Wirtschaft
Die Sparziele, die die Gläubiger Griechenland aufbrummen wollen, sind illusorisch. Das zeigen alle historischen Erfahrungen.
Die Sparziele, die die Gläubiger Griechenland aufbrummen wollen, sind illusorisch. Das zeigen alle historischen Erfahrungen.(Foto: REUTERS)

Sparziele in Griechenland: Mission Impossible für Athen

Von Hannes Vogel

Im Schuldenstreit verlangen die Geldgeber nichts weniger als ein historisches Wunder. Griechenland soll über Jahrzehnte Haushaltsüberschüsse abliefern. Die Geschichte zeigt: Kein Land der Welt hat das je geschafft. Nicht mal Deutschland.

Es ist trügerisch ruhig geworden im Schuldenstreit. Athens Parlament verabschiedet im Wochentakt Reformen, am Mittwoch steht Ministerpräsident Alexis Tsipras der nächste Showdown mit den Abweichlern in seiner Fraktion bevor. Griechenland müht sich, die Forderungen der Gläubiger zu erfüllen. Denn erst dann kann der nächste Akt in dem Drama beginnen: die Verhandlungen über das dritte Hilfspaket.

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In den nächsten Wochen werden Athen und seine Geldgeber die Details der Finanzhilfen ausarbeiten. Der Plan der Gläubiger steht: Griechenland liefert über Jahrzehnte massive Haushaltsüberschüsse beim Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank (EZB) und den Euro-Ländern ab und zahlt so seine Schulden zurück.

Doch damit schicken sie Griechenland auf eine unerfüllbare Mission. Jede historische Erfahrung zeigt: Die Sparziele, die nötig wären um Athen auch nur halbwegs von seinen Schulden zu befreien, lassen sich auf Dauer nicht durchhalten. Athen muss ein historisches Wunder vollbringen. Die Geldgeber verlangen von Griechenland, was noch kein Land der Welt je geschafft hat. Auch Deutschland nicht.

Athen ist auf historischem Irrweg

Auf schwindelerregende 200 Prozent der Wirtschaftsleistung wird die griechische Schuldenquote laut IWF wohl bis 2017 steigen. Wenn Athen sie in den nächsten 20 Jahren auch nur halbieren will, müsste es dafür einen sogenannten Primärüberschuss (Haushaltsüberschuss ohne Zinszahlungen) von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung erzielen - für zwei Jahrzehnte. Kaum ein Land hat solche Sparquoten aber auch nur ein Jahrzehnt durchgehalten.

Schon im vergangenen Jahr haben die Ökonomen Barry Eichengreen von der University of California, Berkeley und Ugo Panizza vom Genfer Graduate  Institute die EU-Sparpläne anhand von 54 Industrie- und Entwicklungsländern dem historischen Faktentest unterzogen. Das Ergebnis: Zwischen 1974 und 2013 haben nur drei Länder für mindestens zehn Jahre einen Primärüberschuss von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts durchgehalten: Belgien, Norwegen und Singapur. Alle drei sind Ausnahmen: Belgien sparte auf äußeren Druck, um die Euro-Aufnahmekriterien zu schaffen. Norwegen hatte Öl. Und Singapur ist eine autoritäre Diktatur, die gegen die Bevölkerung regiert.

Selbst Sparquoten von im Schnitt drei Prozent jährlich haben nur weitere acht Länder über mindestens ein Jahrzehnt geschafft: Kanada, Dänemark, Finland, Italien, Korea, Neuseeland, die Türkei und Irland. In Belgien hielt die Sparserie insgesamt sogar 22 Jahre, in Irland 21 Jahre. Doch all diese Erfolgsgeschichten taugen kaum als Vorbild für Griechenland. Denn Dublin und Co. hatten etwas, was Athen nicht hat: eine eigene Währung, die sie abwerten konnten, um so die Konjunktur anzukurbeln.

Und selbst Deutschland hat nie das erreicht, was es von Griechenland verlangt: Laut IWF hat Berlin zwar in 15 der letzten 25 Jahre einen Primärüberschuss erzielt. Doch die Sparserien rissen nach höchstens vier Jahren. Und der höchste Überschuss in einer Periode betrug im Schnitt gerade mal 1,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Sobald mehr Geld in der Staatskasse ist als gebraucht, formiert sich in Demokratien Druck, es auszugeben. Die Wähler machen Kürzungen nicht lange mit.

Sparen muss man sich leisten können

Die wichtigste Erkenntnis der Forscher lautet deshalb: Einigermaßen dauerhaft gespart wurde meistens, wenn gleichzeitig die Wirtschaft brummte. Denn dann mussten Regierungen nicht wirklich sparen, sondern konnten es sich einfach leisten, weil die Steuereinnahmen sprudelten. Nach den historischen Fakten sind Überschüsse weniger die Belohnung für das strebsame Fasten von Finanzministern. Sondern vor allem ein Nebenprodukt guter Konjunktur.

Genau diese wachsende Wirtschaft fehlt Griechenland aber. Schon bevor die Verhandlungen über das dritte Hilfspaket begonnen haben, hat die EU-Kommission vergangene Woche den Offenbarungseid über ihre eigenen Sparpläne geleistet. Die griechische Wirtschaft wird dieses Jahr zwischen zwei und vier Prozent schrumpfen, schätzten die Beamten. Erst 2017 rechnen sie wieder mit Wachstum, aber nur falls sich die politische Lage und die Banken stabilisieren.

Was ist also die Alternative zum Sparen? Eichengreen und Panizza sehen drei Möglichkeiten. Die Euro-Länder beginnen einfach, mit den hohen Schuldenquoten zu leben - schließlich sind die Maastricht-Kriterien willkürliche Grenzen, die politisch festgelegt wurden. Sie sorgen für mehr Wachstum. Oder sie streichen einen Teil der Schulden. Die Entscheidung darüber liege bei der Politik, schreiben die Forscher. Doch eines ist klar. "Ein Szenario, in dem sich Europas Offizielle vorstellen, dass die Schuldenquoten in 20 Jahren auf 60 Prozent gedrückt werden, ist unplausibel. Eine offizielle Strategie mit diesem Ziel und der Unwille, realistischere Alternativen zu diskutieren, helfen niemand."

Quelle: n-tv.de

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