Wirtschaft
EZB-Chef Mario Draghi.
EZB-Chef Mario Draghi.(Foto: REUTERS)

Was macht die EZB?: Mario Draghi steckt in der Zwickmühle

Senkt die Europäische Zentralbank die Zinsen noch weiter, oder halten die Notenbanker doch lieber die Füße still? Kommende Woche trifft sich der EZB-Rat um Zentralbankchef Mario Draghi. Die Runde steht vor einer außerordentlich schweren Aufgabe.

An Europas Börsen gibt es derzeit vor allem ein Thema, die Europäische Zentralbank (EZB). Investoren, Händler und Analysten rätseln: Wird die EZB den rekordtiefen Zins noch weiter senken? Chef-Zentralbanker Mario Draghi hatte sich nach dem Treffen der Währungshüter Anfang Februar alle Möglichkeiten offengehalten und betont, die EZB habe noch zahlreiche Pfeile im Köcher.

Börsianer klopfen seither alle Konjunkturdaten auf Indizien für das weitere Vorgehen der Notenbank ab. "Es kommt darauf an, wie die EZB die guten Stimmungsindikatoren und die überraschend schwachen Inflationsdaten gegeneinander abwägt", drückt es die Commerzbank aus.

Am kommenden Donnerstag wird sich der EZB-Rat entscheiden. Beobachter halten vier Szenarien für denkbar.

Die EZB senkt den Leitzins

Kappt die EZB ihren Schlüsselzins erneut um einen Viertelpunkt auf dann null Prozent, würde sie Geschäftsbanken demnächst kostenlos Geld leihen. Das eigene Inflationsziel könnte Draghi zu einem solchen historischen Schritt drängen. Denn die EZB spricht bei einer Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen. Werte darunter bergen tendenziell das Risiko einer Deflation, also einer für die Konjunktur gefährlichen Spirale aus fallenden Preisen und Investitionen.

Wegen der schwachen Preisentwicklung in vielen Euro-Ländern rechnet die EZB in diesem Jahr ohnehin nur mit einer Inflationsrate von 1,3 Prozent. "Wir lagen jetzt schon an zwei aufeinanderfolgenden Monaten deutlich unter diesem Wert", sagt Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Schon die 1,3 Prozent seien ein sportliches Ziel. Ohne zusätzliche Maßnahmen - etwa eine Zinssenkung - sei dies wohl nicht erreichbar. Im Januar lag die Inflationsrate im Euroraum bei lediglich 0,8 Prozent.

EZB macht Anleihekäufe zu Geld

Die Notenbanker könnten auch an ein früheres Hilfsprogramm anknüpfen und ihre Geldpolitik auf diese Weise lockern. Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB Banken für mehr als 200 Milliarden Euro Staatsanleihen von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien ab, um die öffentlichen Haushalte dieser Länder zu stützen.

Weil Deutschland deshalb langfristig eine höhere Inflation fürchtete, versucht die EZB das viele Geld aus dem Finanzsystem herauszuhalten: Banken dürfen den Erlös der Anleihen bei der Zentralbank anlegen - zu relativ günstigen Konditionen. Das Angebot - Fachleute sprechen von der "Sterilisierung" der Anleihekäufe - könnte Draghi nun abschaffen. Entsprechend des Restwertes der Anleihen würden so auf einen Schlag etwa 170 Milliarden Euro in den Markt gespült. Bundesbank-Chef Jens Weidmann sagte kürzlich, er würde eine solche Maßnahme "nicht ausschließen".

Zinssenkung und Geldflut

Denkbar wäre auch eine Kombination beider Instrumente. Die EZB senkt den Zins und sorgt für eine zusätzliche Geldflut aus den früheren Staatsanleihenkäufen. Aktienstratege Carsten Klude von der Privatbank MM Warburg geht in diesem Fall nur von einer kleinen Zinssenkung um 0,1 bis 0,15 Prozentpunkte aus.

Für Commerzbank-Analyst Schubert würde die Notenbank ein stärkeres Signal senden, wenn sie beide Maßnahmen verbindet: "Es reicht nicht, nur Liquidität in den Markt zu geben." Sonst bleibe der Eindruck, dass die EZB große Schritte nur ankündige, aber nicht umsetze.

EZB unternimmt nichts

Hält die Notenbanker die Füße still, legen sie ein stärkeres Gewicht auf die jüngst freundlichen Signale aus der Wirtschaft. So stieg das Ifo-Geschäftsklima, das die Stimmung in 7000 deutschen Unternehmen misst, gerade auf den höchsten Wert seit mehr als zweieinhalb Jahren. Und die EU-Kommission traut der Eurozone nach zwei Rezessionsjahren nun wieder ein Wachstum von 1,2 Prozent zu. "Wir hatten sehr zufriedenstellende Daten, das Wachstum hat positiv überrascht. Daher sehe ich keinen Druck auf der EZB", sagt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank.

Joachim Scheide, Konjunktur-Experte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, spricht sich aus anderen Gründen gegen eine Zinssenkung aus. Sie würde Geld weiter verbilligen und damit tendenziell Preise nach oben treiben. In einigen Krisenländern Südeuropas sei aber genau das Gegenteil gefordert, so Scheide. "In Griechenland, Portugal und Spanien sind die Löhne und Preise zu hoch." Damit diese Länder wieder wettbewerbsfähiger werden, müssten die Preise fallen. Für Deutschland fürchtet der Geldpolitik-Experte dagegen eine Überhitzung. Sollten die Zinsen noch drei bis vier Jahre auf dem historisch niedrigen Niveau bleiben, könne es zum Beispiel zu einer Spekulationsblase am Immobilienmarkt kommen.

Quelle: n-tv.de

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