Wirtschaft
Bargeld ist Geschmackssache. Und sollte es bleiben.
Bargeld ist Geschmackssache. Und sollte es bleiben.(Foto: REUTERS)

Diese Freiheit bewahre ich mir: Nur Bares ist Wahres

Ein Kommentar von Samira Lazarovic

Der Wirtschaftsweise Bofinger fordert die Abschaffung des Bargeldes und kriegt Applaus. "Schluss mit Schwarzarbeit und Drogengeld, wer ein reines Gewissen hat, hat nichts zu befürchten", heißt es mal wieder. Wirklich?

Bargeld ist einfach lästig. Münzen beulen die Hosentaschen aus und landen daher oft im Hut des Straßenmusikanten. Scheine sind grundsätzlich zu groß. Auch beim Online-Shopping nützt Bargeld nichts, schließlich hat ein Smartphone kein Münzschlitz. Kein Wunder also, dass der Wirtschaftsweise Peter Bofinger Bargeld für einen "Anachronismus" hält, der abgeschafft gehört. Diese Idee ist nicht neu, auch der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff oder der US-amerikanische Ex-Finanzminister Larry Summers sprechen sich für eine Welt ohne Bares aus. Das ist – bei allem Respekt – viel zu kurz und enorm theoretisch gedacht.

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Sicherlich hat ein treuer Ehemann nicht zu befürchten, dass seine liebe Gattin den "Hot-Kitty-Klub" auf der Kreditkartenabrechnung findet. Aber nicht jeder ist bereit, ein gläserner Konsument zu sein. Das sollte eine Gesellschaft respektieren. Einige shoppen gerne im Internet und nehmen für einen Preisnachlass kundenoptimierte Werbung in Kauf, andere gehen nun einmal lieber in den Laden.

Zudem sollte man sich seiner gesellschaftspolitischen Privilegien nicht für alle Ewigkeit sicher sein. Was wäre zum Beispiel, wenn irgendwann Zahlungsströme für Arbeitgeber und Krankenkasse legal einsehbar wären? Eine Pflege-Zusatzversicherung für diesen Fast-Food-Liebhaber? Lieber nicht. Diese Frau hat in den vergangenen Monaten mehrere Schwangerschaftstests gekauft? Dann ist der Managerposten wohl erstmal nichts für sie. Andere düstere Zukunftsvisionen, in denen selbst hierzulande die Freiheit von Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Andersliebenden wieder eingeschränkt sein könnten, will man sich gar nicht erst ausmalen.

Unsinn, rufen da die Befürworter. Nur ohne Bargeld könne man Schwarzarbeit, Steuerbetrug, Drogengeld und was es sonst noch an krimineller Wirtschaft gibt, austrocknen. Außerdem könne in einer freien Gesellschaft doch jeder dieser Maßnahme zustimmen, der ein reines Gewissen hat. Dieses Argument gab es schon in der Überwachungs-Debatte. Das macht es nicht besser.

Abgesehen davon, dass ein gutes Gewissen trügen kann, hat kriminelle Energie schon immer Wege gefunden, sich zu finanzieren. Das geht auch bargeldlos – wie die brandneue, völlig staubfreie elektronische Währung Bitcoin zeigte. Das macht den Bitcoin nicht schlecht. Das bargeldlose Zahlen aber auch nicht besser.  

Bargeldlos ist teuer

Vielleicht überzeugt die Reinen-Westen-Träger aber auch ein anderes Argument: Peter Bofinger wies auch auf die geldpolitischen Erwägungen hin: "Wenn man auf zinsloses Bargeld ausweichen kann, kann eine Zentralbank den Leitzins nicht allzu weit unter Null senken, selbst wenn das sinnvoll wäre, um eine lahmende Wirtschaft wieder in Gang zu bringen." Bedeutet: Ohne Bargeld kann eine Zentralbank einfacher Negativzinsen durchsetzen.

Zentralbanken steuern die Spar- und Kreditzinsen, in dem sie ihre Leitzinsen verändern. Derzeit sind die Zinsen im Euroraum nicht nur extrem tief, sie liegen teilweise sogar schon im Minus, denn die EZB will mit dem billigen Geld die Wirtschaft wieder ankurbeln. Rutschen die Zinsen allerdings zu tief ins Minus, gibt es für die Bankkunden keinen Grund mehr, ihr Geld auf dem Konto zu halten – sie fangen an, Bargeld zu horten.

Zudem fallen für Kreditkarten und andere bargeldlose Serviceangebote in der Regel Gebühren an. Die stellen zwar rein ökonomisch kein Negativzins dar, belasten das Kreditkarten-Mäppchen aber dennoch.

Am Ende wird auch die Bargeld-Diskussion vermutlich eine theoretische bleiben. Die gute Nachricht für alle Kreditkarten- und Paypal-Liebhaber ist, dass sie schon fast überall bargeldlos zahlen können, wenn sie dies wünschen – in Großstädten wie Berlin und Frankfurt selbst an Parkscheinautomaten. Bleiben noch ein paar Münzen für den Straßenmusikanten übrig.

Quelle: n-tv.de

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