der Stromerzeugung der Ukraine. Den Großteil seines Stahls verkauft er nach Russland.

Allerdings spricht auch er sich für die Einheit des Landes aus. "Die Anwendung von Gewalt und Gesetzlosigkeit von außen sind inakzeptabel", so Achmetow. Sein Konglomerat "mit 300.000 Beschäftigten, das die Ukraine von Westen nach Osten und von Norden nach Süden repräsentiert", werde alles dafür tun, die Integrität des Landes aufrechtzuerhalten.

Unterstützung kommt auch von Viktor Pintschuk. Der Schwiegersohn von Ex-Präsident Leonid Kutschma, gilt als Befürworter einer EU-Integration. Sein im Stahlbusiness gemachtes Vermögen wird auf knapp 3 Milliarden Dollar geschätzt. Seine Fernsehsender berichteten wohlwollend über die Proteste - und das obwohl der russische Gasmonopolist Gasprom einer seiner wichtigsten Kunden ist.

Ob die Oligarchen auch dazu beitragen, die Ukraine vor der Pleite zu bewahren? Sie hoffen wohl eher darauf, dass Europäische Union, die USA und der Internationale Währungsfonds Hilfe leisten. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski fordert, das Vermögen der reichsten Ukrainer zur Rettung heranzuziehen. "So wie das ukrainische Parlament bereits die hässliche Janukowitsch-Villa verstaatlicht hat, so sollte es auch mit den anderen Vermögenswerten der Oligarchen umgehen, die das Land regiert und ausgeraubt haben."

Das werden die Oligarchen wohl verhindern wollen.

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Quelle: n-tv.de

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