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Es werde Licht: Die Firma Drägerwerk tritt in Düsseldorf mit einer neuen OP-Leuchte an.
Es werde Licht: Die Firma Drägerwerk tritt in Düsseldorf mit einer neuen OP-Leuchte an.(Foto: picture alliance / dpa)

Sensor-Pflaster für digitale Patienten: Medizintechniker vernetzen das Bett

Den Arztbesuch der Zukunft können interessierte Patienten in Düsseldorf erleben: Der Branchentreff Medica gilt als weltweit wichtigste Schau für Trends in der Medizintechnik. Eine von zahlreichen Messeneuheiten: Die Diagnose von morgen beginnt am Handy.

Gelbsucht-Screening für Neugeborene: Das Messgerät "JM-105" kann laut Hersteller den Bilirubinwert bestimmen - und das ohne schmerzhafte Blutabnahme.
Gelbsucht-Screening für Neugeborene: Das Messgerät "JM-105" kann laut Hersteller den Bilirubinwert bestimmen - und das ohne schmerzhafte Blutabnahme.(Foto: picture alliance / dpa)

Noch ist es eine Zukunftsvision, doch weit entfernt ist dieses Szenario nicht: Der moderne Patient nimmt seine Behandlung selbst in der Hand, kontrolliert Werte wie etwa Puls oder Blutdruck am Smartphone und schickt die Daten anschließend per geschützter Datenverbindung zum Hausarzt. Was technisch naheliegend klingt, könnte tatsächlich schon bald Wirklichkeit werden, denn der Trend zur Telemedizin ist in der Welt der Medizintechnik ungebrochen.

Die Vorteile sind offensichtlich - lange Wartezeiten in der Praxis dürften damit bald der Vergangenheit angehören. Die Masse der Patienten wird telemedizinisch vorversorgt. Physisch zum Arzt bemühen muss sich dann nur noch, wer unklare Symptome aufweist. Die Hoffnungen sind groß: Eine große Bandbreite an Alltagsbeschwerden dürfte sich damit aus der Ferne abklären lassen - eine große Entlastung für Ärzte, Patienten und die Gesundheitskassen.

Für Branchenexperten ist das alles andere als Zukunftsmusik. Auf der am Mittwoch in Düsseldorf startenden weltgrößten Medizinfachmesse Medica dreht sich alles um Computer, Smartphones und Apps, die im besten Fall schnellere Diagnosen ermöglichen, zumindest aber brauchbare Hinweise für mögliche Krankheiten liefern können.

Unumstritten ist der technische Fortschritt dabei auch innerhalb des Healthcare-Sektors nicht. Die Trennung von Arzt und Patient gilt allen Vorteilen zum Trotz durchaus als problematisch. Einige sehen in der Telemedizin eine Chance für Routineuntersuchungen von Patienten etwa in ländlichen Gebieten. Kritiker dagegen bemängeln den fehlenden direkten Kontakt zum Arzt. Auch die Sicherheit der übertragenen Daten beurteilen Experten skeptisch.

Telekom präsentiert das Datenpflaster

Zumindest für die Messung des eigenen Fitnesszustandes kann Telemedizin allerdings schon heute hilfreich sein. Ein Sensor-Pflaster der Deutschen Telekom zum Beispiel speichert sieben Tage 20 Vitalwerte von der Schlafdauer über den Kalorienverbrauch bis zur Anzahl der täglich abgeleisteten Schritte.

Noch werden die Werte des Pflasters, das auf den Oberarm geklebt wird, über einen USB-Anschluss ausgelesen, demnächst soll das auch per Bluetooth gehen. Im Dezember soll das T-Pflaster nach Angaben der Telekom unter dem Handelsnamen "Metria" auf den Markt kommen.

Sendet direkt vom Oberarm: Das T-Pflaster der Telekom.
Sendet direkt vom Oberarm: Das T-Pflaster der Telekom.(Foto: picture alliance / dpa)

Für Kunden soll der Kaufpreis bei 99 Euro liegen - und damit ungefähr so viel wie ein einfaches Blutdruckmessgerät oder ein digitaler Pulsmesser. Eine erweiterte Version des Pflasters, das dann auch Herzfrequenzen messen kann, will die Telekom Anfang kommenden Jahres vorstellen.

Trend zum Selbstverdrahten

Eine weitere Messeneuheit: Ein handliches Langzeit-EKG misst bis zu sieben Tage die Herzaktivität und überträgt die Daten auf ein Computer-Tablet oder den PC des Arztes. Der Nutzer verkabelt sich selbst und bekommt auf dem kleinen Messgerät grünes Licht, sobald die Elektroden richtig sitzen.

Das Gerät von GE Healthcare, der Medizintechniksparte des US-Konzerns General Electric, ist mit rund 2000 Euro nicht eben billig und wird voraussichtlich nur an Ärzte oder Kliniken verkauft. Fachleute können chronisch Kranke oder andere Langzeitpatienten dann in den korrekten Gebrauch einweisen und somit häufig anfallende Routinebesuche vermeiden.

