Wirtschaft
Nikos Kotzias: Athens Lautsprecher.
Nikos Kotzias: Athens Lautsprecher.(Foto: REUTERS)

Zahlungen bekräftigt: Kotzias: Deutsche haben Milliarden verdient

Von Udo Gümpel, Rom

Außenminister Kotzias ist in Griechenlands Regierung der Mann für die lauten Töne. Nun legt er nach. Zwar soll sich das Verhältnis zwischen Berlin und Athen wieder verbessern. Doch Deutschland möge bitte so einiges nicht vergessen.

Viele Trümpfe hat Griechenland nicht in der Hand, um die Troika zum Einlenken zu bringen. Athens Außenminister Nikos Kotzias versucht im Interview mit der italienischen "Huffington Post", die letzten zu ziehen. Der vorletzte Trumpf ist der Besuch von Regierungschef Alexis Tsipras in Moskau kommende Woche. Den Verdacht, Athen könne von Linie der Sanktionen des Westens gegen Moskau zumindest leicht abweichen, bestätigt Kotzias ganz direkt.

Die Sanktionen müssen einstimmig beschlossen werden, also auch die nächste Verlängerung, sagt er. Athen hat also ein Veto. Kotzias fragt: Warum dürfe Tsipras nicht nach Moskau fahren, wenn doch Bundeskanzlerin Angela Frau Merkel auch nach Peking fahre? "Die Wirtschaftsanktionen gegen Russland sind ein Weg der nirgendwohin führt", hatte Regierungschef Tsipras erst jüngst erklärt. Und sein Außenminister Nikos Kotzias bekräftigt dies nun: "Wir denken, dass man Sanktionen nicht nutzen darf, um einen Gesprächspartner zu vernichten, um bei ihm zu Hause Instabilität zu erzeugen, weil so etwas kann auch ins Chaos führen."

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Das wird Russlands Präsident Wladimir Putin gerne hören. Schließlich verbindet beide Länder eine gemeinsame Religion und viele Jahrhunderte der engsten Beziehungen. Nach Moskau reise man, weil es wichtig sei, für griechische Waren mehr Märkte zu erschließen: "Bisher kaufen wir achtmal mehr in Russland ein als wir dorthin exportieren." Zwischen den Zeilen zu lesen: Tsipras hofft darauf, dass Putin griechische Waren vom Gegenboykott ausnimmt. Dass Putin zwischen den Bösen und Guten in Europa unterscheide.

"Wir sind keine Zwischenlösung"

Dann warnt Kotzias Europa vor der Illusion, die Syriza-Regierung könne bald wieder vorbei sei: "Wir sind keine Zwischenlösung, wir bleiben: Europa sollte sich daran gewöhnen dass es auch andere Politik und andere Überzeugungen gibt."

In der Presse sei fälschlich wiedergegeben worden, was er zur Frage der Flüchtlinge in Griechenland gesagt habe. Athen wolle Europa nicht mit Millionen Flüchtlingen überschwemmen. In Wahrheit habe er gesagt, dass "der Prozess der Destabilisierung der im Gange sei, Millionen von Migranten in Bewegung setzen könnte". In Italien sagt man dazu: Wenn es nicht nasses Brot ist, dann ist es eben eine Brotsuppe.

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Ein offizielles Dementi, dem Inhalte nach aber eher eine Bestätigung: Athen beantwortet Druck mit Gegendruck. Moskau, eine mögliche Flüchtlingsschwemme, die dann, so unterstreicht es der Außenminister, Schuld der europäischen "Destabilisierungspolitik" sei.

Auf die Frage nach der drohenden Zahlungsunfähigkeit sagt Kotzias sybillinisch: "Ich glaube nicht, dass jemand die rechtlichen Regeln verletzen will, die für Griechenland positiv sind, und jemand einen kreativen und positiven Kompromiss verhindern möchte, den wir anstreben." Kotzias garantiert die grundsätzliche Bereitschaft Athens, die Schuldentitel zum Zeitpunkt ihrer Fälligkeit zu bedienen, umschreibt dies aber in durchaus doppeldeutigen Worten: "Wir zahlen das, wozu wir verpflichtet sind, zum Zeitpunkt der Fälligkeit. Aber es muss sich auch die Politik unserem Land und seiner Wirtschaft gegenüber ändern."

"Das ist doch völlig absurd"

Klipp und klar ist der Außenminister nur bei der Ablehnung der bisherigen Politik der Troika: "Es gibt Leute, die von uns verlangen, dass wir mit einer ruinösen Politik weiter machen. Dass ist als ob man einen Patienten zum Arzt bringt, der euch dazu zwingen will Gift zu spritzen, und weil ihr euch weigert, wirft man euch vor, dass ihr den Arzt nicht bezahlt habt. Das ist doch völlig absurd", sagt er.

Richtig zur Sache geht der Außenminister Griechenlands aber gegenüber Deutschland. Zwar beginnt er freundlich: "Wir müssen das Klima in der öffentlichen Meinung der beiden Länder verbessern", sagt Kotzias. Doch nun holt er aus. "Die Deutschen müssen verstehen, dass wir weder Diebe noch Betrüger sind. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass Deutschland uns keinen einzigen Eurocent gegeben hat", sagt er.

"Sie haben nur Garantien gegeben, die Deutschen haben hingegen 80 Milliarden Euro verdient. Ich beziehe mich dabei auf die 7 bis 8 Milliarden Euro im deutschen Haushalt, die sich durch die Verringerung des Zinssatzes der deutschen Schuldtitel ergeben und gleichermaßen aus der Verringerung der Zinsen, die die großen Unternehmen für Kredite bezahlen müssen, die von acht bis fünf Prozent auf ein bis eineinhalb Prozent gesunken sind."

"Wir sind keine Verschwender"

Und es geht noch weiter: "Ich beziehe mich auf die Gewinne, die die EZB an Deutschland ausgeschüttet hat, die vom Ankauf griechischer Schuldtitel stammen, die zu sehr günstigen Preisen auf dem Zweitmarkt erworben worden waren. Und dann ist da noch der Gewinn zu berücksichtigen, den die 200.000 griechischen Wissenschaftler darstellen, die ins Ausland gegangen sind, darunter 12.000 Ärzte, deren Studium vom griechischen Staate bezahlt worden ist, wie vieles Andere. Die Deutschen müssen begreifen dass das griechische Volk nicht aus Verschwendern oder Nichtstuern besteht. Das müssen die Deutschen begreifen, auch wie viel sie bisher Gewinn gemacht haben. So wie wir Griechen vermeiden sollten, unsere Kritik an der deutschen Politik, die für uns schädlich ist, auf die Deutschen im Allgemeinen zu übertragen.  Sie sind ein sehr fleißiges Volk mit einer großen Kultur mit dem wir freundschaftliche Beziehungen entwickeln möchten."

Das freundliche Schlusswort des griechischen Außenministers wird die Kritik an seinen Worten von den Deutschen, die sich an der Krise Griechenland bereichert haben, kaum verstummen lassen: Auch wenn es ohne Zweifel richtig ist, dass griechische Akademiker, die ihre Heimat verlassen, dem Einwanderungsland einen dauerhaften Zugewinn verschaffen. Kotzias vergisst dabei nur, dass es die Politik der griechischen Regierungen, seiner nun eingeschlossen, war und ist, welche die Griechen geradezu in die Emigration getrieben hat und treibt.

Quelle: n-tv.de

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