Wirtschaft
Einer der anspruchsvollsten Jobs in Deutschland: Ein Bahnchef sitzt schnell zwischen allen Stühlen.
Einer der anspruchsvollsten Jobs in Deutschland: Ein Bahnchef sitzt schnell zwischen allen Stühlen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 31. Januar 2017

Zeitenwende bei der Bahn: Mit Bahnchef Grube endet eine Ära

Von Martin Morcinek

Der überraschende Rückzug von Deutschlands oberstem Eisenbahner reißt eine klaffende Lücke. Grube ist erst der vierte Mann an der Spitze der Bahn. Sein Rückzug befördert den Staatskonzern ungewollt in eine neue Epoche.

Die Entscheidung kommt ohne Vorwarnung – und sie erschüttert einen der größten Arbeitgeber Deutschlands: Rüdiger Grube wirft hin. Der Chef von rund 300.000 Mitarbeitern in aller Welt gibt seinen Posten als Vorstandsvorsitzender zu Wochenbeginn mit sofortiger Wirkung auf. Hintergrund sollen Streitigkeiten mit dem Aufsichtsrat sein.

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Der Rücktritt erwischt nicht nur die Bundesregierung auf dem falschen Fuß. Grubes Abgang im Zorn erschüttert vor allem auch den Bahnkonzern selbst. Schließlich verkörpert der Bahnchef die Strategie von Deutschlands wichtigstem Verkehrsunternehmen.

Grube ist erst der vierte Bahnchef seit der Wiedervereinigung. Jeder einzelne seiner Vorgänger stand für schwierige Streckenabschnitte auf dem Weg von DDR-Reichsbahn und Bundesbahn hin zu einem modernen Unternehmen, auf das sich Millionen Menschen im Regional-, Nah- und Fernverkehr tagtäglich verlassen.

Die Aufgabe an der Bahnspitze ist alles andere als einfach. Im Prinzip steht das Unternehmen seit der Gründung der Deutschen Bahn AG im Jahr 1994 noch immer auf halber Strecke zwischen Staatskonzern und freier Wirtschaft. Der Bahnchef selbst sitzt dabei zwischen allen Stühlen: Eingesetzt von der Politik, muss er unter den strengen Blicken von Staatssekretären, Betriebsräten und Gewerkschaftern zwischen oft widersprüchlichen Zielen wie Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung vermitteln.

Aufbruch ins Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge: Der damalige Bahnchef Heinz Dürr bei der Vorstellung des "Intercity Express" 1991.
Aufbruch ins Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge: Der damalige Bahnchef Heinz Dürr bei der Vorstellung des "Intercity Express" 1991.(Foto: picture alliance / dpa)

Bahnchef Heinz Dürr zum Beispiel trat kurz nach dem Mauerfall noch als Präsident der Bundesbahn an, um den westdeutschen Schienenverkehr samt Bahnbeamten und Material mit der DDR-Reichsbahn zu verschmelzen - oder zumindest möglichst reibungslos zusammenzuführen. In seine Amtszeit fällt die Gründung der Deutschen Bahn AG im Jahr 1994, die Umsetzung der großen Bahnreform und der Start der ICE-Verbindungen in Deutschland.

Bahnreform ohne Ende

Dürrs Nachfolger Johannes Ludewig bemühte sich ab 1997, die Pünktlichkeit im deutschen Bahnverkehr zu verbessern, die Auslastung zu erhöhen und das Betriebsergebnis zu steigern. Er konnte sich nur zwei Jahre im Amt halten. In seiner Zeit als Bahnchef musste er den Konzern in seiner bislang schwersten Stunde in der Öffentlichkeit vertreten: Bei dem Zugunglück von Eschede kamen 1998 mehr als 100 Menschen ums Leben.

ICE der dritten Generation: Johannes Ludewig bei der Präsentation in Stuttgart.
ICE der dritten Generation: Johannes Ludewig bei der Präsentation in Stuttgart.

Abgelöst wurde der international ausgebildete Akademiker Ludewig kurz darauf von einem Mann, dem der Ruf eines "Machers" vorauseilte: Der gelernte Maschinenbauingenieur Hartmut Mehdorn sollte ab der Jahrtausendwende die Transformation der Bahn ankurbeln und den Konzern fit für den Wettbewerb machen.

Reiseziel Börsengang

Mehdorn musste zwar Prestigeprojekte wie den Magnetschwebezug Transrapid begraben, konnte dafür aber immerhin öffentlichkeitswirksame Großbauten wie den Berliner Bahntower und den Hauptstadtbahnhof einweihen. Sein großes Ziel, den Börsengang, erreichte der streitbare Mehdorn nicht. Im März 2009 stolperte er über eine Datenaffäre, bei der es auch um das Ausspähen der eigenen Mitarbeiter ging.

Hartmut Mehdorn: Der Bahnchef mit der bislang längsten Amtszeit.
Hartmut Mehdorn: Der Bahnchef mit der bislang längsten Amtszeit.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Sein Nachfolger, Rüdiger Grube, galt vielen Beobachtern als Idealbesetzung im Chefsessel der Deutschen Bahn: Als studierter Wirtschaftspädagoge mit Erfahrungen im Flugzeugbau konnte Grube zwischen den Welten von Eisenbahnern, Kunden und Politikern vermitteln. In seine Zeit als Bahnchef fielen Bahnstreiks und Kostensteigerung bei dem Großprojekt Stuttgart 21 ebenso wie versagende Klimaanlagen in der ICE-Flotte, das Stellwerksdebakel von Mainz, die Anbindung der Bahn an das digitale Zeitalter und der Aufstieg der neuen Fernbus-Konkurrenz.

Das Gesicht der Bahn

Grube verkörperte dennoch viele der positiven Eigenschaften seiner Vorgänger: In seiner Zeit als Bahnchef konnte er höhere Ticket-Preise durchsetzen, zumindest zeitweise bessere Zahlen einfahren und eine harte Linie im Dauerstreit mit den Gewerkschaften durchziehen, ohne dabei das freundliche Gesicht des Mannes an der Spitze eines Weltkonzerns zu verlieren.

Wer in Grubes Fußstapfen treten soll, ist noch unklar. Sein Rücktritt erwischte Verkehrsminister Alexander Dobrindt auf dem falschen Fuß. Weil die Deutsche Bahn AG nach wie vor zu 100 Prozent in Staatshand liegt, fallen Angelegenheiten des Konzerns in sein Ressort. Zügig muss sich Dobrindt jetzt um geeignete Kandidaten kümmern - für einen der anspruchsvollsten Posten, den Deutschland zu bieten hat. Es wird nicht einfach werden, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Quelle: n-tv.de

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