Siemens schafft das Kabel ab

Insgesamt zeigt sich: Behandlungsgeräte werden immer präziser und ausgefeilter. Der deutsche Industriekonzern Siemens zum Beispiel präsentiert auf der Medica das nach eigenen Angaben weltweit erste Ultraschallgerät mit kabellosem Schallkopf. Die Bilder werden per Funk übermittelt. Das vereinfacht zum Beispiel die Kontrolle von Herzkatheter-Eingriffen und gibt dem Arzt mehr Bewegungsfreiheit.

Das Ultraschallgerät der Firma Samsung hat zwar noch ein Kabel, aber es ist immerhin tragbar und nicht größer als ein Laptop. Es kann etwa bei Sportereignissen zur schnellen Diagnose von Verletzungen eingesetzt werden. Fußball-Nationalspieler Sami Khedira hätte damit womöglich noch am Spielfeldrand Näheres über seine schwere Knieverletzung erfahren können. Im Stadion dürften solche Geräte jedenfalls wohl bald schon zu sehen sein.

Online-EKG vom Unfallort

Auch, wenn es um Menschenleben geht, kann sich die neue Technik als nützlich erweisen. Noch im Rettungswagen könnte die schnelle webbasierte Übertragung von Daten in die Klinik den Unterschied zwischen Leben oder Tod ausmachen. Noch am Einsatzort lassen sich durch das System corpuls.web zum Beispiel EKG-Daten in Echtzeit über einen sicheren Server an die Klinik übertragen. Dort kann das Behandlungsteam dann alle Vorkehrungen treffen, um sich zum Beispiel auf die Aufnahme eines kritisch verletzten Unfallopfers, auf einen Schlaganfallpatienten oder besonders schwierige Geburtskomplikationen vorzubereiten.

Wenn es um Sekunden geht: Das mobile Herzfrequenz-Messgerät "Corpus" kann die gemessenen Daten in Echtzeit vom Unfallort zum Facharzt übermitteln.
Wenn es um Sekunden geht: Das mobile Herzfrequenz-Messgerät "Corpus" kann die gemessenen Daten in Echtzeit vom Unfallort zum Facharzt übermitteln.(Foto: picture alliance / dpa)

Für Laien bietet die Düsseldorfer Medizintechnikmesse ebenfalls interessante Neuerungen. Werdende Eltern, zum Beispiel, die sich auf Fotos ihres Babys im Mutterleib freuen, müssen nicht länger mit den Ausdrucken ihres Frauenarztes hausieren gehen. "Hello Mum" heißt eine Samsung-App, die Farbfotos des ungeborenen Kindes vom Ultraschallgerät aufs Smartphone der Eltern senden kann - vorausgesetzt, das Ultraschallgerät verfügt über die entsprechende Erweiterung.

Sensoren retten Pflegebedürftige

Ein großes Themenfeld der Messe befasst sich mit dem demografischen Wandel und den Herausforderungen der Pflege. Hilfen für alte und pflegebedürftige Menschen zählen auf der Medica zu den stark wachsenden Segmenten. Dort können Fachbesucher zum Beispiel rund 800 Euro teure Sensormatten begutachten, die vor dem Bett liegen, Stürze registrieren und dann Notrufe auslösen. An einem anderen Stand lassen sich voll vernetzte Betten testen, die über Sensoren melden, sobald ein pflegebedürftiger Mensch das Bett verlässt.

Im Szenario des Anbieters wird automatisch eine Nachricht an die Leitstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hilden geschickt. Über ein Mikrofon am Bett meldet sich eine freundliche Stimme und fragt, ob alles in Ordnung ist. Das vernetzte Bett ist bereits Realität: 20 bis 30 Euro Gebühr pro Monat kostet der Service.

Neu: Katastrophen- und Militärmedizin

An anderer Stelle kommt der Fortschritt auf eher leisen Sohlen. Auf der von Philips entwickelten Intensivstation verschwinden Maschinen hinter der Wand, es geht leise zu. Der Patient schaut in eine himmelsähnliche Lichtinstallation anstatt auf eine graue Zimmerdecke. Die Hoffnung: Vor allem ältere Patienten sollen so vor der Operation beruhigt werden.

Die Themenschwerpunkte der Medica liegen in diesem Jahr auf Themen wie Elektromedizin und Medizintechnik, Informations- und Kommunikationstechnik, Physiotherapie und Orthopädietechnik sowie Labortechnik und Diagnostica.

Die viertägige Messe beginnt am 20. November und erstreckt sich auf dem Düsseldorfer Messegelände über 17 Hallen und fünf Ausstellungsbereiche. Laut Veranstalter sind in den kommenden Tagen etwa 4500 Aussteller aus 70 Ländern zu erwarten. Ergänzt wird die Messe durch ein dichtes Begleitprogramm aus Konferenzen, Tagungen und Sonderschauen. Neu zum Beispiel ist in diesem Jahr die "1. Internationale Konferenz über Katastrophen- und Militärmedizinwesen" (DiMiMed). Für Messebesucher gibt es die Tageskarte im Vorverkauf ab 20 Euro.

Quelle: n-tv.de

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